Londoner U-Bahn: Drück auf die Tube!

Von , Johan Dehoust, Nora Gantenbrink und

Ein Tag unter Tage: Vier SPIEGEL-KULTUR-Autoren lassen sich von 6 bis 24 Uhr im ältesten U-Bahn-System der Welt treiben. Sie haben kein Ziel, es gibt nur eine Regel: Bei jedem Aussteigen muss die Station in Sichtweite bleiben.

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6:30 Uhr: Paddington

Die Briten zelebrieren das Schlangestehen wie kaum eine andere Nation. An der Kasse, vorm Bus und, na klar, an den U-Bahn-Stationen. Eine Kontrollschneise in der Station Paddington, die Fahrgäste schlüpfen hindurch, einer nach dem anderen, gesittet und geordnet. Bis wir an der Reihe sind, mit dem abgelaufenen Ticket von gestern. Rums, wir prallen gegen die brusthohen Schwingtüren. Noch mal rums, wir kollidieren mit dem Fahrgast hinter uns: einen Mann mit Aktentasche unterm Arm, er lächelt nicht, er sagt nichts. Wir stören den Ablauf. Sperrige Klötze auf einem Fließband.

7:20 Uhr: Stratford

Aus der glasverkleideten Station trotten Fliesenleger und Klempner und Gärtner, viele mit weißem Helm am Gürtel. 150 Meter weiter, am Eingang zum olympischen Dorf, schauen sie kurz auf, zeigen einen Ausweis, nicken den Wächtern zu. Stilles Einverständnis. Wir treten drei Schritte zurück, für ein Foto der Szenerie.

"No, no, stop it", ruft ein Mann in Warnweste, er fuchtelt mit den Armen. Wir fahren zusammen, als sich vor uns ein Kerl aufbaut, neben dem die Klitschko-Brüder wie Skispringer aussehen würden. Kurzrasierte Haare, einen Knopf im Ohr. "Put your hands out of your pockets!" Er will das Foto sehen und den Personalausweis, es fallen Worte wie "al-Qaida" und "Terroranschlag".

Nach hektischen Funksprüchen glaubt man uns, dass wir keine Taliban-Spitzel sind - und der Schrank macht sich langsam schlank. Er zeigt auf das Einkaufszentrum "Westfield Stratford City": "Mein Herr, darf ich Ihnen einen Kaffee dort drüben empfehlen?" Wir fahren lieber in den dritten Stock des Einkaufszentrums. Dort gibt es den besten Blick auf das Stadion - auch ohne Karte für die Olympischen Spiele.

8:30 Uhr: Bakerloo Line an der Edgware Road

Unterirdisch gibt es fast nirgendwo Handy-Empfang. Die Konsequenz: Es ist erstaunlich still. Alle starren stumpf vor sich hin - oder lesen die Gratis-Zeitung "Metro". Ungestört von jenem Beziehungs-Blabla, das U-Bahn-Reisende in Berlin, Hamburg oder Frankfurt in ihre Mobiltelefone blubbern.

Ach ja, die "Metro"-Schlagzeile liefert dann doch einen Einblick ins Privatleben fremder Menschen: "Wir haben 45 Millionen Pfund gewonnen - Lass uns das mit einer neuen Waschmaschine feiern!" Es geht um ein junges Paar, das seine Wünsche seinem Lottogewinn erst noch anpassen muss. Wie herrlich hilflos und bescheiden! Solche Paarprobleme würde man sich sogar als Handy-Zeuge anhören.

9:00 Uhr: Central Line am Oxford Circus

Die Wagen auf der Central Line sind morgens fast immer überfüllt. Im Gedränge treffen wir Susan, Verkäuferin in einer Boutique. Sie hat keine gute Laune, aber ein paar Überlebenstipps:

1. Wenn du groß bist, stell dich nie an den Rand eines Wagens. Weil viele Waggons gebogen sind, muss man dort krummrückig ausharren.

2. Wenn jemand in einer vollen U-Bahn furzt, fällst du um. Auch wenn ein Penner mitfährt, wird es geruchstechnisch unschön. Stell dich deshalb an eine der Türen. Die gehen an jeder Station auf, ob jemand aussteigen will oder nicht.

3. Wenn jemand die U-Bahn ansteuert und sich die Türen schließen, kannst du deinen Fuß dazwischenstellen. So kann die Person noch in den Wagen hüpfen.

9:20 Uhr: Central Line bei Hanger Lane

Stadtauswärts fahrend, ist die Bahn fast leer. Sie verkehrt nun oberirdisch. Draußen zweistöckige Bauten, aus den Reihenhäusern sind Doppelhaushälften geworden. Alles wirkt putzig und bieder und spießig, so gar nicht London-hip. Und so gar nicht Banlieue-schäbig wie in Pariser Randlagen.

9:35 Uhr: Central Line bei South Ruislip

Allein im Abteil, mit 8 leeren Kaffeebechern und 21 zerknitterten "Metro"-Zeitungen.

9:40 Uhr: West Ruislip

Endstation der Central Line. Wir sind die Letzten in der Bahn, steigen aus, vier farbige Männer und eine Frau in orangefarbenen Westen steigen ein. Sie stopfen die Zeitungen in Müllsäcke, zerren die Müllsäcke die Treppen hoch, werfen sie auf große Wagen. Auf jeden passen 25 Säcke. Wie viele da an einem Tag zusammenkommen? "Zwischen sieben und zehn Uhr mindestens ein Wagen pro Bahn", sagt die Frau, die sich Kate nennt, wie die Herzogin von Cambridge und Ehefrau des Thronfolgers Prinz William.

Und wie viele Müllsäcke an einem ganzen Tag? "Oh man, I don't know", sagt sie. "Das hier ist keine gute Station. Hier gibt es keine guten Gentlemen." Soll heißen: Jeder lässt sein Altpapier liegen. Andererseits: Wohin soll er es werfen, wo es doch aus Sicherheitsgründen keine Mülleimer mehr gibt in den Stationen? Und das nicht erst seit den Terroranschlägen auf drei U-Bahnen und einen Bus am 7. Juli 2005.

Die Station ist leergefegt, die Umgebung auch. Offen hat nur ein Ladenkiosk, der groß wirbt mit "Good Food and Wine". Das Zigarettenregal bietet fast nichts mehr, außer Marlboro und Benson & Hedges. Was soll man hier wartend tun, außer rauchen? Wir kaufen eine Schachtel, gehen raus, rauchen - und kehren nach fünf Minuten um, stöbern erneut durch den Laden. Ziellos. "Ich wusste, dass ihr zurückkommt", sagt der Verkäufer. Wieso? Er grinst. Wo soll man hier wartend sonst hingehen? Es gibt keine Menschen außer uns an der Durchgangsstraße, und der "East Indian Take Away" hat noch zu.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Werbung für Olympia?
Dette 04.05.2012
Interessant für was Spiegel Kultur Redakteure Zeit haben. Tube fahren und es als Kult verkaufen...
2. Londoner U-Bahn
hmueller0 04.05.2012
Als ich vor 15 Jahren in London war, fand ich die U-Bahn auch irgendwie interessant und hatte eine gewisse Faszination. z.B. die Strassenmusiker die man dort oft angetroffen oder zumindest aus einem der Gänge gehört hat. Kann aber nicht beurteilen ob und wie es sich geändert hat. Meine interessanteste Erfahrung: wir haben uns in dem ganzen Gewirr eigentlich problemlos zurechtgefunden....
3. Ja die Tube hat was
JuppZupp 04.05.2012
Ich fand die Tube schon immer grossartig, seit einigen Jahren gibt es zudem eine direkte Anbindung an den London City Airport. Das ist echt bequem und man sieht sogar was, die Bahnen fahren dort überirdig. Auch die Bezahllösung mit diesen RFID-Chips auf die man wie bei PrePaid-Karten Geld einzahlt und dann für die Fahrt nur noch an den Zugangskontrollen registriert ist klasse. Das die Tube immer wieder mal irgendwo ausfällt weil was repariert werden muss kann dem durchschnittlichen Touri ja egal sein ;-)
4.
gbk666 04.05.2012
Spiegel bezahlt 4! leute die Reise in die USA damit sie dort u-bahn fahren, ein paar stinklangweilige fotos wie man sie quasi in jeder größeren Stadt machen könnte schießen und über das U-Bahn fahren schreiben?
5. Naja
dotter101 04.05.2012
Die Tube ist Schrott, leider musste Ich dieses Überteuerte Transportmittel über Jahre benützen und ausser ständigen Preiserhöhungen ändert sich nichts. Die Waggons sind uralt, schlecht gelüftet und ungemütlich, dazu fallen Züge rechts und links aus. Und für den Schrott darf man dann auch noch über 100 Pfund pro Monat zahlen wenn man nah genug zur Innenstadt wohnt. Dazu kommt dann noch das die Züge wegen technischer Probleme andauernd ausfallen und die regelmäßigen Streiks da 70000 Pfund pro Jahr für den Zugfahrer zu wenig sind und man fragt sich doch wirklich was ist so toll an der Tube? Keine Ahnung Ich wunder mich immer wieder darüber.... Es gibt sehr viel bessere U-Bahn Systeme als das Londoner. Und übrigens, die Verbindung zum City Airport ist nicht die "Tube", das ist die DLR.
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