Kulturhauptstadt 2013 Marseille: Weg von Drogen und Bouillabaisse

Aus Marseille berichtet Stefan Simons

Umstrittene Museumsbauten, sanierte Künstlerkolonie: Für 600 Millionen Euro macht sich Marseille hübsch für 2013. Dann ist die Mittelmeer-Metropole europäische Kulturhauptstadt und will ihr ramponiertes Image verbessern.

Marseille: Aufgehübschte Stadt am Meer Fotos
Claudine Colin Communication / Stefano Boeri

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Baptiste Lanaspeze steht auf einem karstigen Hügel und blickt auf den Zubringer der Autoroute du Soleil: Neben der Fahrbahn sind auf freiem Feld zwei Dutzend Wohnwagen von Wanderarbeitern zusammengeschoben. Weiter unten, in der Gemeinde Vitrolles, stehen der monströse Kubus einer ehemaligen Mega-Diskothek und rauchgeschwärzte Häuser eines "virtuellen Dorfes" - dort übt die Feuerwehr der Metropole den Einsatz von Großbränden.

"Was für ein Anblick", schwärmt der 34-jährige Performance-Künstler Lanaspeze und zeigt auf rostende Wellblechhütten, "in dem einstigen Amphitheater sind die berühmtesten Sänger Amerikas vor zehntausend Soldaten aufgetreten." Auf einer Anhöhe neben dem TGV-Bahnhof Avignon-Provence sind die Reste der "Zone Delta" erkennbar, einer der größten US-Stützpunkte aus dem Zweiten Weltkrieg.

Willkommen auf der "Grand Route 2013": Der "erste städtische Wanderweg" ist die Kopfgeburt von Künstlern, die das Gehen als Performance verstehen. Marseilles "walking artists" entwarfen einen 260-Kilometer-Parcours quer durch Natur, verlassene Fabrikgelände und öde Gewerbegebiete - jenseits der üblichen Touristenstopps. Die mäandernde Schneise durch die urbane Brache rund um Marseille gehört zu den phantasievollsten Projekten von Frankreichs zweitgrößter Agglomeration, die im nächsten Jahr als "Europäische Kulturhauptstadt" fungiert. Baptiste Lanaspeze: "Es geht um die Wiederentdeckung der Umwelt."

Fußball, Pastis und Fischsuppe

Und es geht um die Wiedererweckung von Marseille. Für die Hafenstadt und ihre knapp zwei Millionen Einwohner ist der Titel ein Ritterschlag. Denn die ausufernde Metropole war jenseits der eigenen Grenzen bislang nicht für Kunst oder Kino berühmt, sondern für seinen Hafen, für die kalkweißen Felsen der Calanque, die Luxusmeile Cannebière oder die Kneipenszene rund um die Yachten und Fischerboote am "Vieux Port".

Trotz der langen, bis in die Antike zurückreichenden Geschichte steht die "Stadt der Phönizier" auch unter Franzosen eher für ihr mediterranes Flair oder seine Fußballmannschaft. Mit Marseille verbindet man kosmopolitisches Treiben auf den Märkten, das Aroma von Pastis und den Duft der Bouillabaisse - jener Fischsuppe, zu der kühler Wein und herzhaftes Aioli serviert wird.

Unter biederen Citoyens des tiefen, provinziellen Frankreich wird das ausufernde Marseille wegen seiner Zuwanderer aus dem Maghreb bisweilen als "größte Stadt Nordafrikas" gescholten - ein irgendwie fremdartiger Brückenkopf am Mittelmeer. Und obwohl der notorische Drogenhandel, der die Destination einst in Verruf brachte, nicht mehr Schlagzeilen macht, hat das Renommee unlängst wieder durch mörderische Bandenkriminalität Schaden genommen.

Bürgermeister Jean-Claude Gaudin wehrt sich gegen derartige Klischees. "Marseille ist eine Stadt, die pro Bürger eine Menge in Kultur investiert", verteidigt er seine Bilanz im "Silo", jenem ehemaligen Mehlspeicher am Hafen, der als schmuckes Theater- und Ausstellungszentrum hergerichtet wird. "Oper, Tanztruppe und 50 Theater werden finanziert aus den Kassen der Stadt", betont Gaudin. Mit der Erhebung zur Kulturmetropole sieht er die Anstrengungen seiner drei Amtszeiten geradezu geadelt.

Facelifting für Museen und Manufakturen

Der Haupttrumpf der Stadt ist geografisch: Marseille, Anrainer am Mittelmeer, schließt nicht nur die Nachbarn Nordafrikas in seinen Kulturauftritt 2013 mit ein. Eingebunden in das Programm aus künstlerischer Kreation und volksnahen Happenings wird das gesamte Territorium zwischen Arles, Aix-en-Provence und Aubagne - fast hundert Kommunen. Mit mehr als 400 Veranstaltungen, Ausstellungen, Konzerte will sich Marseille mit der Provence in Szene setzen.

Seit die Lokalpolitik Kultur als Wirtschafts- und Tourismusfaktor entdeckt hat, nutzt die "Stadt der tausend Gesichter" die Gelegenheit und die Mittel für ein umfassendes Facelifting. Mit Millionenaufwand werden vernachlässigte Museen, bröckelnde Industriearchitektur, heruntergekommene Bürgerhäuser sowie Kais und Docks renoviert. Das Fort Saint Jean, die Anlagen um das Wahrzeichen Notre-Dame de la Garde, Theater, Kinos und Fußgängerzonen erhalten ein Facelifting.

Gefördert wird nicht jedoch nur architektonische Prestigebauten - etwa das Museum für Europäische und Mittelmeer-Zivilisation (MuCEM) oder das hufeisenförmige Ausstellungszentrum CeReM mit seiner waghalsigen Statik, beide wegen hoher Kosten stark kritisiert. Sondern Geld gibt es auch für Straßentheater, Kleinkunstbühnen und "populäre Kultur". Zugute kommt der Euro-Segen damit etwa der kollektiven Szenekolonie La Friche-La Belle de Mai. Die ehemalige Tabakmanufaktur, dank kreative Hausbesetzer der angesagteste Treffpunkt alternativer Kultur, wird nun grundüberholt und ausgebaut.

Keine Stadt wie jede andere

Noch rattern hier die Presslufthämmer, um Platz und Licht zu schaffen für neue Probenbühnen und Ateliers für Musiker, Tänzer, Maler, Filmemacher - Treffpunkt von 70 Vereinen. Mehr als 40 Künstler aus dem gesamten Mittelmeerraum sind hier im nächsten Jahr zu Gast, sagt Marc Bollet, Präsident des Zentrums über den Kulturkalender 2013: "Damit wird die 'Friche' - divers, lustig, einzigartig, originell, überraschend - zeigen können, dass Marseille keine Stadt wie jede andere ist."

Ganz so vollmundig kommt Performance-Künstler Baptiste Lanaspeze nicht daher. Er und seine Freunde, die noch dabei sind ihren "städtischen Wanderweg" abzustecken, wollen dank der originellen Routen durch die Randzonen verdrängte Geschichte wie vergessene Terrains wiedererobern.

"Wir verstehen unser Projekt als Museum unter freiem Himmel", sagt Lanaspeze: "Der Weg ist das Werk."

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insgesamt 14 Beiträge
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1. "Europäische Kulturhauptstadt"
Vox libertatis 28.02.2012
ist eine überteuerte und völlig überflüssige Initiative der EU-Bürokratie. Ansonsten ist Marseille eine spannende und attraktive Stadt, in der es viel zu entdecken gibt.
2. So falsch: Hamburg ist die Spätzlehauptstadt?
freffie 28.02.2012
Zitat von sysopUmstrittene Museumsbauten, sanierte Künstlerkolonie: Für 600 Millionen Euro macht sich Marseille hübsch für 2013. Dann ist die Mittelmeer-Metropole europäische Kulturhauptstadt und will ihr ramponiertes Image verbessern. Kulturhauptstadt 2013 Marseille: Weg von Drogen und Bouillabaisse - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Reise (http://www.spiegel.de/reise/staedte/0,1518,812577,00.html)
Wer schreibt denn so was: Bouillabaisse mit Aioli: a. B ist nicht nur Fischsuppe, sondern ein richtiges Fischessen. Die Suppe ist Vorspeise. Aioli ist ein separates Essen und hat mit der Bouilabaisse Null zu tun. Es gibt Rouille dazu! Auch ist der Gare TGV Avignon 100 km weg von Marseille. Marseille hat 1 Mio. Einwohner und nicht 2 Mio.! Wenn man keine Ahnung hat, schreibt man nicht.
3. Ethn. Durchmischung- ein Verbrechen
friedrich1954 28.02.2012
Ethnische Säuberungen sind ein Verbrechen,aber eine ethnische Durchmischung eines homogenen Volkes wie die Franzosen mit Menschen aus den alten Kolonien ist ebenfalls ein Verbrechen.In Marseille wird das sichtbar. Es gibt dort Viertel,da wagt sich keine Polizei rein. Von Kultur zu sprechen-trotz der Museen- ist bei Marseille schon Blasphemie.
4. bitte ?
collapsar 28.02.2012
Zitat von friedrich1954Ethnische Säuberungen sind ein Verbrechen,aber eine ethnische Durchmischung eines homogenen Volkes wie die Franzosen mit Menschen aus den alten Kolonien ist ebenfalls ein Verbrechen.
ein homogenes volk, na klar - wie definieren sie diesen begriff denn ? jetzt sollten sie vielleicht noch verraten, was das mit der ethnie der bevölkerung zu tun hat.
5. Berichtigung
deltametro2 28.02.2012
Zitat von sysopUmstrittene Museumsbauten, sanierte Künstlerkolonie: Für 600 Millionen Euro macht sich Marseille hübsch für 2013. Dann ist die Mittelmeer-Metropole europäische Kulturhauptstadt und will ihr ramponiertes Image verbessern. Kulturhauptstadt 2013 Marseille: Weg von Drogen und Bouillabaisse - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Reise (http://www.spiegel.de/reise/staedte/0,1518,812577,00.html)
Marseille ist nicht die "Stadt der Phönizier", sondern die Stadt der Phokäer (la ville phocéenne)!
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