Las Vegas Zum Fototermin mit Atompilz

Tricksen, tarnen, täuschen: Las Vegas beherrscht die Überlebenstechniken abgehärteter Wüstentiere aus dem Effeff. Mit Tod und Zerstörung sind die Bewohner der Wüstenstadt per Du. Selbst Atomtests wurden in der Stadt gefeiert.

Von Ole Helmhausen


 Las Vegas Boulevard: Kasinos und Hotels bis zum Horizont
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Las Vegas Boulevard: Kasinos und Hotels bis zum Horizont

Nachts ist die Ankunft am besten. Die Lichtglocke der Zocker-Welthauptstadt ist schon aus 20 Kilometern Entfernung zu sehen, vom Highway 15 aus hört man bei heruntergelassenen Fenstern sogar das Partygewummer. Im Autoradio singt das Fremdenverkehrsbüro das übliche Hosianna. Die am schnellsten wachsende Stadt der USA, derzeit 1,2 Millionen, in einigen Jahren wohl 2 Millionen Einwohner! Der mit 800 Starts und Landungen täglich zu den zehn geschäftigsten Flughäfen der Welt zählende Airport! Letztes Jahr 37 Millionen Besucher, davor regelmäßig über 34. Wahnsinnsdaten, unfassbar, unglaublich.

Las Vegas liegt mitten im Nichts, "in the middle of nowhere", wie die Amerikaner sagen. Und es liegt kaum mehr als eine Autostunde südwestlich von Yucca Mountain, der größten Müllhalde für radioaktive Abfälle der Welt. Yucca Mountain ist Teil der Nevada Test Site. Von 1951 bis 1962 wurden in dem hermetisch abgeriegelten Sperrgebiet etwa einhundert Atombomben gezündet. Nach 1962 ließ Washington die Tests unter die Erde verlagern, bis 1988 wurden weitere 900 nukleare Sprengsätze unterirdisch zur Detonation gebracht.

Die Frage drängt sich auf: Welches Marketing-Genie schafft es, jahraus, jahrein Millionen Menschen nach Las Vegas, diesen verkehrstechnisch entlegensten Punkt der Lower 48 zu locken? Wer überredet sie dazu, gleich neben dem weltweit größten Testgelände für Atombomben, von wo aus bis in die sechziger Jahre radioaktiv verseuchte Wolken nach Osten trieben und in St. George in Süd-Utah die Zahl der Krebstoten explodieren ließen, bis zum Morgen durchzutanzen?

 Atomic Testing Museum: Vor wenigen Wochen eröffnet
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Atomic Testing Museum: Vor wenigen Wochen eröffnet

Nevada hieß die Atomic Energy Commission (AEC) damals mit offenen Armen willkommen. Am 27. Januar 1951, der Kalte Krieg war längst im Gang, wurde die erste Atombombe gezündet. Gouverneur Charles Russell ließ stolz verlauten, das wertlose Terrain sei nun endlich einem guten Zweck zugeführt - nämlich der Verteidigung des Vaterlands. Wie naiv man damals wirklich war, zeigt das im Februar 2005 in Las Vegas unweit vom Las Vegas Boulevard South, dem Strip, eröffnete Atomic Testing Museum.

Man glaubte Bert the Turtle. Die Zeichentrick-Schildkröte empfahl Schulkindern "duck and cover" unter Schreibtischen. Wegducken - das gewähre hinreichend Schutz gegen 10-Megatonnen-Bomben. Man träumte von einer friedlichen Nutzung. Die Atombombe, hoffte man, würde schließlich den Krieg an sich eliminieren. Jede Detonation wurde wie ein Sieg über die ihrerseits Atombomben testende Sowjetunion gefeiert. So wusste der Bürger, dass die nationale Sicherheit in guten Händen war.

"Atom-Burger" zur Detonation

"Atom Bomb Test Watching" war ein neues Produkt, das vermarktet werden wollte. Jede Explosion, von den Medien angekündigt, lockte mehr Schaulustige an. Man reiste nach Las Vegas, um das Vibrieren unter den Füßen zu spüren, zu erleben, wie die Druckwelle Scheiben eindrückte und um den Pilz zu sehen, der sich in 70 Meilen Entfernung in die Stratossphäre schraubte. Hotels boten termingerecht Pauschalarrangements an. Ladenbesitzer lockten am Tag der Explosion mit saftigen Nachlässen, die Preise wurden "nuked", "vaporized", "smashed", "blasted" oder "detonated". Die Eröffnung neuer Kasinos und Hotels wurde auf Testtage gelegt. Restaurants setzten "Atom-Burger" auf ihre Speisekarte.

 Yucca Mountain: Größte Müllhalde für radioaktive Abfälle
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Yucca Mountain: Größte Müllhalde für radioaktive Abfälle

Aus Showgirls und Atombomben, Las Vegas' größten Attraktionen, kreierten findige Unternehmer eine neue Attraktion: Im Mai 1952 kürten Soldaten, die an Tests in Yucca Flats teilgenommen hatten, im Last Frontier Hotel eine Tänzerin zur ersten "Miss Atomic Blast". Andere Hotels folgten, bald gab es eine "Miss A-Bomb", eine "Mis-Cue" und eine "Miss Big Bang". Die letzte Sex-Bombe wurde die bekannteste. Am 24. Mai 1957 veröffentlichte das Las Vegas News Bureau das berühmte Foto der "Miss Atomic Blast", Linda Merlin. Darauf posiert die kurvenreiche Blondine auf High Heels im Wüstensand, während eine weiße Pilzwolke aus Watte ihre Blöße bedeckt. Schließlich wurden die Tests - jeden Monat detonierte mindestens eine Bombe - Routine. Mit dem Wettlauf im All hatte Amerika bald darauf ein neues Hobby.

Las Vegas' unheimliches Talent, selbst seine dunkelsten Seiten hübsch zu verpacken, zu vermarkten und mit Profit zu verkaufen, ist charakteristisch für die Spieler-Stadt. Die Zwänge des Alltags, kulturelle wie gesellschaftliche, hat sie längst resolut abgeschüttelt. In keiner anderen Stadt der Welt wird so schnell abgerissen und wieder aufgebaut wie hier. Fast alle heutigen Mega-Resorts stehen dort, wo einst andere, zu ihren Glanzzeiten nicht minder berühmte Hotels und Kasinos standen.

 Gesprengtes Hacienda Hotel: 60.000 Schaulustige
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Gesprengtes Hacienda Hotel: 60.000 Schaulustige

Ausgediente Hotels werden von hochspezialisierten Firmen so gesprengt, dass sie nach innen zusammenfallen - Millionen Dollar teure, zuvor mit kompliziertester Software simulierte Spektakel, die Las Vegas gleichfalls zu Attraktionen gemacht hat. So wurde die Sprengung des Hacienda Hotel am 31. Dezember 1996 live vom Fernsehen übertragen, vor Ort von 60.000 Menschen beklatscht und mit einer gigantischen Neujahrsparty gefeiert. Die Sprengung des Landmark Hotel fand im Kinofilm "Mars Attacks" Verwendung. Bei der Sprengung des alten Aladdin Hotels gingen die besten Zuschauerplätze dieser "Implosion Party" für 250 Dollar weg. Nur 17 Sekunden dauerte die vollständige Zerstörung des Mega-Hotels. Und nur wenige Tage der Abtransport von 20.000 Tonnen Schutt. Selbstverständlich war das Fernsehen wieder live dabei.

Las Vegas lässt sich nicht aufhalten

Las Vegas' raison d'être ist das Geldverdienen. Weder Dynamit noch Atombomben können es dabei aufhalten, im Gegenteil. Lebte der große Ökonom Joseph Schumpeter noch, er hätte Las Vegas als Paradebeispiel für seine These der "schöpferischen Zerstörung" angeführt. Jeglicher Moral entbunden, zerstört Las Vegas das Gute zugunsten des Besseren und peitscht so die technische Innovation nach vorn - mit einer Rücksichtslosigkeit, die zugleich abstößt und fasziniert.

Vor dem Bellagio, einem 1,6 Milliarden teuren Mega-Resort am Strip, beginnen die abendlichen Wasserspiele. Dutzende am Boden des Sees installierte Düsen schießen, multimedial begleitet, Fontänen in den Nachthimmel. Die Wüstenstadt ist der größte Wasserverschwender der Nation, doch nach einem Tag auf dem Strip ist einem das ziemlich egal. Man sucht eine Bank zum Ausruhen. Aber es gibt sie nicht. Wer ruht, gibt kein Geld aus. Und das ist die einzige Sünde, die Las Vegas nicht verzeiht.

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