Fahrrad-Kult-Café in London Zwei Cappuccini und einen Reifenwechsel, bitte

Im Café Look Mum No Hands in London können die Gäste Kaffee trinken und gleichzeitig ihr Fahrrad reparieren lassen. Die Mischung aus Lokal und Werkstatt zieht sattelfeste Fans aus aller Welt an - und findet Nachahmer in Metropolen von Berlin bis Tokio.

lookmumnohands.com

Von Henri Dark


Bei dem Namen verzweifelt jede Marketingagentur: "Look Mum No Hands" als Titel für ein Restaurant? Eigentlich viel zu lang und zu kompliziert auszusprechen, um in London Erfolg zu haben. Und überhaupt: Was soll das eigentlich heißen? Doch das Café mit diesem Namen ist längst Kult.

"Wir legen Wert auf eine spezielle Atmosphäre sowie regionale Produkte", sagt Firmenchef Lewin Chalkey über das, was er eine Mixtur aus Restaurant, Café, Bar und Werkstatt nennt.

Hinter riesigen Scheiben hängen mehrere Fahrräder von der Decke, vom Hollandrad bis zur Profi-Zeitfahrmaschine. Auf wackeligen Stühlen hocken Gäste vor zerkratzten Tischplatten, Blumen in belgischen Vedett-Bierflaschen als Vasen welken vor sich hin. Warum sollte man hier umgerechnet 15 Euro für eine Portion Nudeln mit Tomatensoße zahlen? Doch die LMNH-Macher haben offenbar das richtige Gespür für Dekoration und Inszenierung: Ihr Laden brummt.

"Look Mum No Hands" bedeutet übersetzt so viel wie "Guck mal, Mama, ich fahre freihändig". Wenn übermütige Kinder zum ersten Mal die Hände vom Lenker nehmen, sagen sie das stolz zu ihren Eltern. Wie es dazu kam, dass Chalkey und seine beiden Mitstreiter Matt Harper und Sam Humpheson ihr Café so nannten, weiß heute niemand mehr so recht.

Eis zum Fahrrad

Vor rund vier Jahren waren die Londoner Bike-Nerds jedenfalls verrückt genug, diesen Spruch an die Fassade in der 49 Old Street zu schreiben. Damit füllten sie eine Marktlücke. Eine Kombination aus Gastronomie und Werkstatt, das war neu und traf offenbar exakt den Zeitgeist der urbanen Szene - eine Szene, die sich mehr und mehr auf den Fahrradsattel schwingt, statt mit dem Auto im Stau zu stehen.

Fast zeitgleich zum LMNH öffneten weitere Fahrradkneipen. Nicht nur in London, sondern auch in New York, Tokio, Kapstadt, Amsterdam, Hamburg und Berlin wurde es plötzlich cool, in speziellen Radläden abzuhängen. Inzwischen gibt es in der deutschen Hauptstadt rund ein halbes Dutzend Fahrradcafés. Das bekannteste ist das Standert in Berlin Mitte. Dort wird neben der eigenen Fahrrad-Hausmarke selbstgemachtes Eis und natürlich Kaffee verkauft.

In Hamburg hat erst kürzlich in der Nähe des Hauptbahnhofs die Zweiradperle eröffnet. Ihre Spezialität sind geführte Fahrradtouren, die unter speziellem Thema stehen und mit einem heißen Glas Latte macchiato enden.

Keimzelle und Vorbild für die meisten Fahrradcafés weltweit bleibt aber das LMNH in London. Das beliebte Lokal bietet Selbsthilfekurse zur Fahrradreparatur an, verkauft Ersatzteile und vor allem jede Menge Accessoires fürs Fahrrad und seinen Besitzer.

Der unspektakuläre Flachbau in der Londoner City war für Firmenchef Chalkey im Nachhinein ein Glücksfall. Das Café hat große Fenster, die Fassade besteht aus rotem Backstein, davor stehen Sitzbänke mit Tischen. Hipster, Radkuriere und Studenten plaudern hier bei Limonade und Tee. Und niemand dreht sich nach den Radlern um, die mit ihrem Gefährt direkt in die Kneipe rollen.

Für Reparaturen bitte links, für Kaffee rechts anstellen

Klack, klack, mit lauten Geräuschen dreht ein Rennradfahrer seine Spezialschuhe aus den Klickpedalen, springt aus dem Sattel und stoppt direkt vor dem kleinen Werkstattbereich. "Kannst du meine Schaltung einstellen?", fragt er den diensthabenden Mechaniker. Der spannt das Rad in seinen Montageständer, während der Gast in seinem bunten Trikot zur Bestellannahme fürs Essen ein paar Meter nach rechts wackelt.

Der Laden ist voll, freie Tische gibt es kaum. Fahrrad fahren in London boomt - trotz und gerade wegen der katastrophalen Verkehrsverhältnisse. Besonders Renn- und Sporträder stehen hoch im Kurs. Von der Tower Bridge zum Buckingham Palace, das geht mit dem Rad meist deutlich schneller als mit dem Taxi, dem Doppeldeckerbus oder der veralteten Tube.

Vor allem seit britische Berufsfahrer wie Chris Froome, Bradley Wiggins, Mark Cavendish oder Chris Hoy reihenweise Erfolge im Profisport einfahren, fiebert England mit seinem Radhelden. Bei den olympischen Spielen säumten ungeahnt viele Cyclingfans die Straßenränder der britischen Hauptstadt.

Auch Londons Bürgermeister Boris Johnson gilt als engagierter Pedaleur und fördert den Radverkehr in seiner Stadt massiv durch Errichtung von Fahrrad-Autobahnen und einem Leihradsystem. Bei so viel Euphorie für die umweltgerechte Mobilität kam das Angebot von LMNH gerade recht.

Spanienrundfahrt auf der Großleinwand

Während ein Experte das defekte Fahrrad wieder in Schuss bringt, tauschen sich die Besucher bei einem Becher Kaffee über die neuesten Szeneneuheiten aus. Ein Anzugträger hat sein Brompton-Faltrad unter dem Tisch verstaut. Die Wände sind beklebt mit Schwarzweißfotos. Diese zeigen Szenen großer Radsportschlachten in Frankreich, Italien und Belgien. Am Eingang zur Toilette hängt das berühmte Plattencover von Queens "Fat Bottomed Girls", das eine nur mit einer Bikini-Hose bekleidete Rennradfahrerin zeigt.

"Jetzt greift Nibali an", sagt einer, dessen Blick fest an der Großbildleinwand hängt, auf der eine Live-Übertragung der großen Spanienrundfahrt zu sehen ist. Daneben arbeiten gleich mehrere Gäste konzentriert an ihren Laptops und lassen sich auch von zwei laut diskutierenden Japanern nicht aus der Ruhe bringen.

Die beiden probieren Trikots und Mützen. Ganz wichtig ist ihnen, dass der LMNH-Schriftzug zu sehen ist. Schließlich sollen die heimischen Radfreunde sehen, wo man war - im "Look Mum No Hands". Doch ob sie auch wissen, was der Satz bedeutet?



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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
turadot 20.10.2014
1. ?
Das ist ja wohl nicht euer Ernst! Manche Konzepte brauchen tatsächlich 20 Jahre, bis sie vom Spiegel entdeckt werden. Im Jahre 1995 saß ich in Antwerpen in einem ebensolchen Café mit angeschlossener Werkstatt, ob es den Laden immer noch gibt, das weiß ich nicht, aber er war damals ein beliebter Treffpunkt für Schachspieler.
suplesse 20.10.2014
2. Gibt es auch in FFM!
Am Friedberger Platz. Bestimmt schon 8 Jahre. Kann man Kaffee trinken, sich mit Gleichgesinnten unterhalten und sicher auch Kleinigkeiten sofort machen lassen.
pr@ 20.10.2014
3.
Offensichtlich ist das ein Artikel vom letzten Jahr oder schlecht recherchiert. Nibali ist 2014 nicht bei der Vuelta gestartet - wohl aber 2013. Wenn man im Artikel schon auf "radsportlich" macht, könnte man dies beachten.
mischpot 20.10.2014
4. Die Gastronomie ist nicht geschützt
jeder kann ein Cafe oder Restaurant aufmachen er muss noch nicht einmal einen Beruf nachweisen. Wenn ich Fahrer bei UBER bin muss ich wenigstens einen Führerschein und eine Versicherung nachweisen. Aber als Gastronom kann ich 1/2 Stunde bei der IHK schlafen und bin dann geeignet einen gastronomischen Betrieb zu führen. Ganz zu schweigen von der schlechten Ausbildung die viele gastronomische Betriebe in Deutschland vermitteln. Sehen Sie sich die Kochsendungen in Deutschland an. Das zeigt doch welcher gastronomischer Dilettantismus und welche angeblichen Retter da rumlaufen. Ein Glück dass es dieses "Bildungsfernsehen" gibt sonst wüsste man nicht was so ein selbst überschätzender Sternekoch? seine Grundlagen aufbaut. Alles raus, Alles putzen, Alles neu, Speisekarte kleiner, regional frisch und schonend zubereiten dann noch Gästefreundlichkeit. Juchuu wir habens kapiert und wenn dann noch das gebotene Chichi oder die TV Repräsentanz dazu kommt gibts einen Stern. Wahrlich sind dies schon tiefgreifende Erkenntnisse. Als Normalbürger geht man allerdings davon aus. Das alles sauber, frisch, schonend zubereitet und man zu den Gästen freundlich ist, und da fällt mir wieder der 1/2 stündige Kursus bei der IHK ein der mich berechtigt einen gastronomischen Betrieb zu eröffnen, da hab ich doch glatt geschlafen. Macht nichts den Hackfleisch Schein gabs trotzdem. Bon appetit und wechsle den Sender.
Jamesteakirk 20.10.2014
5.
@Turadot: Antwerpen zählt nicht, weil keine Metropole. Erfreulich ist, daß die Fahrradkultur immer mehr um sich greift und wir immer mehr lernen, daß alle etwas davon haben, wenn mehr Wege mit dem Rad zurückgelegt werden. Je mehr Räder auf der Straße, desto sicherer und schöner wird das Radfahren. Und desto mehr wird auch politisch für den Radverkehr getan.
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