Licht-Fest in Lyon: Ballett der Kugelblitze

Von , Lyon

Zuckende Laser, elektronische Gewitter, poetische Projektionen: Das Lichterfest von Lyon ist ein populäres Happening mit jährlich drei Millionen Besuchern - und für die beteiligten Künstler eine Herausforderung, mit viel Phantasie und wenig Geld verblüffende Spektakel zu kreieren.

Lichterfest in Lyon: Happening an Rhône und Seine Fotos
Fête des lumières/TMN

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Von der Basilika Notre-Dame de Fourvière blitzen Laser, Videoprojektionen bringen die historischen Fassaden des Rathauses ins Wanken, und zappelnde, lebensgroße Strichmännchen aus Leuchtstoffröhren führen am Platz der Republik ein magisches Ballett vor. Dazu ein virtueller Elefant, der wie von Zauberhand durch eine Altstadtgasse gezogen wird und ein fulminantes Feuerwerk über den Flüssen: Das Lyoner Lichterfest gehört zu den Höhepunkten der kulturellen Wintersaison am Zusammenfluss von Rhône und Saône.

Das leuchtende Schauspiel, das auf eine religiöse Tradition des 19. Jahrhunderts zurückgeht, hat sich innerhalb weniger Jahre zum populären Happening gemausert - mit immer neuen, phantasievollen Installationen, rund drei Millionen Besuchern und einem Budget von 2,5 Millionen Euro. Ein umsatzstarker Auftritt für den Großraum Lyon und die beteiligten Unternehmen, ein Aushängeschild für die Stadt, das Bürgermeister Gérard Colomb vollmundig als "Lyons Markenzeichen" beschreibt.

Ab Donnerstagabend wird die Metropole während der Fête des Lumières wieder für vier Tage zur "Internationalen Hauptstadt des Lichts" mutieren - und wie jedes Jahr bietet das Spektakel ebenso arrivierten Künstlern wie dem kreativen Nachwuchs der örtlichen Kunsthochschulen eine Chance, ihre Ideen in Licht zu fassen.

"Licht als Sprache"

Für Jean-Luc Hervé und Edouard Levine begann das glitzernde Abenteuer bereits im Mai. Damals landete das Angebot der Stadt im Büro seiner Marseiller Firma Orpailleurs de Lumière - zu Deutsch: Goldwäscher des Lichts. Sie bekamen die Chance, direkt am Rhône-Ufer eine Skulpturengruppe optisch und akustisch in Szene zu setzen.

Jetzt steht Hervé, technischer Direktor des Theaters Antoine Vitez in Aix-en-Provence, neben acht mattschwarzen Säulen, die sich am Kai gegenüber von Rathaus und Oper in den kalten Dezemberhimmel strecken. Leuchtende Röhren ragen wie Äste aus den Säulen, künstlicher Nebel hüllt die Installation in milchige Dämmerung, exotische Musik, vermischt mit schrillen elektronischen Tönen, klingt aus Lautsprechern, während das bunte, wechselnde Licht im Rhythmus mitschwingt.

"Totems" hat Hervé, der auf 30 Jahre Karriere als Bühnentechniker zurückblickt, seine Installation getauft: Sie ist das Ergebnis eines kniffligen Prozesses im ständigen Dialog mit seinem Bildhauerfreund Edouard Levine. Der 72-Jährige hatte bislang vor allem Trophäen und Auszeichnungen entworfen - fußhohe Skulpturen, die etwa bei Filmfestspielen oder Kulturevents als Siegespreise überreicht werden. "Das hier ist mit 6,50 Meter schon ein paar Schuhnummern größer", meint Edouard, der mit dem Akkuschrauber letzte Hand an den Objekten anlegt.

Die Kopfgeburt kam von Hervé, Levine steuerte das Know-how bei. Junge Helfer wie Sébastien, der am Computer über der Programmierung sitzt, sorgten für die Gestaltung des Internetauftritts und die Steuerung der digitalen Partitur. Am Anfang stand die Idee, gleich neben dem Fluss ein starkes Symbol aufzustellen: "Ich wollte Totempfähle als Verbindung von Gegenwart und Vergangenheit, die mit ihren Strahlen die Schatten vertreiben", erklärt der Theatermann seinen Entwurf. Aber nicht statisch, sondern an- und abschwellend, gesteuert von der eigens komponierten Musik - nach dem Vorbild ozeanischer Urvölker. "Ich nutze Licht als Sprache."

Kunstwerk aus Abwasserröhren

Bildhauer Levine brachte es fertig, das Konzept in eine Konstruktion aus prosaischen Materialien zu packen, "schon um unser 120.000-Euro-Budget nicht zu überschreiten". Für die Säulen nutzte der findige Künstler Abwasserröhren, die mit selbstklebender Alufolie verfremdet wurden, bevor Levine sie senkrecht in ein Fundament aus zwei Tonnen Beton stellte. Auch die Leuchtstoffröhren sind Industrieware, genauso wie Scheinwerfer, Lautsprecher und LED-Lampen. "Das hier ist pures Handwerk", sagt Levine, "aber am Ende monatelanger Arbeit hatten wir unsere Vorstellung von Licht, Musik und Choreografie innerhalb einer urbanen Umgebung umgesetzt."

Das Ergebnis kann sich sehen und hören lassen, zumal Hervé in Lyon noch mit einer anderen anspruchsvollen Installation vertreten ist. Unterhalb der Basilika Notre-Dame de Fouvière hat er zwischen den Ufern der Saône, der Kirche Saint-Georges und dem am Berg gelegenen Gymnasium Saint-Just einen mystischen Sonnenuntergang arrangiert. "Begegnung mit dem grünen Lichtstrahl" nennt Hervé die Illumination, die mit 180 Scheinwerfern im Vier-Minuten-Takt einen Sonnenuntergang vorführt. Kurz bevor das virtuelle Gestirn versinkt, blitzt sekundenlang ein grüner Strahl vom Berg - er imitiert ein real existierendes, aber seltenes Naturphänomen.

Laser zucken auch von der Basilika auf dem Hügel von Fourvière herunter. Dort tost ein elektronisches Gewitter, sendet Blitze auf die Fußgängerbrücke am Justizpalast herunter, die die Brüstung entlangknistern wie Wunderkerzen, während monochrome Strahlenbündel die Stahlseile in eine Harfe verwandeln, unterstrichen von klassischen Orchesterklängen. Wenige Schritte weiter erstrahlt auch die Fassade der Kathedrale Saint-Jean zu mächtigen Orgelklängen im changierenden Spiel von Musik und Farben.

Papier aus Computerbildschirmen

Neben diesen aufwendigen Arrangements, die sich eher am Geschmack des Publikums orientieren, verblüffen die sparsameren Installationen. So die hellen weißen Blätter, die, wie Papier von einem Wind erfasst, durch den Innenhof des Rathauses wirbeln. Der Brite Paul Cocksedge hat dazu mehrere Dutzend dünner biegsamer LED-Computerbildschirme wasserdicht verkabelt - die strahlenden "Papiere" steigen schwerelos in die Höhe, von einem Windhauch in leichte Bewegung versetzt. Eine poetische Einladung zur Flucht aus dem Alltag.

Bei den Totems am Rhône-Ufer drängen sich indes die Besucher, gefangen im Wirbel von Licht, Eisnebel und Perkussionen. Jean-Luc, Edouard und Sébastien schauen sich ihr Werk vom Steuerpult im Regiezelt an und sind erleichtert. Alles funktioniert, die Besucher staunen. "Der Erfolg von ungezählten Stunden Arbeit", sagen die Künstler, die gerne sehen würden, dass ihre Installation nach dem Lichterfest einen festen Standort finden würde.

Auch im nächsten Jahr wollen sie wieder dabei sein: "Das Konzept ist schon in Planung", sagt Hervé und klopft sich an die Stirn, "jetzt fehlt nur noch die Realisierung."

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1.
Teami 09.12.2011
Zitat von sysopZuckende Laser, elektronische Gewitter, poetische Projektionen: Das Lichterfest von Lyon ist ein populäres Happening mit jährlich drei*Millionen Besuchern - und für die beteiligten Künstler*eine Herausforderung, mit viel*Phantasie und wenig Geld verblüffende Spektakel zu kreieren. Licht-Fest in Lyon: Ballett der Kugelblitze - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Reise (http://www.spiegel.de/reise/staedte/0,1518,802512,00.html)
Hier ist SPON nicht ganz korrekt informiert. Die "Fête de la Lumière" beginnt immer am 8ten Dezember, sprich nicht Freitag abend, sondern in diesem Jahr Donnerstag Abend. Ursprünglich geht dieses Ereigniss auf die Einweihung der Marien-Statue auf dem Dach von 'Fourvière' zurück. Um dieses Ereignis zu feiern wurde die Bevölkerung der Stadt gebeten, am 8ten Dezember Kerzen in die Fenster zu stellen. Auch heute noch kann man am 8ten Dezember durch die Wohngebiete der Stadt gehen und wird an vielen Fenstern, Balkonen und Hauseingängen Kerzen brennen sehen. Erst im Laufe der vergangenen Jahre wurde daraus nach und nach ein reales Festspiel, bei dem diverse Künstler Licht-Installationen in der ganzen Stadt aufstellen. Erst der touristische Andrang führte schliesslich dazu, dass dieses Fest "verlängert wurde", so dass in der Regel 3 - 4 Tage lang (je nachdem auf welchem Tag der 8te Dezember liegt) dauert. Freut mich trotzdem im SPON einen Artikel über meine Wahlheimatstadt zu lesen.
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Festival in Lyon: Lichterlianen und Fassadengesichter

Fläche: 543.965 km²

Bevölkerung: 63,461 Mio.

Hauptstadt: Paris

Staatsoberhaupt:
François Hollande

Regierungschef: Manuel Valls

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