Neue Stadträder: Kopenhagen schraubt Navi an Lenker

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Cooles Design, Tablet-PC am Lenker: Mit einem neuen Citybike-System hängt Kopenhagen alle anderen Städte ab. Dänemark wird damit seiner Rolle als Radlerparadies gerecht - und setzt neue Standards für den urbanen Verkehr.

Navi-Lenker, Rohrdesign: Kopenhagens neue Stadträder Fotos
Gobike

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Ein Navi im Auto gehört längst zum Standard. Aber auch auf dem Fahrrad kann es ganz schön praktisch sein, sich von einem Computer durch die Straßen lenken zu lassen. In Kopenhagen wird kommendes Jahr ein neues städtisches Leihradsystem an den Start gehen, das serienmäßig mit Tablet-PC am Lenker ausgestattet ist.

Auf dem kleinen Bildschirm wird ein Routenplaner den Weg weisen, eine Karte soll zusätzliche Informationen zur Umgebung und möglichen Aktivitäten bieten - und natürlich werden Kunden erfahren, wo sich die nächste Docking-Station befindet, in der sie das Rad abstellen können. In diesen halbkreisförmigen Ständern, die bald über das ganze Stadtzentrum verteilt sein werden, wartet das Rad nicht nur auf den nächsten Nutzer; die Akkus der Bordcomputer tanken hier auch Strom.

Dank der Minicomputer am Lenkrad versprechen die Macher des neuen Stadtradsystems mit dem Namen Gobike ein "besseres Reiseerlebnis". "Relevante Informationen werden per Tablet-PC an den Kunden kommuniziert - genau dann und dort, wo sie nützlich sind", heißt es in einer Broschüre der Stadt Kopenhagen, die das Projekt gemeinsam mit der Gemeinde Frederiksberg umsetzt.

Für Urlauber könnte sich das System als äußerst praktisch erweisen. Bei der Anmeldung schlägt Gobike drei Routen vor, die auf zuvor angegebenen Vorlieben basieren. Unterwegs spielt das Fahrrad auch noch Tour-Guide: Wissenswertes zu Gebäuden oder Parks, die man gerade passiert, erscheinen auf dem Display genau wie Rabattaktionen oder die besonderen Angebote von Restaurants, Museen oder anderen Sehenswürdigkeiten.

"Die alten Räder sind doch Schrott"

Dass sich Kopenhagen für ein technisch so ausgefeiltes System entschieden hat, überrascht nicht sehr. Mit dem ersten städtischen Leihradsystem der Welt war Dänemarks Hauptstadt 1995 Pionier und wurde für viele Metropolen zum Vorbild - auch in Paris und New York wurden solche Räder später eingeführt. Weil Kopenhagens Tauschdrahtesel inzwischen technisch überholt sind, schrieb die Stadt 2011 einen internationalen Wettbewerb aus. Gewonnen hat ihn nicht ein Einzelunternehmen, sondern drei Firmen aus Dänemark, Spanien und den Niederlanden, die das System aus Fahrrädern, Ständer und Technik gemeinsam entwickelten.

Für manch einen Kunden ist es wirklich Zeit für eine Innovation auf Kopenhagens Straßen. "Die alten Räder sind doch Schrott", schimpfte Frits Bredal, Sprecher des Dänischen Radsportverbandes in der "Copenhagen Post". "Beim Leihen kommt man sich vor, als würde man sich einen Einkaufswagen im Supermarkt nehmen", sagte Bredal in Anspielung darauf, dass man ein 20-Kronen-Stück als Pfand braucht. In Zukunft wird per Kreditkarte abgerechnet.

Schick ist das neue Rad auch, das Design wirkt simpel und robust. Der Rahmen besteht aus einem weiß lackierten Rohr, das zu einem V gebogen und dann noch einmal abgeknickt wurde. An dem einen Ende dieses Gestells befindet sich der Sattel, am anderen Ende steckt das Licht. Über dem Vorder- und Hinterreifen ist auf Gepäckträgern genug Platz, um Taschen oder auch Kindersitze zu montieren. Und dank der Alu-Rahmen sind die Fahrräder zudem viel leichter als die alten.

Trotz der vielen Vorteile war es lange nicht klar, ob es das neue Leihsystem auf die Radwege schaffen würde. Wegen der hohen Kosten hatten sich Politiker und Investoren bereits dagegen ausgesprochen, was Fahrradaktivisten empörte.

Doch nun ist das Projekt beschlossene Sache, wie Kopenhagens Umweltbürgermeisterin Ayfer Baykal SPIEGEL ONLINE bestätigte. Noch sei nicht klar, wie viele Räder die Stadt bestellen werde. Angaben der dänischen Zeitung "Politiken", es werde sich zunächst um 1260 Exemplare handeln, bestätigte sie nicht, auch zu den Leihgebühren und den Kosten für die Stadt gibt es noch keine konkreten Details. "Wahrscheinlich wird ein Teil der Summe über Werbeeinnahmen finanziert", heißt es aus dem städtischen Amt für Technik und Umwelt.

Radsportverbandsprecher Bredal reagierte zufrieden auf die Nachricht aus dem Rathaus. "So kann sich Kopenhagen weiter mit Glaubwürdigkeit als eine der führenden Fahrradstädte vermarkten", sagte er der Zeitung "Politiken".

Zeit ist Lebensqualität

"Wir wollen die weltweit beste Stadt für Radfahrer werden", sagt Ayfer Baykal. "Ich bin sehr glücklich über dieses moderne Leihsystem." Baykal erhofft sich, dass dank der neuen Bikes mehr Pendler das Auto stehen lassen und auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen. "Das wird dazu beitragen, Kopenhagen bis 2025 CO2-neutral zu machen und Staus zu verhindern", sagt Baykal. An Autos vorbeiradeln, die Stoßstange an Stoßstange stehen, das habe schon Vorteile im Alltag.

"Einer der wichtigsten Parameter bei der Messung von Lebensqualität ist Zeit", heißt es auch in der Broschüre zu dem neuen Stadtradsystem. "Alles, was dem Bürger mehr Zeit gibt, erhöht die Lebensqualität." Und weil viele Menschen einen Großteil ihres Tages damit beschäftigt sind, von einem Ort zum anderen zu fahren, hat das neue Stadtradsystem einen neuen Fokus: Wer auf unterschiedliche Verkehrsmittel angewiesen ist, soll diese effizient in Kombination nutzen können - so bequem wie möglich und ohne Zeitverluste.

"Die Reise beginnt lange, bevor man sich auf den Sattel schwingt", heißt es in der Gobike-Broschüre. Bereits am Computer könnten sich Bürger und Touristen die Verkehrsmittel zusammenstellen, die sie benötigen, um ans Ziel zu kommen: Leihrad, Bus, U-Bahn. Bei der Planung der Route kann man auch schon Tickets lösen, so dass das Umsteigen schnell geht. Außerdem stellt dies sicher, dass an der Ankunftstation der S-Bahn auch wirklich ein Fahrrad wartet. "Alles, was Sie dann noch tun müssen, ist: die Fahrt genießen. So einfach ist das", verheißt die Broschüre.

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insgesamt 37 Beiträge
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1. Was,wo? Kopenhagen und nicht der Mars?
cyclist01 16.11.2012
Das gibt's doch gar nicht! Mein erster Eindruck, der Artikel handelt vom Mars, bestenfalls von einer fernen Zukunft! Aber nein, es geht um die Hauptstadt unseres Nachbarlandes, pardon Nachbarplaneten, wohl der richtige Planet ERDE. Und wir leben da eher auf dem Mars, oder hinterm Mond?
2. Kettenloser Antrieb?
nrhom 16.11.2012
Es sieht zumindestens so aus als ob die Radels keine Kette haben. Hat jemand eine Idee wie das funzt?
3. Zeit ist das Wichtigste
annibertazeh 16.11.2012
Ja, und deshalb muß man sich dem propagierten Konzept zufolge erst mal zuhause oder wo auch immer vor den Computer setzen, die Verkehrsmittel auswählen, die Tickets kaufen und dann noch - zu Fuß, per Rad, per Auto? - zum Abstellplatz der öffentlichen Fahrräder begeben. ""Die Reise beginnt lange, bevor man sich auf den Sattel schwingt", heißt es in der Gobike-Broschüre." Wohl wahr und einen Zeitgewinn gegenüber einer Fahrt mit dem Auto gewinnt man lediglich dadurch, dass der motorisierte Individualverkehr öffentlich und absichtsvoll ausgebremst wird. Die spinnen doch, die (Hohen-)Priester der neuen Radler-Religion. Von den gemeinen Bike-Religiösen gar nicht zu reden. So bald die ein Rad unterm Hintern haben, sind vielfach Vernunft und Verstand ausgeschaltet.
4. Kuckst Du hier....
hadre 16.11.2012
Zitat von nrhomEs sieht zumindestens so aus als ob die Radels keine Kette haben. Hat jemand eine Idee wie das funzt?
beixo, Fahrrader mit Kardanantrieb | Faltrad | City Bike | gsus bike | Beixo (http://www.beixo.de) Einer der noch wenigen Hersteller, die Fahrräder mit Kardanantrieb herstellen. Auch das Kopenhagen-Rad sieht mir so aus, als ob man sich bei diesem Fahrrad für dieses (wartungsärmere) Antriebskonzept entschieden hat.
5. Kardanwelle
ibu88 16.11.2012
> Es sieht zumindestens so aus als ob die Radels keine > Kette haben. Hat jemand eine Idee wie das funzt? nrhom, nach den Photos zu urteilen ist das Rad mit einem Kardanantrieb ausgestattet, also im Prinzip eine Stange mit Kreuzgelenken zur Übertragung des Drehmoments. Ist vermutlich robuster als eine Kette und lässt sich besser warten. Vielleicht hat jemand Erfahrungen damit (Wirkungsgrad, Gewicht etc.)?
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