Kolumbiens Hauptstadt im Wandel Breakdance statt Banden

Kolumbien wurde vom "Lonely Planet"-Verlag zu einem der Trendländer des Jahres gekürt. Nach Bürgerkrieg und Friedensvertrag ist der südamerikanische Staat im Aufbruch. Was erwartet Touristen in der Hauptstadt Bogotá?

Andrzej Rybak

Pablo Ruiz ist gut im Geschäft. Der Mann mit Poncho und breitkrempigem Hut wartet an Bogotás Goldmuseum auf Kundschaft: Immer wieder will sich ein Tourist auf dem Rücken eines seiner drei Lamas ablichten lassen. Für jedes Foto kassiert Ruiz 10.000 Peso, etwa drei Euro. "Gott meint es wieder gut mit uns, ich kann meine Kinder auf die Uni schicken", sagt der Mann, der vor dem Bürgerkrieg nach Bogotá geflüchtet ist und lange in Armut lebte. Und: "Kolumbien hat endlich eine Zukunft."

Bogotá, mit fast sieben Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt Südamerikas, erlebt zurzeit die besten Jahre seiner neueren Geschichte. Nach 52 Jahren Bürgerkrieg hat die Regierung im Herbst einen Friedensvertrag mit der linken Farc-Guerilla unterzeichnet. Die Wirtschaft boomt, immer neue Bürogebäude türmen sich in den Himmel. Die Kriminalität wurde zurückgedrängt, Polizeipatrouillen sorgen für Sicherheit. Der "Lonely Planet"-Verlag nahm Kolumbien in die Top-Ten-Reiseziele für 2017 auf.

Der Tourismus erlebe eine Wiedergeburt, sagt Eduardo Londono, der für Marketing zuständige Direktor des Goldmuseums. Um fast das Dreifache ist die Zahl der ausländischen Besucher in den vergangenen zehn Jahren gestiegen. Zu spüren ist das auch im Museo del Oro, das präkolumbianische Ritualobjekte und Schmuck aus Gold ausstellt und zu den interessantesten Museen Lateinamerikas gehört: "In den letzten Jahren nehmen die Besucherzahlen schnell zu."

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Bogotá: Eine Stadt im Aufbruch

Das berühmteste Exponat ist die 18 Zentimeter große Skulptur "Goldfloß von El Dorado", eine sehr detaillierte Darstellung einer Zeremonie auf dem Guatavita-See. Der Legende nach soll jeder neue König der Muisca mit Gold bestäubt auf den See in der Nähe des heutigen Bogotá hinausgefahren sein, zu Ehren der Götter Gold und Edelsteine versenkt und ein Bad genommen haben - der Ursprung des Mythos vom Goldland "El Dorado".

"In Kolumbien haben alle prähispanischen Zivilisationen Ritualobjekte aus Gold angefertigt", sagt Londono. Bis heute sei der Andenboden mit Gold gespickt, fast jeden Monat würden neue Objekte gefunden, sagt der Direktor. "Wir können nur noch einen kleinen Teil ausstellen."

La Candelaría - von der No-go-Area zum Nachtleben-Viertel

Rund 100 Kilometer dehnt sich Bogotá von Norden nach Süden entlang einer Bergkette aus. Die Stadt auf über 2600 Meter Höhe ist von breiten Verkehrsarterien durchzogen, die fast um jede Tageszeit verstopft sind. Die Orientierung ist einfach: Die Straßen sind durchnummeriert; die Carreras verlaufen parallel zu den Bergen; die Calles stoßen senkrecht auf sie zu. Im Norden wohnen die Reichen, hier gibt es Shoppingmalls, noble Restaurants und Nachklubs. Der Süden ist arm - und immer noch relativ gefährlich.

Auch das Kolonialzentrum La Candelaria, gleich hinter dem Goldmuseum, galt noch vor 15 Jahren wegen der Raubüberfälle nach Einbruch der Dunkelheit als No-go-Area. Inzwischen hat es sich herausgeputzt: Häuser wurden renoviert, Straßen und Plätze neu gepflastert. In historische Gebäude sind Galerien, Museen, Theater, Bars und Restaurants eingezogen. Ein Dutzend Universitäten spucken jeden Abend nach dem Unterricht Tausende Studenten aus, die über das Kopfsteinpflaster und durch die Kneipen der Altstadt ziehen.

Besonders beliebt: der Platz Chorro de Quevedo, an dem Bogotá 1538 gegründet worden sein soll. Hier treffen sich die Jugendlichen am späten Nachmittag, sie tragen blaue Jeans oder schwarzes Leder, Piercings und Tattoos. Stundenlang hocken sie auf drei flachen Stufen, dort, wo der Platz zur Straße aufsteigt, hören Musik, trinken Bier, Rum und Chicha.

Andrés Sarmiento drückt einen Knopf an seinem CD-Player und beginnt, zu Hip-Hop-Rhythmen zu tanzen. Der 29-Jährige dreht Pirouetten, geht auf die Knie, springt auf, macht einen einarmigen Handstand, fällt auf den Rücken und rotiert dabei um die eigene Achse. Die Jugendlichen am Chorro de Quevedo applaudieren. "Früher bin ich öfter hier aufgetreten, um Geld zu verdienen", sagt Sarmiento.

"Heute gibt es Jobs und Perspektiven"

"Der Breakdance hat mir wahrscheinlich das Leben gerettet", sagt der Tänzer. Er wuchs in Aguas Claras auf, einem Armenviertel im Süden der Hauptstadt, wo der Alltag von Bandenkriegen und Drogen geprägt war. "Statt Drogen zu nehmen, habe ich täglich Schritte und Figuren trainiert." Vor acht Jahren hat Sarmiento zusammen mit einem Freund begonnen, Jugendliche aus den Armenvierteln in Breakdance zu unterrichten. "Wir nennen uns 'Skyzofrenia Crew' und versuchen, die Kids von der Straße zu holen."

Einmal wöchentlich kommen rund 40 Tänzer zwischen 8 und 30 Jahren im Gemeindezentrum San Blas zusammen. Manche sind echte Profis, haben schon auf der Bühne getanzt oder sogar in Fernsehshows. Andere fangen erst jetzt an. "Wir profitieren enorm von der Aufbruchsstimmung in Bogotá", sagt Sarmiento. "Gangs sind nicht mehr in, heute gibt es Jobs und Perspektiven. Jeder kann etwas aus sich machen."

Auch Leonor Espinosa hat etwas aus sich gemacht. Die 54-Jährige aus Cartagena an der Küste Kolumbiens ist die Vorzeigeköchin ihres Landes und oft im Fernsehen zu sehen. Nur zehn Autominuten entfernt vom Chorro de Quevedo liegt ihr Restaurant Leo, als kulinarischer Hotspot der Stadt Anziehungspunkt für Touristen. Das Haus wurde im vergangenen Jahr zu den besten 50 Restaurants in Lateinamerika gewählt - deutlich vor allen Konkurrenten im eigenen Land: Gelobt wurde eine "einfallsreiche und perfekt präsentierte kolumbianische Küche".

"Ich lasse mich von den verschiedenen Kulturen und Traditionen unseres Landes inspirieren", sagt Chefin Espinosa, die den Mix aus spanischen, afrikanischen und indogenen Einflüssen neu interpretiert. Ihre Zutaten kauft sie in allen Ecken Kolumbiens frisch ein: Exotische Früchte kommen vom Amazonas, Gemüse aus den Anden, Fische von der Pazifikküste, Garnelen aus der Karibik. "Es gibt kaum ein Land auf der Welt, das so vielfältig ist wie Kolumbien", sagt sie. "Das gilt für Landschaft und Vegetation genauso wie für Kultur und Küche."

Die Aufbruchsstimmung in Bogotá - sie ist vielerorts zu spüren. Noch immer erliegen - wie einst die spanischen Eroberer - die Besucher Kolumbiens der Verführung des Goldes und schlendern fasziniert durch das Museo del Oro. Doch längst ist es nicht nur das Museum, das die Touristen in die Stadt zieht. Es sind auch Viertel wie das La Candelaria, Straßenkünstler wie Sarmiento und Köche wie Leonor Espinosa.

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
quila 17.01.2017
1.
Schon vor zwanzig Jahren habe ich Kolumbien mit seinen Einwohner*innen als unglaublich vielfältig, freundlich und spektakulär empfunden; allerdings auch die Folgen des Bürgerkriegs gesehen. Mir ist das Land seitdem dennoch eine "kleine" Leidenschaft geblieben.
mamihlapinatapai 17.01.2017
2.
Kolumbien ist ein wunderschönes Land. Da muss ich dem Autor und dem ersten Kommentar Recht geben. Dass Bogotá die zweitgrößte Stadt Südamerikas ist, stimmt so allerdings nicht. Buenos Aires und São Paulo sind weitaus größer und Lima sowie Santiago de Chile spielen mMn in der gleichen Liga. Nichtsdestotrotz, netter Artikel und je mehr Leute Kolumbien als wundervolles Reiseland entdecken desto besser.
giostamm11 17.01.2017
3. Bogotà ist auch gefährlich
man sollte schon aufpassen in Bogotà. Beispiel immer nur Funktaxis brauchen und nie die freien überall rumfahrenden Taxis auf Abruf. Zur grösse einer Stadt. Wenn man alleine die Gemeinde einer Stadt betrachtet und nicht die Agglomeration....dann ist Paris auch kleiner als Berlin....nimmt man aber die Agglomeration des zusamenhängenden urbanen Raums dann sieht es anders aus. Dann ist Paris fast dreimal so gross wie Berlin was die Bevölkerung betrifft. So ist es auch in Südamerika. Dort sind die grössten Agglomerationen: 1. Sao Paulo (20mio), 2. Rio (12mio), 3. Buenosaires 11.5mio), 4. Lima (8.5mio) und dann 5. Bogotà (8mio). Bogotà hat ein tolles Metrobussystem eingeführt mit welchem die Bevölkerung in den überlasteten Strassen bestens vorwärts kommt
lachina 17.01.2017
4. Bogota
ist in etwa so gefährlich wie eine Großstadt in Südeuropa, auch da ist es nicht empfehlenswert, irgendein Taxi anzuhalten oder nachts mit vollem Schmuck in dunkle Viertel zu gehen..... leider fehlt es trotz des eingerichteten Millenium- Busses an Infrastruktur, die Lösung wäre eine Metro, doch jeder Investor unterliegt dem Geklüngel der Busunternehmer. Das betrifft jedoch mehr die Menschen, die in Bogota arbeiten, die Touristen können diese schöne und interessante Stadt ohne Probleme kennenlernen. Auch das Umland lohnt sich, die Provinz Cundinamarca: Zipaquirá, Facatativá, Embalse de Guaivo und die Laguna de Guatavita .
michael_galilaer 17.01.2017
5.
schoen ist die Stadt schon aber schoen teuer,aber besser ist Medellin da gibts die fuer die in Bogota benoetigte Metro schon seit Jahren.Kolombien kann eine Zukunft im Turismus haben,wenn investiert wird,bisher war Kolumbien relativ guenstig fuer Rucksackturisten,das wird sich aendern denn man hat entdeckt das man mit den Turis ordentlich Geld machen kann.Zum Leben ist Kolumbien speziell Bogota und Medellin ueberdurchschnittlich teuer durch die sehr hohen Lebenshaltungskosten (Miete,Nebenkosten,Wasser,(sehr gut aber teuer),Internet (mittelmaessig und teuer)diese Condominio-Kosten (geschlossene Wohnviertel oder Blocks) die schon an reine Abzocke grenzen,Nahverkehr und Movilitaet (ein Desaster).Man braucht mind 1500 Euro netto wenn man in etwa so leben will wie in Deutschland und mit Abstrichen,Autokosten sind da noch nicht mit dabei.In den Supermaerkten wie Exito,Jumbo o Carulla zahlt man fuer die meisten Sachen die eingetuetet sind im besten Fall das gleiche wie in Deutschland,in vielen Faellen jedoch leicht das dreifache.
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