Krakau Gefillte Fisch mit Klezmer

In Polen lebten vor dem Zweiten Weltkrieg fast 3,5 Millionen Juden, nach Holocaust, Pogromen und Flucht sind es heute etwa zehntausend. Jüdische Kultur war für die Polen lange ein Tabuthema, doch in der Großstadt Krakau ist sie schon seit einigen Jahren wichtiger Motor des Tourismus.


Die Ruine der alten Synagoge von Dzialoszyce bei Krakau: "Schtetl-Touren" führen zu den Resten jüdischer Kultur auf dem Land
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Die Ruine der alten Synagoge von Dzialoszyce bei Krakau: "Schtetl-Touren" führen zu den Resten jüdischer Kultur auf dem Land

Berlin/Krakau - Benjamin, Abraham und Gerschom waren Graffiti-Künstler in Polen - vor mehr als 300 Jahren. Hebräische Inschriften aus dem 17. und 18. Jahrhundert bedecken die Wände der alten Synagoge in Pinczow. Der älteste eingeritzte Name in eckigen Buchstaben stammt aus 1640. Die Wände sind mit Malereien verziert. In dem Städtchen nördlich von Krakau restaurieren Aktivisten seit Jahren das baufällige Gebäude. Wo Rabbiner jahrhundertelang Recht sprachen, ist der Boden mit Staub und Bauschutt bedeckt.

"Man sieht nicht, wie viel Arbeit hier noch drinsteckt, aber die Synagoge ist wenigstens gegen Einsturz gesichert", sagt Jerzy Znojek. Der Direktor des Synagogen-Museums zeigt einer internationalen Reisegruppe das über 400 Jahre alte Gebäude. Eine "Schtetl-Tour" führt die Touristen über Land. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Polen fast 3,5 Millionen Juden. In vielen Kleinstädten, in jiddischer Sprache Schtetl genannt und oft als heile Dorfidylle und Nukleus jüdischen Lebens verklärt, machten sie die Mehrheit der Bevölkerung aus.

In den Souvenirläden blüht der Kitsch: Holzfiguren mit Schläfenlocken warten auf Käufer (Tuchhallen von Krakau)
Polnisches Fremdenverkehrsamt

In den Souvenirläden blüht der Kitsch: Holzfiguren mit Schläfenlocken warten auf Käufer (Tuchhallen von Krakau)

In der Großstadt Krakau ist die jüdische Kultur seit Jahren ein wichtiger Motor des Tourismus. Restaurants im ehemaligen Judenviertel Kazimierz bieten traditionelles Essen wie Gefillte Fisch an - einschließlich Klezmer-Musik im Hintergrund. Auf den Spuren von "Schindlers Liste", dem Holocaust-Spielfilm von Steven Spielberg, können Touristen Schauplätze der NS-Besatzung in Augenschein nehmen. In den Souvenirläden blüht der Kitsch: Kleine Holzstatuen orthodoxer Juden mit Bärten und Schläfenlocken lächeln aus den Regalen und warten auf Käufer.

In Ostpolen liegt ein Schtetl neben dem anderen

Auch auf dem Land entdeckten immer mehr Polen das Potenzial der Geschichte. Seit Jahren organisiert die Krakauer Agentur "Marco der Pole" Schtetl-Touren durch Galizien und Ostpolen. In der Umgebung von Krakau ist das Angebot neu. Die Route soll jetzt regelmäßig angeboten werden. "In Ostpolen blieben mehr Gebäude erhalten, und die Schtetl liegen eines neben dem anderen. Hier muss man mehr reisen, und die Infrastruktur ist noch in den Anfängen", sagt Veranstalter Marek Frysztacki.

Doch die Anfänge sind vielfältig. In der Kleinstadt Chmielnik gibt es schon einen offiziellen "Beauftragten des Bürgermeisters für die Kontakte mit den Juden" - den Historiker Piotr Krawczyk. Vor etwa einem Jahr traf Krawczyk in der Stadtbibliothek einen Israeli auf der Suche nach Vorfahren. Briefe wurden gewechselt und schließlich ein jüdisches Kulturfest veranstaltet - ein "brillantes Event für die Stadt", sagt Krawczyk.

In Szydlow, etwa 70 Kilometer nordöstlich von Krakau, empfängt der Bürgermeister die Reisenden der "Schtetl-Tour" selbst - mit einer schwungvollen Rede in der ehemaligen Synagoge. An der Eingangstür klebt ein Sticker: "Polen in die Europäische Union". In der Ecke stehen Tischfußball und Tischtennisplatten: Jahrzehntelang wurde das Gotteshaus als Sporthalle genutzt. "Ich würde gerne ein jüdisch-polnisches Kulturzentrum errichten. Das wäre eine Attraktion für Juden, die ihre Wurzeln suchen", kündigt der Bürgermeister an und versichert: "So lange ich hier auf meinem Posten bin, sind die Juden aus aller Welt in Szydlow sehr willkommen."

"Viele wollen nicht dazu stehen, dass es hier Antisemitismus gab"

Das war nicht immer so in Polen. Nur etwa 100.000 Juden überlebten den Krieg. Wer nicht von den Nationalsozialisten ermordet wurde, verließ meist das Land. In Kielce, 40 Kilometer nordwestlich von Szydlow, kam es noch 1946 zu einem Judenpogrom. Heute leben nur noch etwa 10.000 jüdische Bürger in Polen. Auch unter dem kommunistischen Regime existierten antijüdische Tendenzen, und die katholische Kirche bezog nicht immer eindeutig Stellung.

Jüdischer Friedhof im Krakauer Stadtteil Kazimierz: Noch 1946 kam es zu einem Judenprogrom in Polen
Polnisches Fremdenverkehrsamt

Jüdischer Friedhof im Krakauer Stadtteil Kazimierz: Noch 1946 kam es zu einem Judenprogrom in Polen

Nicht alle Teilnehmer der "Schtetl-Tour" sind deshalb vom wiedererwachten polnischen Interesse am Judentum überzeugt. "Das ist mir zu touristisch. Viele wollen nicht dazu stehen, dass es hier Antisemitismus gab", sagt Stefano Tonnate, Versicherungsangestellter aus Italien. Irith Beckmann, Rentnerin aus Baden-Württemberg, sieht das anders: "Polen war einmal die Wiege des Judentums. Die junge, unbelastete Generation entdeckt jetzt ihre Vergangenheit. Die Juden sind auch eine Verbindung zur Welt. Es ist doch nicht verwerflich, wenn Bürgermeister uns empfangen und Restaurants profitieren."

Die Historikerin Halina Jastrzebska hat sich der "Schtetl-Tour" angeschlossen, um ihre deutsche Freundin Irith zu begleiten. "Früher waren die Juden ein Tabuthema", sagt die 52-Jährige aus der polnischen Stadt Oswiecim (Auschwitz). "Wie sollten sich junge Polen für Menschen interessieren, über die niemand sprach und die auch nicht auf der Straße zu sehen waren?" Außerdem seien die Polen vor der Wende mit sehr konkreten Sorgen beschäftigt gewesen - zum Beispiel damit, Lebensmittel und Schuhe für die Kinder zu organisieren. "Wer hat sich da Gedanken um die jüdische Kultur gemacht?"

Von Ayala Goldmann, AP



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