Kapstadt Auf Tour durch ein Township

Die heimliche Hauptstadt Südafrikas glänzt mit Shopping-Malls und nächtlich angestrahltem Tafelberg. Doch rund um Kapstadt leben über zwei Millionen Menschen in Elendsquartieren. Weit ab von den üblichen Besucherpfaden geben geführte Touren für Touristen Einblick in das Leben in den Townships.


Township von Kapstadt: Lebensraum für zwei Millionen Menschen
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Township von Kapstadt: Lebensraum für zwei Millionen Menschen

Kapstadt - Der Zehnjährige auf dem Roller strahlt wie ein Rennsieger. Dabei besteht sein Gefährt nur aus drei Latten mit zwei Minirädern. Ein Brett dient als Stehfläche, die beiden anderen sind T-förmig als Lenker montiert. Damit fährt er über die staubige Sandstraße zwischen Holz- und Wellblechhütten und lächelt die Besuchergruppe an. Die sonnengebräunten Touristen schlendern durch Langa, eines der ältesten Townships in Südafrika.

"Eine Grundregel jeder Township-Tour lautet: Schenken Sie den einzelnen Menschen kein Geld. Das erzeugt Neid im Viertel", hat Touristenführer Fizal kurz zuvor im Kleinbus gesagt. Eigentlich würde man dem Jungen jetzt gerne einen Schein zustecken. So aber bleibt es beim flüchtigen Austausch von Blicken. Solche Kurzbegegnungen sind typisch für diese etwas andere Art der Besichtigungstour. Sie ergeben sich auch, als eine Gruppe von Schwarzen die Tür ihres ärmlichen Ein-Zimmer-Quartiers in einem historischen "Arbeiterwohnblock" öffnet, in einer der früher illegalen Kneipen, oder als der engagierte Leiter eines Schulungszentrums für Kellner und Köche stolz sein Restaurant präsentiert.

Langa: "Nicht alle Townships sind so sicher"
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Langa: "Nicht alle Townships sind so sicher"

Langa - der Name bedeutet Sonne - ist ein beliebtes Ziel der wachsenden Zahl von Township-Touren im Kleinbus von Kapstadt aus. Die Schwarzen-Siedlung, rund 15 Kilometer von der Shopping-Mall "Waterfront" und den Edelhotels entfernt, wurde am Anfang des 20. Jahrhunderts von den weißen Machthabern angelegt, um Arbeitskräfte zu "kasernieren". Rund 200.000 schwarze Männer, Frauen und Kinder leben heute dort. Einige wohnen in kleinen Steinhäusern mit Gärtchen, andere in den elenden Mehrbettzimmern der Arbeiter-Wohnblöcke und wieder andere am Rande vom Langa in selbst gebauten Slum-Behausungen. "Das sind die informal settlements - inoffizielle Ansiedlungen", erläutert Fizal.

Die "Kleinstadt" im Schatten eines riesigen Industrie-Kühlturms ist eine Welt für sich. Die Bessergestellten haben ihre Autos im Mini-Vorgarten geparkt, während die Ärmsten nicht einmal Toiletten und Strom haben. Wer als Urlauber auf dem Flugplatz von Kapstadt ankommt und Richtung Zentrum und Tafelberg fährt, kann Langa und die anderen Townships wie Nyanga oder Guguleto nicht übersehen: Fast 15 Minuten durchquert der Ankömmling im Auto auf den Schnellstraßen die "Cape Flats". In dieser Ebene reichen die riesigen Elendsquartiere bis direkt an die Asphaltpisten heran.

In den Townships rund um eine der schönsten Städte der Welt leben schätzungsweise zwei Millionen Menschen. An der Entwicklung Südafrikas wurden sie lange nur als Wein- und Obstpflücker, Straßenbauer, Dienstpersonal und Minenarbeiter beteiligt. Und niemand konnte sich vorstellen, ihren Lebensraum als touristisches Ziel zu sehen. Doch viele Südafrika-Reisende wollen zumindest in Ansätzen verstehen, was abseits der touristischen Höhepunkte passiert.

"Die Township-Touren haben nach der ersten demokratischen Wahl 1994 zugenommen, und verstärkt in den letzten zwei bis drei Jahren", so ein Sprecher des South-African-Tourism-Büros in Frankfurt. In einigen Townships gebe es sogar schon Bed-and-Breakfast-Unterkünfte.

Auch Fizal erzählt, dass in Langa neuerdings manchmal Weiße wohnen würden. Eine europäische Studentengruppe soll sich sogar für längere Zeit eingemietet haben. Dennoch: "Nicht alle Townships sind so sicher wie Langa. Hierher kann man auch ohne Führer im eigenen Auto kommen", versichert Fizal. Schließlich ist Südafrika ein Staat mit insgesamt extrem hoher Kriminalitätsrate.

Doch nicht nur für das eigene Sicherheitsgefühl ist der Führer wichtig, sondern auch um Dinge zu erfahren, die einem Fremden sonst verborgen bleiben. So ist die Polizeistation umgeben von leeren Häusern mit eingeworfenen Fenstern. "In diesen Gebäuden wurde gefoltert - deshalb sind sie verhasst", erzählt Fizal.

Kapstadt: Eine der schönsten Städte der Welt - umgeben von Elendsvierteln
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Kapstadt: Eine der schönsten Städte der Welt - umgeben von Elendsvierteln

Victor Mguqulwa, Direktor des "Eziko Cooking & Catering Centre", glaubt ganz fest daran, dass die in seinem Schulungsrestaurant ausgebildeten jungen Menschen eine positive Entwicklung vor sich haben. In dem Kleinbetrieb lernen Bewohner aus Blechhütten seit 1996, wie ein Restaurant-Tisch ansprechend gedeckt wird - ein erster Schritt zum Job in der boomenden Tourismusbranche.

Viele Township-Tourveranstalter versprechen, dass ein Teil der Teilnahmekosten an soziale Projekte in den besuchten Siedlungen fließt - und so könnte der kleine Mann auf dem Holz-Roller vielleicht am Ende doch stärker von den fremden Besuchern profitieren, als der kurze Blickkontakt erwarten ließ.

Von Petra Kaminsky, gms



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