Kneipentour für Backpacker Betrunken in Berlin

Dass Kreuzberger Nächte lang sind, hat sich bis in die USA herumgesprochen. Der New Yorker Millionärssohn Chris Sandeman veranstaltet darum für junge Reisende Kneipenstadtführungen durch Berlin – von der Stadt bekommen die Teilnehmer jedoch wenig mit.

Von Christian Fuchs


Mit einem Satz springt Rob Cartledge auf den Stromkasten. In seiner Hand hält er eine Magnumflasche, gefüllt mit Wodka und Orangensaft. Unter seinem blauen Basecap schaut er von oben auf 60 Köpfe, die ihn erwartungsvoll anstarren. "Anybody interested in free shots?", brüllt er in die Menge. Und sofort strecken sich Arme und Münder von der Oranienburger Straße in Berlin in den Himmel Richtung Wodkaflasche.

Rob ist Australier, seit drei Monaten in Berlin und für heute Abend der Guide einer ungewöhnlichen Stadtführung, dem New Berlin Pub Crawl - einer Kneipentour für ausländische Rucksacktouristen. Es ist kurz nach 21 Uhr, und die Zechtour hat gerade erst begonnen, trotzdem musste Rob eben schon den ersten betrunkenen Engländer in ein Taxi Richtung Jugendherberge setzen. Dieser war nach einigen Freibieren vor dem "Silberfisch" zwischen Straßenbahnen und Polizeiautos über die Oranienburger Straße getorkelt.

Sechsmal in der Woche fällt eine Gruppe jugendlicher Partygänger aus der ganzen Welt in jeweils vier Berliner Kneipen und einen Club ein, um "die Untergrundszene Berlins kennen zu lernen und einfach eine Menge Spaß zu haben", wie Lura aus San Francisco die Marschroute für heute Abend festlegt. Die internationale Trinkgemeinde aus schwarzgelockten Au-Pair-Mädchen aus Chicago, japanischen Touristen und blondierten Surferjungs aus Kanada hat keine Zeit.

Erfolgreiches Konzept - bald auch in Wien und Paris

Die meisten sind nur für ein oder zwei Tage in Berlin, kommen gerade aus Paris und wollen danach noch nach Amsterdam oder Prag. Zehn Euro haben sie bezahlt, um andere junge Touristen zu treffen, aber vor allem um billig Alkohol zu trinken. "Um 23.20 Uhr fangen die Australier und Amis an zu singen" sagt Nick Jackson, neben Rob der zweite Guide. "So gegen eins, zwei rum wird nur noch geknutscht". Wenn der Alkohol das Sprechen mühsam macht, wechsle man eben einfach die Sprache - "Language of Love" nennt das Nick.

Für die ausgewählten Bars wie das "Silberfisch" ist das "sehr einträglich" gibt Bedienung Uta zu, "um die Bar auch vor 0 Uhr am Laufen zu halten". Dafür spielt DJ Ramon auch extra Musik, die bei Amerikanern und Engländern bekannt ist. "Nach einer halben Stunde Action sind die ja wieder weg, dann lege ich natürlich was anderes auf", sagt er. Trotz der Mühe ist seine Tanzfläche leer, die Meute drängelt sich um ein Bierfass, aus dem Freibier sprudelt. New Berlin Tours bietet auch Führungen durch das kommunistische Berlin oder zum KZ Sachsenhausen an, doch dafür melden sich nie so viele Interessenten wie zur Kneipentour - "Bestimmte Leute wollen nur feiern, und Customer is King bei uns", sagt Nick Jackson kein bisschen resigniert.

Gegründet wurde New Berlin Tours vor drei Jahren von Chris Sandeman. Der 28-jährige New Yorker ist Millionenerbe des amerikanischen Sandeman-Imperiums, das seit über 200 Jahren Sherry und Portwein herstellt. Damit hat Chris' Idee einer Kneipentour jedoch nichts zu tun. Der junge Unternehmer, der auch ein englischsprachiges Veranstaltungsmagazin herausgibt, ist unabhängig von seiner Familie nach Berlin gegangen. Er wollte sich in Europa etwas Eigenes aufbauen, nachdem er auf einer Reise in Berlin hängen geblieben war. Seine Stadtführungen sind so erfolgreich, dass er bereits nach München und Amsterdam expandiert hat. Bald sollen Wien und Paris folgen. Auch dort wird es die Kneipentouren geben.

Reinheitsgebot interessiert niemanden

In der Zwischenzeit ist der Pulk an den Prostituierten in der Oranienburger vorbei in die nächste Bar unterwegs. Jason Gligorov schleicht misstrauisch wie ein Panther um die Gruppe. "Die wollen doch alle nur saufen und ficken", sagt er im flüssigen Deutsch. Er hat lange strähnige Haare und das Selbstvertrauen eines Preisboxers, denn heute Abend wagt er sich in die Hände der Konkurrenz. In München bietet Jason eine ähnliche Tour an, die jedoch "viel anspruchsvoller" sei als diese hier. "Ich erkläre meinen Leuten das Reinheitsgebot", sagt Jason.

Früher hatten die Berliner auch noch versucht den Teilnehmern etwas über die Stadt zu erzählen, doch das wollte niemand hören. Plötzlich geht eine Flasche zu Boden, Jason schaut kurz hin, und schon im Gehen schiebt er hinterher: "Natürlich will ich heute Abend hier auch meinen Spaß haben, vor allem mit den süßen Amerikanerinnen." Dann ist er weg. Irgendwo im Pulk. Der schiebt sich gerade ins legendäre "Tacheles".

Im Garten des Künstlerhauses mit Bar zaubern expressionistische Dias eine besondere Stimmung an eine gigantische Hauswand. "Der erste elektronische Fahrstuhl der Welt fährt hier immer noch im Haus", sagt Guide Nick begeistert. Seine Gäste interessiert das nicht. Sie wollen nur "Jägis", wie sie die Zwei-Zentiliter-Gläschen mit Kräuterschnaps nennen, die hier nur einen Euro kosten. "So günstig kann ich mich zu Hause nicht betrinken. Eigentlich kann ich mich zu Hause offiziell gar nicht betrinken", sagt Fernando aus Texas, der mit seinen 20 Jahren in Austin nicht mal ein Bier kaufen dürfte. Er stellt seine Becks-Flasche auf den Boden vor das "Tacheles" und holt sich ein neues Bier.

Knutschen und Fleetzen

Da taucht Rob wieder auf: "Everyone who wants a shot, come here." Eine Drängelei wie beim Sommerschlussverkauf beginnt. In zwei Minuten ist die Riesenflasche leer, und in Richtung Fernsehturm geht's zum nächsten Absturzschuppen. Niemand schaut zur jüdischen Synagoge herüber, als die Tour sie in der Oranienburger Straße passiert. Viel zu sehr sind die Trinktouristen mit sich selbst beschäftigt: Mädchen mit roten Wangen und in zu kurzen Röcken stolpern in Holztische vor einer Dönerbude; Autoreifen quietschen, als zwei Blondinen bei Rot über die Straße stöckeln. Kamerablitzlicht blendet auf, und fünf Jungs springen aus dem Monbijou-Park, noch im Laufen ihre Hosenställe schließend.

In der "Berlin Bar" wird geknutscht, ansonsten bleibt das dunkle Parkett der Edeldiscotanzfläche leer. Jungs fleetzen sich in schwarzen Ledersesseln, und Sween aus Malaysia erzählt von seiner Mum. Die ersten Pub-Crawl-Gäste entschwinden in die Nacht. Es wird ruhiger. Sogar Rob steht etwas verlassen da, in der Hand die Magnumflasche Wodka-O. Er fragt "Want some shots?" in die Runde. Niemand reagiert, alle sind betrunken. Und glücklich.



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