Liebesbrief an eine Stadt Du hast ein wildes Herz, Johannesburg

Johannesburg ist eine Stadt im Aufbruch. Als gefährlich gilt sie noch und übt doch eine besondere Faszination aus. Wer Südafrikas größte Metropole besucht, vergisst sie nicht - oder verliebt sich gar.

Franziska Bulban

Von


Verdammt, Johannesburg,

ich habe ein Problem. Ich mag Dich zu gern, obwohl ich Dich gar nicht lange kenne. Alle anderen Städte scheinen mir auf einmal langweilig. Ständig versuche ich, Deinen Namen zu erwähnen.

Ich kann es nicht lassen, jeder sollte von Dir wissen; von Deinen Einwanderern aus aller Welt, von Deinen Graffiti, von der verstörenden Wut, den kaum verheilten Wunden, der Aufbruchstimmung. Wird sonst irgendwo der Kampf zwischen Kommerz und Lebensraum, zwischen Herkunft und Zukunft so intensiv ausgefochten wie in Deinen Straßen?

Ich hatte nicht damit gerechnet, mich in Dich zu verknallen. Klar, es gab Stimmen, die von Dir schwärmten. Der britische Reiseführer "Rough Guide" erklärte Dich gar zu der Stadt, die man 2015 sehen sollte. Aber die meisten Reisenden und selbst die Südafrikaner von der Westküste, sie hatten mich vor dir gewarnt.

Einen schlimmen Moloch, nannten sie Dich und sagten zu mir, die Stadt ist nichts für dich. Du magst deinen Freiraum, du erkundest Orte am liebsten zu Fuß, du glaubst an das Gute im Menschen, und das ist ja auch ganz nett von dir, aber nichts für Johannesburg. Da ist es hektisch, dreckig und gefährlich, da landet man, und dann verschwindet man so schnell wie möglich wieder.

Viele, die so reden, haben Dich, Johannesburg, zum letzten Mal vor zehn oder fünfzehn Jahren gesehen. Zehn Jahre sind keine lange Zeit für eine Stadt, in deutschen Köpfen knapp genug für Flughäfen und Philharmonien, aber nicht zur Identitätsfindung.

Ich verstehe ihre Einwürfe - es ist, als habe man jemanden im Moment eines Nervenzusammenbruches kennengelernt, jemanden, der ständig droht und um sich schlägt. Ein prägendes Erlebnis. Man erzählt es weiter. Man kann sich kaum vorstellen, dass es besser wird.

Aber das ist weder bei Menschen noch bei Städten angemessen. Investitionen, Einwanderungsströme, Generationenwechsel - auf einmal ändert sich alles. Du bist zusammengebrochen, weil die Industrie, die Banken und großen Hotelketten Dein Zentrum verlassen hatten. Auf einmal war da eine Stadt ohne Kern.

Wahlveranstaltung in Johannesburg: Mandela-Verehrung
AFP

Wahlveranstaltung in Johannesburg: Mandela-Verehrung

Als Nelson Mandela 1990 aus dem Gefängnis entlassen wurde, im Moment der größten Hoffnung, herrschte in Dir, Johannesburg, Strukturlosigkeit. Ein Raum, in den Menschen zogen, die nicht viel hatten. Einwanderer, Landflüchtlinge, Banden, Gangster. Ganze Häuser wurden besetzt, Mietzahlungen verweigert, Besitzer entmachtet. Dein Kollaps wurde Sinnbild eines Landes im Umbruch.

Diese Geschichte spürt man hier an jeder Ecke. Nicht, weil große Mahntafeln oder Museen darauf hinwiesen - sondern weil die Wunden noch offen sind. Weil der Unterschied zwischen den weißen und schwarzen Vierteln schockiert. Weil es überhaupt noch weiße und schwarze Viertel gibt.

Weil viele sich und ihren Besitz entweder hinter Mauern mit Stacheldrahtspitzen oder hinter einer aggressiven Attitüde versteckt haben. Kein Wunder. Man sagt, es brauche Generationen, um derart große Ereignisse zu vergessen. Es wird wohl noch dauern. Aber vielleicht fasziniert mich auch das so an Dir, Johannesburg: Man kann Dir bei der Annäherung in Echtzeit zuschauen.

Da ist Maboneng, ein ehemaliges Industriegebiet mitten im Zentrum, von Investoren umgewandelt zum Hipster-Viertel. In den riesigen Hallen findet man Ateliers mit Verkaufsflächen. Im Laden von "I was shot in Joburg ;-)" kann man Bilder kaufen, die ehemalige Straßenkinder mit Einwegkameras geschossen haben - ein buntes Mosaik ihres Lebens.

Nebenan bestellt die junge Middle bis Upper Class im Patapata Lammkeulen zum Abendessen. Und reiht sich dann in die Schlange, um in den Dachterrassenklub Living Room zu Elektroswing zu tanzen oder sich eine Straße weiter in der Poolside-Bar gegenseitig ins Wasserbecken zu schubsen, während Beats wummern und Jägermeister-Promo-Mädchen mit Lassogesten orangefarbene Blumenketten über Gäste werfen.

Das könnte ich alles ätzend finden, riecht es doch so nach Gentrifizierung, nach der Kontrollübernahme von Menschen, die sich nicht eingestehen wollen, dass mit der Soja-Latte-Flut die Umgebung für all jene ungenießbar wird, deren Monatsgehälter kaum einen Veggi-Wrap finanzieren könnten.

Aber ganz so einfach ist es nicht. Bestimmt liegt es an meiner rosaroten Brille, aber hier, wo Straßen voller Cafés und nächtliches Schlendern Sensationen sind, scheint mir ein Raum, der Sicherheit vermittelt, willkommen. Denn nie wurde ich von so vielen Menschen mit besorgten Gesichtern gebeten, nicht durch Städte zu laufen und keine Busse oder Bahnen zu benutzen wie in Südafrika.

Johannesburg bei Nacht
AP

Johannesburg bei Nacht

Natürlich ist das nicht grundlos. Es gibt Straßen, häufig nur einen Block von der Flaniermeile entfernt, in denen bin ich nicht willkommen und das lässt man mich wissen. Aus Hochhäusern quillt der Müll, Musik und Gelächter schallen dumpf, und Autofahrer lassen den Motor heulen, wenn sie mich sehen.

Die Atmosphäre in Kombination mit all den Warnhinweisen verfehlt ihre Wirkung nicht - und während ich ein Taxi rufe, wird mir klar, wie gut ich die Wut verstehen kann. Denn es wäre eine Unverschämtheit, wenn Menschen wie ich, privilegiert durch Geburtsort, Herkunft und Einkommen, versuchen würden, Dich, Johannesburg, einzunehmen, Deine Einwohner an den Rand zu drängen und Dich nach europäisch-amerikanischem Vorbild zu formen.

Deine Zerrissenheit könnte mich deprimieren. Aber zum Glück ist sie nichts, worüber man nicht auch lachen könnte. Im Gegenteil. Während der Comedy-Night im Bassline-Klub wird alles zum Witz: die Kriminalität, die Korruption, die Unterschiede zwischen Schwarzen, Weißen und Coloureds (so nennt man hier Kinder aus gemischten Beziehungen), die Elektrizitätsversorgungslücken.

Johannesburg, Du hast mich schon vorher erwischt, weil ich Graffiti mag und diese Umbruchstimmung liebe, weil mich Deine Einwohner und ihre Herkunft faszinieren, weil du mir nur ein bisschen Angst machst und mehr Hoffnung. Du hast ein wildes Herz. Aber vielleicht waren es die Comedians, die mir endgültig den Kopf verdreht haben. Weil Frauenherzen sich mit Humor immer knacken lassen.

Und weil es nach einem verdammt guten Anfang klingt, wenn alle öffentlich über einander Witze machen und sich gemeinsam darüber freuen.



insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
Layer_8 19.05.2015
1. Schön zu lesen
Ich hab "Jo'burg" vor 20 Jahren zuerst, und zuletzt, gesehen. Bin da echt nicht lange geblieben. Wenn jetzt doch (fast) alles gut wurde freue ich mich mit der Autorin.
Ottokar 19.05.2015
2. Liebe Franziska Bulban
wie würde der Liebesbrief lauten wenn Sie mit vorgehaltener Pistole zum verlassen ihres Autos gebeten werden ? Downtown Joburg und Hilbrow sind ein absolutes NO GO Area geworden.
tina.gewehr 19.05.2015
3. Wow
Was für ein toller Artikel! Ich war zwar nur wenige Stunden in Jo'burg, aber bei meinem Trip durch die Stadt (2014) habe ich sehr ähnliches empfunden. Ich war vorher im vergleichsweise "ruhigen" Kapstadt auf einer Pan-Afrikanischen- und Weltfriedenskonferenz. Ich hatte also genug Zeit, mich auf die X Gesichter Südafrikas einzustellen. Wenn mensch erst einmal die Angst (nicht die Vorsicht) verloren hat, ist es möglich genau das zu empfinden, was Sie beschreiben. Schade, dass sie die bis zum 3. Stockwerk zugemauerten Häuser nicht erwähnen, die den Hausbesetzern einhalt gebieten sollen und auch nicht das Mandela-Museum. Aber wie sie schreiben, die Stadt hat so viel Potenzial. Bleibt zu hoffen, dass nicht blinde Investoren die Stadt übernehmen, sondern dass es tatsächlich Konzepte gibt, diesen "meltingpot" zu einer der spannendsten (und hoffentlich sichereren) Städte der Welt zu machen! Sollte ich je wieder nach SA kommen, werde ich in dieser Stadt sicherlich viel Zeit verbringen wollen (obwohl ich eigentlich so gar kein Stadtmensch bin). ;-)
qewr 19.05.2015
4. Ich habe viele Jahre...
... in Südafrika gelebt und mich in das Land verliebt mit Ausnahme von Johannesburg...
tina.gewehr 19.05.2015
5. Geht es nicht genau darum?
Zitat von Ottokarwie würde der Liebesbrief lauten wenn Sie mit vorgehaltener Pistole zum verlassen ihres Autos gebeten werden ? Downtown Joburg und Hilbrow sind ein absolutes NO GO Area geworden.
Viele Menschen in Süd-Afrika haben keine Perspektive. Jo'burg war lange Zeit eine beinahe rechtsfreie Stadt. Die Entwicklung kann doch jede/r Interessierte nachlesen. Was die Faszination der Autorin ausmacht, ist die Wandlung. Das Wissen, dass diese Stadt nicht völlig verloren sein muss, wenn Menschen sich gemeinsam dagegen stemmen. Es gibt viele gute Ansätze, ob ausgerechnet die Gentrifizierung einzelner Stadtteile eine davon ist, wage ich zu bezweifeln. Es geht darum die Jungs (und Mädels) aus ihren Gangs zu holen und ihnen Perspektiven zu bieten. Wie ich schon schrieb, Johannesburg hat da ein großes Potenzial! ... aber, wenn ich irgendwas gelernt habe, dann dass (Süd)afrikanische Probleme, eben nur von (Süd)Afrikanern gelöst werden können. Ich bin gespannt auf die Entwicklung der Stadt, die hoffentlich ohne europäischen oder US-Amerikanischen Einfluss wieder zu einer "Comunity" wird.
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