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Sponsoren-Suche: Italiens zerbröselndes Erbe

Von , Rom

Pompeji zerfällt, das Kolosseum verdreckt - Italien hat viel Kultur, aber wenig Geld für die Erhaltung. Jetzt sollen Sponsoren helfen.

Italiens bröckelnde Bauten: Nudelwerbung über der Spanischen Treppe Fotos
AFP

Gerade erst war Ignazio Marino drüben, in den USA, wo er einst als Chirurg in Transplantationszentren gearbeitet hat. Seit gut einem Jahr ist der 59-Jährige Bürgermeister von Rom. Auch das ist kein leichter Job: Verkehrsinfarkt, Müllnotstand, Schulden bis zum Hals. Und ein kulturelles Erbe, dessen Pflege mehr Geld erfordert, als Marino in der Stadtkasse hat. Deshalb der Trip nach Kalifornien, um Spender zu suchen.

Mit Videoclips und Diashows will er unter schwerreichen US-Unternehmern Sponsoren für das Weltkulturerbe seiner Stadt suchen - "manche machen mehr als 100 Milliarden Umsatz im Jahr", sagte er vor dem Abflug stolz. Was dabei herumkam, wird man sehen. Umstritten ist seine Idee auf jeden Fall. Nicht nur Kulturpuristen fürchten den Ausverkauf antiker Stätten, die Verschandelung barocker Fassaden, die "Disneyisierung" mittelalterlicher Bauten.

Unbegründet ist die Sorge nicht. Vielerorts vermieten Kommunen bei der Renovierung oder Restaurierung von Großbauten längst die Gerüstverkleidungen als Werbeflächen. Schön sieht das selten aus, manchmal ist es richtig grauslich.

Das schlimmste Beispiel dafür bot Venedig. Dort brauchte die Stadtregierung vor ein paar Jahren 2,8 Millionen Euro für die Renovierung des Dogenpalastes und der Seufzerbrücke. Sie verhökerte die Wände an die Coca Cola Company und Bulgari.

Für monatlich 40.000 Euro zierten danach gigantische knallbunte Werbeplakate das weltberühmte Ensemble. Nachts grell illuminiert. Kunstliebhaber, Museumsdirektoren, Architekten in aller Welt erregten sich. Venedigs Gondolieri schämten sich, wenn ihre fassungslosen Gäste nach der Seufzerbrücke fragten.

Supermarktwerbung an der Ponte Vecchio

Auch Florenz ging bei der Geldbeschaffung vor ein paar Jahren rabiat vor. Eine Supermarktkette durfte die von ihr bezahlten Reparaturarbeiten am Ponte Vecchio mit einem riesigen Werbevorhang abdecken. So lange, bis die Bevölkerung rebellierte, der Bürgermeister der hässlichen Sache eine Ende machen und der Supermarkt sich öffentlich entschuldigen musste.

Ohne private Mittel droht Italiens Kulturschätzen allerdings der schleichende Untergang. Überall bröckelt es. In Pompeji zum Beispiel stürzen schon Mauern ein, zerfallen Wandmalereien, jetzt wurde sogar ein Fresko gestohlen. Vom Personal, vermutet die Polizei. Und Pompeji ist ja nur das berüchtigtste Beispiel.

43 Weltkulturerbe-Monumente hat Italien, knapp 60.000 weitere archäologische Stätten, fast 5000 Museen - der Welt größter Kulturschatz. Den zu erhalten, vermag der hochverschuldete, ineffiziente Staatsapparat nicht, sagt Italiens Kulturminister Dario Franceschini. Deshalb müsse man sich auch privaten Angeboten öffnen.

Offenbar haben Kommunen wie werbeinteressierte Unternehmen dabei auch dazu gelernt. Heute gibt es etliche Beispiele für eine dezentere Kooperation beim Kultur-Sponsoring. Etwa bei der Restaurierung des römischen Trevi-Brunnens, die im Juni dieses Jahres begonnen hat.

Natürlich waren die anreisenden Touristen zunächst enttäuscht, sobald sie erfuhren, dass der spätbarocke Brunnen, Inbegriff des römischen Dolce Vita, derzeit ohne Wasser und mit Baugerüsten verkleidet ist. Aber 250.000 Besucher kamen schon im ersten Monat gleichwohl und erlebten eine gelungene Alternative: die Baustelle als Sehenswürdigkeit.

Transparente Verkleidungen geben den Blick auf die Arbeiten frei, ein verglaster Steg führt quer über den Brunnen. Und vom Sponsor, der italienischen Modegruppe Fendi, die zwei Millionen Euro dafür hergibt, fehlt auffallende Werbung - nur eine kleine schlichte Tafel wird später an den Spender erinnern. Und Fendi will weitere römische Brunnen sanieren.

Auch der Juwelier Bulgari macht heute keinen großen Wirbel mehr um seine Spende zur Aufarbeitung der Spanischen Treppe, so wie der japanische Unternehmer Yuzo Yagi, der bei der Sanierung der Cestius-Pyramide finanziell hilft.

25 Millionen Euro? Keine Frage

Selbst Venedig hat derweil einen Sponsor gefunden, der viel Geld für wenig Werbung gibt. Renzo Rosso, der Erfinder der erfolgreichen Jeans-Marke Diesel, stiftet fünf Millionen Euro zur Sanierung der Rialto-Brücke und verspricht, dass sein Label während der 18-monatigen Arbeiten zwar präsent, aber "so wenig wie möglich störend" sein werde.

Doch ganz wohl ist den meisten Italienern trotz solcher Positivbeispiele nicht bei der Allianz von Geschäft und Kultur. Sie trauen ihren Oberen nicht, egal ob sie das Land oder die Stadt verwalten. Am Ende, so die Angst, steht der Ausverkauf. "Ich habe große Sorge, dass die Regierung keine klare Linie hat", umschrieb es kürzlich die Kunstprofessorin Luisa Catoni in einem Interview.

So bekam auch Diego Della Valle, der Inhaber des Top-Schuhlabels Tod's, zunächst wenig Zustimmung, als er 2011 verkündete, er werde die Restaurierung des im Jahre 79 erbauten Kolosseums mit 25 Millionen Euro unterstützen. Bürgervereinigungen und Gewerkschaften lehnten das Angebot dankend ab, der Milliardär suche doch nur Werbefläche.

Es dauerte zwei Jahre, bis die gesponserten Arbeiten beginnen konnten. Der erste Abschnitt ist inzwischen fertig. Neue Räume und Gänge sind für die Besucher erschlossen, und etliche Mauerbögen sind die ursprünglichen Farben zu sehen, wo bislang nur schmutziges Dunkelgrau war.

Im Gegenzug prangt das Tod's-Logo auf den Abdeckplanen, wenn auch dezent, und auf jeder Eintrittskarte. Dazu darf Della Valle 15 Jahre lang seine gute Tat am weltberühmten Bauwerk für seine Werbung nutzen. "Wir wussten es doch", mäkeln die Kritiker.

Ohne Della Valles Millionen wäre das stark beschädigte und seit Jahren bröckelnde Bauwerk bald nicht mehr zu retten gewesen, sagen hingegen die Archäologen vor Ort.

Und für Roms Bürgermeister ist die Sache sowieso ganz einfach. "Wenn dir jemand 25 Millionen Euro zur Rettung des Kolosseums anbietet, was tust du? Du nimmst sie."

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insgesamt 26 Beiträge
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    Seite 1    
1. Millionen von der EU
spiegelleser987 28.09.2014
Da sollte man das mal in Kosmetikstudio, Bäckerei, Tierarztpraxis, Wettbüro oder Hafen umbenennen. Dann gibt es Millionen von der EU. Müssen aber verwandte sein .... http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/europa/EUFoerdergeld-landet-im-Kosmetikstudio/story/25720596
2. Hehe
Flying Rain 28.09.2014
Ich kann mir gut ein eingemeißltes Apple-Logo oder den Google-Schriftzug im Kolosseum vorstellen...
3. Korrupter geht es nicht mehr
unknowx 28.09.2014
Italien's Parlament od Ladensregierungen koennten einfach ein Gesetz unterbreiten, wie anderswo auf der Welt, mit welchem diese Werbung einfach verboten wuerde. AUf den Flaechen koennte die das Kultusministerium, Landesbehoerden od Komunen einfach ein neutrales Manifest anbringen, auf welchen neben den Logo ihrerselbst die Markenlogos der Sponsoren aufgelistet werden. Und meintewegenauf den Tickets oder deren Rueckseite. Mit diesem bestehender Manier gehen zig. Millionen auf irgendwelche Schwarzkonten, oder durch die Waschmaschine der Parteispenden. Naja, vielleicht ist es eben gerade egen dieses Gehabe, dass die Bevoelkerung die Schnauze voll hat. Geld versinkt immer irgendwo, und das Kulturerbe weiter die Kanalisation runter. Bella Italia !
4.
eryx 28.09.2014
Dabei hat das allerbeste Tradition. Wenn in der Antike ein reicher römischer Bürger irgendwelche Stätten gebaut oder restauriert hat, wurde das auch überall draufgeschrieben ;) Diese Art von Werbung muss man eben akzeptieren, wenn man solche Stätten erhalten will. Natürlich sollte man sich über eine erträgliche Form einigen.
5. Das hat weniger mit Geld zurun
gmbr 28.09.2014
sondern wie die Prioritäten gesetzt werden. Politisch und gesellschaftlich gaben wohl alle auf kurzfristiges Denken umgeschaltet! Schade
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Fläche: 301.336 km²

Bevölkerung: 60,796 Mio.

Hauptstadt: Rom

Staatsoberhaupt:
Sergio Mattarella

Regierungschef: Matteo Renzi

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