Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Boutique-Hostel in Paris: Traumbude für 25 Euro

Von Stefan Simons, Paris

Paris für 25 Euro pro Nacht? Das geht - und zwar mit reichlich Chic und Charme. Drei weit gereiste Franzosen haben an der Seine ein Boutique-Hostel aufgemacht: sauber, szenig und mit Dachterrasse.

Hostel "Les Piaules": Paris zum Schnäppchenpreis Fotos
Arnault de Giron

Ein Quartier für Globetrotter sollte es werden - freundlich wie ein Gästehaus in Indonesien, günstig wie eine Herberge in Nepal, gepflegt wie ein B&B in Neuseeland und international wie ein Hostel in San Francisco.

Diese Qualitäten unter einem Dach, das wäre die perfekte Unterkunft, sagten sich Matthieu Bégué, Louis Kerveillant und Damien Börjesson. Die drei Franzosen waren erfahrene Reisende und jahrelang mit Rucksack, Surfbrett und knappen Budgets unterwegs. Und hatten dabei die Vor- und Nachteile von schlichten Traveller-Behausungen ausgekostet - und ertragen.

2012, zurück in Frankreich, kamen die drei Schul- und Studienfreunde auf die Idee, in Paris gemeinsam ihre Version eines idealen Hostels aufzuziehen: "Aber keine altbackene Jugendherberge, sondern ein preiswertes Backpacker-Hotel", erklärt Bégué, Jeans, Pulli und Wuschelkopf. "Wir wollen es menschlich, sympathisch und natürlich mit Flair."

Seit acht Wochen ist die Idee einer vorbildlichen Bleibe real: Ihr Hostel Les Piaules liegt im elften Arrondissement am Boulevard de Belleville, in einer lebhaften Nachbarschaft, wo sich nordafrikanische Bäckereien mit chinesischen Supermärkten und französischen Bistros abwechseln.

Schicke Hostels an der Seine

Der Name, auf Deutsch "Die Buden", ist allerdings irreführend: Tatsächlich ähnelt das sechsstöckige Haus mit 162 Räumen - überwiegend Schlafräume mit Etagenbetten für vier, sechs oder acht Personen - eher einem angesagten Boutique-Hotel. Die Bettenpreise bewegen sich je nach Saison und Wochentag zwischen 25 und 30 Euro, ein Doppelzimmer mit Espressomaschine, Wasserkocher und Radio kostet rund 100 Euro pro Nacht.

Les Piaules hat sich mit seinem Angebot in kürzester Zeit in den Wertungen der Internetseiten an die Spitze jener Traveller-Unterkünfte vorgeschoben, die das Lokalblatt "Le Parisien" als die "neue Woge" der Hostelwelt beschreibt: Dazu gehören Bettenburgen wie Generator oder St. Christopher's und kleinere Pensionen wie Oops! oder Three Ducks. Allesamt bieten sie eine Alternative zu Billigabsteigen oder den herkömmlichen Jugendherbergen, die für ihre Gäste tagsüber oft geschlossen sind.

Les Piaules ist durchgehend geöffnet: In der Lobby mischen sich an den Wänden Holz und roher Beton. Vor dem 14-Meter-Tresen laden Eichentische zum Quiche-Essen ein, dahinter befindet sich eine Sitzecke mit Kuschelsofas, einem gusseisernen Bollerofen und Bücherregalen. Auf den Tischen liegen Zeitungen aus, "Le Monde" genauso wie "The Herald Tribune".

Bett mit Vorhang und Steckdose

Von der spontanen Idee bis zur Eröffnung im Dezember vergingen mehr als vier Jahre. Die drei Hostelgründer, allesamt Absolventen von renommierten Handelsakademien mit Erfahrung im Consultingbusiness, haben nichts dem Zufall überlassen. Bei einer gründlichen Marktforschung fanden die Mitdreißiger heraus, dass Frankreichs Metropole nur wenig erschwingliche Hostel-Betten bietet: "In dem Preissegment bis 30 Euro pro Nacht und Nase gab es 2011 in Paris gerade mal 2500 Betten", sagt Matthieu Bégué, "heute sind es rund 7000." Zum Vergleich: Berlin hat 25.000 vergleichbare Schlafplätze im Angebot. "Da war noch Luft."

Binnen sechs Monaten hatte das Trio eine Immobilie im Pariser Osten gefunden - ein Bürogebäude mit reichlich Renovierungsbedarf. Doch dank des Knowhows von Kerveillant (Gastronomie), Bégué (operatives Geschäft) und Börjesson (Internet) konnten die angehenden Unternehmer private Investoren sowie Bankiers von ihrem Acht-Millionen-Euro-Konzept überzeugen.

Selbst entworfene Betten mit Vorhang: Ein bisschen Privatsphäre, s'il vous plaît Zur Großansicht
Arnault de Giron

Selbst entworfene Betten mit Vorhang: Ein bisschen Privatsphäre, s'il vous plaît

Mit eingegangen sind die praktischen Reiseerfahrungen der Globetrotter, die sie in Island (Kex Hostel, Reykjavik), in Portugal (Independente, Lissabon) oder den USA (Free Hand, Miami) gesammelt hatten. Dort staunten sie über Doppelstockbetten mit Vorhängen, privatem Schließfach und Steckdose - und übernahmen die Ideen. Vor allem die Möglichkeit, im Bett das Smartphone aufzuladen, ist für den Backpacker von heute ein absoluter Pluspunkt.

Craftbeer und Rachels Muffins

Das wichtigste Kriterium ist für die meisten jedoch die Sauberkeit: Versiffte Toiletten und Waschräume in den Pariser Billigunterkünften strafen die Kunden in Bewertungsportalen heftig ab. "Bei Hygiene schneiden wir top ab", sagt Bégué, "das ist für ein Hostel so wesentlich wie bequeme Matratzen und ordentliche Bettwäsche."

Und dann ist da noch das Ambiente: Bei der Anmeldung gibt es nicht nur den elektronischen Zimmerschlüssel, sondern auch noch ein paar Tipps für Abstecher ins Szeneviertel rund um die Rue du Faubourg Saint-Denis, den Parc des Buttes-Chaumont oder den Canal Saint-Martin. An der Bar wird lokal produziertes Bier aus der Rue d'Oberkampf ausgeschenkt, der Kaffee stammt aus der Rösterei Belleville und die Muffins aus Rachels Bäckerei im Marais.

Wer den Tag mit dem Frühstück (zwischen 3 und 7 Euro) in der Lobby beginnt, sollte ihn auf der Dachterrasse ausklingen lassen, mit dem Blick über die Dächer von Paris bis zu Sacré Coeur, Pantheon und Eiffelturm.

Das Panorama verführte auch eher untypische Kundschaft: Eine 73-jährige Nachbarin von Les Piaules buchte eines der Doppelzimmer im sechsten Stock - als Überraschung für ihren Mann zum Hochzeitstag.

Fotostrecke

13  Bilder
Ranking: Die besten Hostels der Welt

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Ein Doppelzimmer für 100 Euro
tutnet 15.02.2016
ist selbst für Paris nicht so umwerfend billig. Es gibt jede Menge kleinere Hotels, auch Häuser großer Ketten, die unterbieten das. Einfach mal das Buchungsportal Ihrer Wahl im Internet befragen. Ich hatte von Sylvester bis zum 3.1.2016 ein Doppelzimmer für knapp 60 Euro gebucht. Das war bisher das weitaus billigste. Vermutlich waren das noch Auswirkungen der Terrorangriffe vom November.
2. Ein Doppelzimmer für 100.- EUR ...
martinantalya 15.02.2016
...ist kein Schnäppchen. Selbst am Montmartre kann man schon für 80.- EUR ein Doppelzimmer in einem gemütlichen Boutique-Hotels bekommen. Sogar an Feiertagen wie Weihnachten oder Ostern. Allerdings sind Hotelzimmer in Paris meist winzig; da macht wohl auch das hier vorgestellte Hostel keine Ausnahme.
3. Preise
Risolier 15.02.2016
Ein guter PR-Gag der Hotel-Betreiber, allerdings sieht die Realität leider anders aus: Der Preis für das günstigste (!) Doppelzimmer beträgt im Oktober 206 EUR - über jede andere Booking-Plattform findet man weitaus attraktivere Angebote.
4.
appel&ei 15.02.2016
Etagenbetten? Gab's in guten (west-)deutschen Jugendherbergen schon in den 80ern nicht mehr.
5. Naja
Malshandir 15.02.2016
Also 100 euro für ein Doppelzimmer ist ein bisschen teuer für Jugendherbergsstil. Man kann auch gute Hotels im Zentrum Paris' für unter 100 Euro bekommen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH