Von Tobias Becker, Johan Dehoust, Nora Gantenbrink und Wolfgang Höbel
6:30 Uhr: Paddington
Die Briten zelebrieren das Schlangestehen wie kaum eine andere Nation. An der Kasse, vorm Bus und, na klar, an den U-Bahn-Stationen. Eine Kontrollschneise in der Station Paddington, die Fahrgäste schlüpfen hindurch, einer nach dem anderen, gesittet und geordnet. Bis wir an der Reihe sind, mit dem abgelaufenen Ticket von gestern. Rums, wir prallen gegen die brusthohen Schwingtüren. Noch mal rums, wir kollidieren mit dem Fahrgast hinter uns: einen Mann mit Aktentasche unterm Arm, er lächelt nicht, er sagt nichts. Wir stören den Ablauf. Sperrige Klötze auf einem Fließband.
7:20 Uhr: Stratford
Aus der glasverkleideten Station trotten Fliesenleger und Klempner und Gärtner, viele mit weißem Helm am Gürtel. 150 Meter weiter, am Eingang zum olympischen Dorf, schauen sie kurz auf, zeigen einen Ausweis, nicken den Wächtern zu. Stilles Einverständnis. Wir treten drei Schritte zurück, für ein Foto der Szenerie.
"No, no, stop it", ruft ein Mann in Warnweste, er fuchtelt mit den Armen. Wir fahren zusammen, als sich vor uns ein Kerl aufbaut, neben dem die Klitschko-Brüder wie Skispringer aussehen würden. Kurzrasierte Haare, einen Knopf im Ohr. "Put your hands out of your pockets!" Er will das Foto sehen und den Personalausweis, es fallen Worte wie "al-Qaida" und "Terroranschlag".
Nach hektischen Funksprüchen glaubt man uns, dass wir keine Taliban-Spitzel sind - und der Schrank macht sich langsam schlank. Er zeigt auf das Einkaufszentrum "Westfield Stratford City": "Mein Herr, darf ich Ihnen einen Kaffee dort drüben empfehlen?" Wir fahren lieber in den dritten Stock des Einkaufszentrums. Dort gibt es den besten Blick auf das Stadion - auch ohne Karte für die Olympischen Spiele.
8:30 Uhr: Bakerloo Line an der Edgware Road
Unterirdisch gibt es fast nirgendwo Handy-Empfang. Die Konsequenz: Es ist erstaunlich still. Alle starren stumpf vor sich hin - oder lesen die Gratis-Zeitung "Metro". Ungestört von jenem Beziehungs-Blabla, das U-Bahn-Reisende in Berlin, Hamburg oder Frankfurt in ihre Mobiltelefone blubbern.
Ach ja, die "Metro"-Schlagzeile liefert dann doch einen Einblick ins Privatleben fremder Menschen: "Wir haben 45 Millionen Pfund gewonnen - Lass uns das mit einer neuen Waschmaschine feiern!" Es geht um ein junges Paar, das seine Wünsche seinem Lottogewinn erst noch anpassen muss. Wie herrlich hilflos und bescheiden! Solche Paarprobleme würde man sich sogar als Handy-Zeuge anhören.
9:00 Uhr: Central Line am Oxford Circus
Die Wagen auf der Central Line sind morgens fast immer überfüllt. Im Gedränge treffen wir Susan, Verkäuferin in einer Boutique. Sie hat keine gute Laune, aber ein paar Überlebenstipps:
1. Wenn du groß bist, stell dich nie an den Rand eines Wagens. Weil viele Waggons gebogen sind, muss man dort krummrückig ausharren.
2. Wenn jemand in einer vollen U-Bahn furzt, fällst du um. Auch wenn ein Penner mitfährt, wird es geruchstechnisch unschön. Stell dich deshalb an eine der Türen. Die gehen an jeder Station auf, ob jemand aussteigen will oder nicht.
3. Wenn jemand die U-Bahn ansteuert und sich die Türen schließen, kannst du deinen Fuß dazwischenstellen. So kann die Person noch in den Wagen hüpfen.
9:20 Uhr: Central Line bei Hanger Lane
Stadtauswärts fahrend, ist die Bahn fast leer. Sie verkehrt nun oberirdisch. Draußen zweistöckige Bauten, aus den Reihenhäusern sind Doppelhaushälften geworden. Alles wirkt putzig und bieder und spießig, so gar nicht London-hip. Und so gar nicht Banlieue-schäbig wie in Pariser Randlagen.
9:35 Uhr: Central Line bei South Ruislip
Allein im Abteil, mit 8 leeren Kaffeebechern und 21 zerknitterten "Metro"-Zeitungen.
9:40 Uhr: West Ruislip
Endstation der Central Line. Wir sind die Letzten in der Bahn, steigen aus, vier farbige Männer und eine Frau in orangefarbenen Westen steigen ein. Sie stopfen die Zeitungen in Müllsäcke, zerren die Müllsäcke die Treppen hoch, werfen sie auf große Wagen. Auf jeden passen 25 Säcke. Wie viele da an einem Tag zusammenkommen? "Zwischen sieben und zehn Uhr mindestens ein Wagen pro Bahn", sagt die Frau, die sich Kate nennt, wie die Herzogin von Cambridge und Ehefrau des Thronfolgers Prinz William.
Und wie viele Müllsäcke an einem ganzen Tag? "Oh man, I don't know", sagt sie. "Das hier ist keine gute Station. Hier gibt es keine guten Gentlemen." Soll heißen: Jeder lässt sein Altpapier liegen. Andererseits: Wohin soll er es werfen, wo es doch aus Sicherheitsgründen keine Mülleimer mehr gibt in den Stationen? Und das nicht erst seit den Terroranschlägen auf drei U-Bahnen und einen Bus am 7. Juli 2005.
Die Station ist leergefegt, die Umgebung auch. Offen hat nur ein Ladenkiosk, der groß wirbt mit "Good Food and Wine". Das Zigarettenregal bietet fast nichts mehr, außer Marlboro und Benson & Hedges. Was soll man hier wartend tun, außer rauchen? Wir kaufen eine Schachtel, gehen raus, rauchen - und kehren nach fünf Minuten um, stöbern erneut durch den Laden. Ziellos. "Ich wusste, dass ihr zurückkommt", sagt der Verkäufer. Wieso? Er grinst. Wo soll man hier wartend sonst hingehen? Es gibt keine Menschen außer uns an der Durchgangsstraße, und der "East Indian Take Away" hat noch zu.
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