Caffè-Nostalgie in Italien Komm doch, Starbucks

Starbucks will Italien erobern - und plant, mit einer riesigen Rösterei in Mailand den Anfang zu machen. Müssen die Traditionscaffès des Landes die Kette aus den USA fürchten? Nein, wenn sie bleiben wie diese Klassiker.

Robert Harding / imago

Geht alles nach Plan, dann wagt sich im nächsten Jahr Starbucks erstmals nach Italien. Jawohl, ins Espresso- und Cappuccino-Paradies! Von Mailand aus plant die US-Kette, die weltweit über 25.000 Niederlassungen zählt, die Eroberung - zunächst mit der Eröffnung einer riesigen Rösterei, dann mit zehn bis zwölf Filialen im ersten Jahr.

Und das, wo doch Kaffee Teil der italienischen Identität ist. Oder hat jemand jemals einen teetrinkenden Italiener am Tresen im Caffè stehen sehen? Mancher jedenfalls reagierte indigniert ob der Anmaßung made in USA.

Dabei könnte Bella Italia angesichts ihrer Traditionscafés ganz entspannt der Invasion von kaffeehaltigen Heiß- und Kaltgetränken entgegensehen. Was ist schon ein Caramel Flan Latte im XL-Pappbecher gegen einen doppelten Espresso in einer dickwandigen Porzellantasse?

Wir haben die Klassiker unter den Caffès Italiens besucht - hier können sich die Starbucks-Macher noch einiges abschauen.

Caffè degli Specchi in Triest: Gegründet durch einen Griechen

Das Zentrum der Kaffeekultur heißt Triest. Hier wird seit Jahrhunderten Kaffee importiert, gehandelt und geröstet. Angeblich bringt es ein Einwohner dieser Stadt auf 1500 "Nero" (Espresso) pro Jahr. Bekannte Röstereien wie Hausbrandt und Illy haben hier ihren Sitz.

Als Besucher kommt niemand um das Caffè degli Specchi im prächtigen Palazzo Stratti herum. Allein schon wegen der Lage an der Piazza dell'Unità d'Italia, dem Wohnzimmer der Stadt.

Die Institution ist ein typisches Kind der Habsburger Gründerzeit: Ein Grieche gründete das Caffè 1839 im Stil eines Wiener Kaffeehauses. Noch heute würden berühmte Literaten wie Franz Kafka und James Joyce es wiedererkennen, denn die Einrichtung mit den Wandspiegeln und der langen Espressotheke haben sich kaum verändert.

Caffè Florian am Markusplatz
S. Ehegartner / SRT

Caffè Florian am Markusplatz

Caffè Florian in Venedig: Das Älteste des Landes

Das älteste Caffè des Landes ist jedoch das Florian in Venedig. Seit 1720 befindet sich das Café unter den Arkaden am Markusplatz. Zentraler geht es nicht, teurer wohl auch kaum. Wer sich den Cappuccino im zuckrigen Neo-Rokoko-Interieur von einem der immer leicht schnöseligen Kellner auf dem Silbertablett servieren lässt, der zahlt derzeit zwölf Euro - pro Tasse.

Doch dieser Preis sollte wie ein Museumseintritt betrachtet werden: Nirgendwo anders wird die Vergangenheit Venedigs so lebendig wie hier. An den wackligen Tischchen haben sie alle schon am Espresso genippt - Goethe, Balzac und Proust, aber natürlich auch Richard Wagner und Thomas Mann.

Zudem war das Caffè Florian auch ein Zentrum des Widerstands. Hier traf sich 1848 der italienische Widerstand, um Pläne gegen die Habsburger Herrschaft zu schmieden.

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Italiens schönste Caffès: Un espresso, per favore!

Caffè Gilli in Florenz: Das Süße

Die Glastheke mit Eclairs, bunten Obsttörtchen und Petit fours des Caffè Gilli in Florenz scheint kein Ende zu nehmen. Auf Pasticceria, also Konditoreiwaren, ist dieses Haus seit seiner Gründung 1733 spezialisiert. Schließlich waren seine Gründer Feinbäcker aus der Schweiz.

Das heutige Café zog erst 1917 an die Piazza Republica, aber schon davor war es ein wichtiger Treffpunkt der Florentiner. Vor allem in den unruhigen Zeiten um 1848 avancierte das Gilli zum Treffpunkt für Intellektuelle, denen die Unabhängigkeit Italiens ein Anliegen war. Heutzutage besitzt das Café den Belle-Epoque-Charme des frühen 20. Jahrhundert mit langen Polsterbänken und vertäfelten Wänden.

Caffè Sant Eustachio in Rom: Schwarz und konzentriert

Nichts für erschöpfte Besucher, die unbedingt sitzen wollen, ist das Caffè Sant Eustachio in Rom. Mitten in der Altstadt zwischen Piazza Navona und Pantheon erinnert diese Espressobar so gar nicht an großartige Zeiten. Stattdessen konzentriert sie sich seit 1938 auf das Wesentliche: hausgerösteten Kaffee, für den sich lange Schlangen bilden.

Der Barista will nur wissen, ob er den Gran Caffè auch süßen soll, bevor er ihn auf den Tresen stellt. Diesen doppelten Espresso genießen die Römer dann im Stehen umgeben von Vitrinen und Stapeln gelber Dosen und Verpackungen, in denen der berühmte Kaffee auch verkauft wird.

Grüner Salon ím Caffè Pedrocchi
S. Ehegartner / SRT

Grüner Salon ím Caffè Pedrocchi

Caffè Pedrocchi in Padua: Das Pfefferminzgrüne

Grün, Weiß, Rot - Italiens Nationalfarben bestimmen die Farben der drei Salons des Caffè Pedrocchi in Padua. Die Spezialität des Hauses ist ein sehr heißer Espresso mit grünem Schaum. Der Trick: Die Farbe stammt von mit Pfefferminze versetzter Milch.

1831 zog das Pedrocchio zentral in die Nähe von Universität, Rathaus und Markthalle. Das Kaffeehaus ist bekannt für seinen eklektischen Baustil, außen venezianisch-ägyptisch und innen neoklassizistisch mit hohen Decken und Säulen. Die Farben wiesen jeder Gästegruppe ihren Raum zu: Im grünen Salon trafen sich Studenten sowie weniger Wohlbetuchte und wurden von den Kellnern in Ruhe gelassen. Im weißen Salon wurde Mittag- und Abendessen serviert. Rot dominierte dagegen im Hauptraum mit dem obligatorischen langen Tresen und den Kuchenvitrinen.

Verständlich, dass angesichts der Nationalfarben das Café während des Unabhängigkeitskriegs ein wichtiger Ort war. So wichtig, dass die österreichische Armee das Caffè 1848 sogar angriff.

Tinga Horny , srt

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insgesamt 97 Beiträge
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m_e_m 30.03.2017
1. Never ever ... Italien ceep cool
Mal ehrlich, in Italien lernen Kinder schon bei den Großeltern wie guter Kaffee schmeckt. 25-40 ml in kleinen Tassen. Ich knn mir nicht vorstellen, dass Starbucks hier erfolgreich sein wird. Wenn dann lernen die Jungs und Mädels eher wie guter Kaffe ohne Sirup und sonstigen Schmarrn schmeckt. ? ich sehe schon wie das läuft - die Angestellten laufen in der Pause kurz in die nächste Espressobar für einen kurzen Caffée.
caneslunarum 30.03.2017
2. No Sweat!
Nach meinen persönlichen Italienerfahrungen braucht man sich in Italien keine Sorgen um Starbucks zu machen. Selbst auf einem Bahnhofsklo oder an der hinterletzten Raststätte, angeschlossen an eine riesige LKW Reparatur Werkstatt, bekommt man für ca. 1,-€ - 1,50€ einen Kaffee der zumindest in der deutschen Gastronomie seinesgleichen sucht und nahezu nie findet! Nimm dazu die vor allem aus finanziellen Interessen von Starbucks bevorzugten Robusta Bohnen und zumindest die Italiener werden sich mit Ekel abwenden. Anders sieht das natürlich bei Hipstern und Touristen aus, die sich nach drei Tagen guter Speisen nach McDonalds sehnen, machen wir uns nichts vor, die geben auch gerne 4,-€ und mehr für ihren tall latte etc. aus, Hauptsache trendig.
mahabali310 30.03.2017
3. Starbucks nein
Italienische Cafes sind zwar an manchen Orten schweinisch teuer, aber auf die teuren Starbucks-Cafes kann ich gerne verzichten. US-Starbucks haben in Italien nichts zu suchen!
112211 30.03.2017
4. Starbucks usw
Die aufgeführten Cafés sind wohl nicht das, was man unter der kleinen Espressobar in Italien versteht. Schnell morgens rein, einen Espresso, einen Keks und eine Zigarette und genauso schnell weiter ins Büro ... und das alles für wenig Geld. Die Klientel dieser Haltung dürften Großketten wie Starbucks nicht genügend Geld in die Kassen spülen, da deren Hauptaufgabe nicht Teil der Lebenskultur sondern Erzielung von Gewinnen ist. Wenn sich nun ein größerer Teil der Italiener für den überteuerten Kaffee, der noch nicht einmal besonders gut ist, bei Starbucks entscheiden, so ist denen auch nicht mehr zu helfen. Ebenso wenig wie jenen, die meinen, man könnte bei Mc Donalds essen.
psicomantis 30.03.2017
5.
Jeder Italiener weiss: es gibt zwei Caffé Kulturen in Italien: Trieste und Neapel. Leider vergisst man oft (vor allem in Deutschland) eine wichtige teil Italiens zu erzählen. Wie kann man Caffé Gambrinus in Neapel vergessen? Caffé ist genauso wichtig wie pizza in Neapel und bin mir sicher dort Starbucks hat kein Chance. Ein Espresso kostet 70 cent und ist richtig lecker.
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