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27. Oktober 2006, 05:54 Uhr

Londoner U-Bahn

Spuk in der Tube

Von Benedikt Mandl

Stilvoll, alt und einfach britisch - die Londoner Tube hat viele Fans: Neben Millionen Pendler und Touristen bevölkern sie auch Hunderttausende Mäuse und natürlich einige Spukgestalten. Ein Streifzug durch die wechselvolle Geschichte der ältesten U-Bahn der Welt.

"Mind the gap", ertönt die Ansage und mahnt weiter: "Stand clear of the closing doors!" Dutzende Pendler drängen sich dicht an dicht, unbeeindruckt von dem digitalen Aufruf zur Achtsamkeit. Drückend schwül steht die Luft in den Schächten der Londoner U-Bahn diesen Sommer, dem 146. seit ihrer Eröffnung.

Die "London Underground", oder auch schlicht "the Tube", ist damit die älteste U-Bahn der Welt. Im Eröffnungsjahr 1863 drehten sich die Köpfe der Welt staunend gen London, damals das Herz eines weltumspannenden Imperiums. Wieder einmal hatten die viktorianischen Ingenieure ein Meisterstück vollbracht: Nach fast zehnjährigen Streitereien um Finanzierung, Streckenverlauf und Bauvorschriften nahm erstmals eine Eisenbahn auf unterirdischen Schienen unter Jubel ihren Betrieb auf.

"Berechnungen gehen davon aus, dass über 30.000 Passagiere am Eröffnungstag mit der Tube fuhren", erzählt Louise Lee von London's Transport Museum. Damals zogen zwar noch dampfbetriebene Lokomotiven die Bahn, aber immerhin schon im Zehn-Minuten-Takt. Seither durchlebte die U-Bahn in der britischen Hauptstadt eine wechselhafte Geschichte. Bereits 1880 reisten alljährlich 40 Millionen Londoner unterirdisch. Nach einer Phase der Expansion durch sechs verschiedene Betreibergesellschaften kämpften die Londoner mit einem verworrenen Netzwerk. An manchen Stationen waren Tunnel unterschiedlicher Eigner nicht miteinander verbunden und Passagiere mussten überirdisch zum Anschlusszug laufen. Hohe Tarife sorgten für mehr Ärgernisse, ehe sich mehrere Transportunternehmen zu einem Verbund zusammenschlossen.

U-Bahn-Ersatzteile über eBay

Im London's Transport Museum in Covent Garden verfolgen Touristen und Einheimische gleichermaßen die Geschichte der Tube und erkennen sie kaum wieder. Heute präsentiert sich die Bahn gerne als modernes Unternehmen. Etwa 2,7 Millionen Fahrgäste reisen mit ihr jeden Tag auf einem Schienennetz von insgesamt 408 Kilometern. Bahnhöfe wie Westminster gelten als architektonische Meisterleistungen, zumal der viktorianische Ursprung der Bahn Modernisierungen oft behindert.

Nachdem 1987 eine hölzerne Rolltreppe Feuer fing und 31 Passagiere den Tod fanden, setzte ein Modernisierungsschub ein. "Heute gibt es keine Rolltreppen aus Holz mehr", bestätigt Louise Lee. "Fast alle sind aus Stahl, einige Ausnahmen aus Bronze." Belastungen durch das historische Erbe und die britische Tradition, so wenig öffentliche Gelder wie möglich in das Transportwesen zu investieren, sorgen jedoch immer noch für Probleme. Unlängst berichtete die BBC empört, dass die Betriebsgesellschaft Tube Lines über das Internet-Auktionshaus eBay versucht, Ersatzteile für die teils hoffnungslos veraltete U-Bahn aufzutreiben.

Trotzdem verweist der Verkehrsverbund Transport of London gerne auf hohe Sicherheitsstandards und zufriedene Kunden. Professionell agierte das Unternehmen auch bei den Bombenanschlägen im Juli letzten Jahres, als sich islamistische Terroristen in vier verschiedenen Zügen in die Luft sprengten und 56 Menschen mit in den Tod rissen. Um eine Massenpanik zu vermeiden, vermeldete Transport of London einen Stromausfall, und Hilfskräfte konnten rasch zu den Verletzten vordringen. Das Vertrauen der Londoner in die Sicherheit der U-Bahn nahm nur geringen Schaden, schon unmittelbar nach den Anschlägen nahmen die Züge wieder den Betrieb auf.

Das älteste Unternehmen mit einheitlichem Markenauftritt

Um die dringend notwendige Modernisierung voranzutreiben hat die britische Regierung bis 2030 Investitionen in der Höhe von 16 Milliarden Pfund zugesichert. Neue Züge, besserer Service und die Erweiterung des Netzwerks - bald soll alles besser werden. Dabei ist kaum eine U-Bahn der Welt mehr geliebt als die Londoner Tube mit all ihren Mängeln und Tücken. Sie sei "das älteste Unternehmen mit einheitlichem Markenauftritt" hört man Londoner immer wieder sagen. Die Phrase "Mind the gap" ist längst Kult, prangt auf T-Shirts, Unterhosen und Teetassen. Die Schriftstellerin Anthea Turner widmete sich in mehreren Kinderbüchern den geschätzten 500.000 Mäusen, die in den Schächten leben.

Keine britische Traditionseinrichtung kommt ohne Geister aus, und natürlich kann auch die Tube auf allerlei Spukgestalten verweisen. Von ganzen acht Gespenstern berichtet die BBC, darunter auch ein Import aus Ägypten: Als die Haltestelle "British Museum" 1933 geschlossen wurde, war die Geschichte eines dunkelhäutigen Geistes mit Turban, der nächtens den Bahnhof heimsuchte, fast allen Londonern geläufig. Als eine Zeitung einen Preis für denjenigen auslegte, der eine Nacht auf dem stillgelegten Bahnhof verbringen würde, meldete sich niemand.

Der Film "Bulldog Jack" aus dem Jahr 1935 basierte teilweise auf der Spukgeschichte. "An jenem Abend, an dem der Film in den Kinos anlief, verschwanden zwei Frauen vom Bahnhof Holborn - nur eine Haltestelle vom British Museum entfernt", so die BBC. Später fanden sich unerklärbare Spuren an der Wand des geschlossenen Bahnhofs "British Museum". Ein untoter Schauspieler, ein ermordetes Lehrmädchen aus dem 18. Jahrhundert und eine rätselhafte Nonne – allerlei Gespenster sollen durch die dunklen Tunnel der "Tube" geistern.

Parfüm "Madeleine" sorgt für Übelkeit

An kaum einem Umstand lässt sich das innige Verhältnis zwischen den Londonern und ihrer U-Bahn aber besser ablesen, als an den Bahnhöfen, die nach Pubs benannt wurden: wie "Angel", "Manor House", "Royal Oak" und "Swiss Cottage". Trunkenheit in der U-Bahn ist dennoch unerwünscht. Und um Rowdies vom Randalieren abzuhalten, bewiesen die Betreiber der Tube schon einige Kreativität. Mit klassischer Musik werden Jugendliche an "Krisenbahnhöfen" seit Januar 2005 beschallt, in der Hoffnung, Mozart möge sie friedlich stimmen. Laut Transport of London gingen Vandalismus und Pöbeleien prompt um bis zu einem Drittel zurück.

Weniger erfolgreich war dagegen ein Versuch, den Muff im Untergrund mit eigens kreiertem Parfum zu vertreiben: "Madeleine" wurde 2001 versuchsweise in drei Bahnhöfen versprüht. Allerdings nur für einen einzigen Tag: Der Tunnelduft sorgte bei zahlreichen Passagieren für Übelkeit und Ärger.

Gespannt warten die Londoner nun auf weitere Neuerungen. Denn spätestens bis 2012 wird sich einiges tun im Untergrund. London soll sich auf allen Ebenen von seiner besten Seite zeigen, wenn sich die Augen der Welt wieder auf die Stadt an der Themse richten; diesmal als Gastgeber der Olympischen Spiele. Ob wie vor 150 Jahren ein Gefühl technischer Überlegenheit entsteht, darf bezweifelt werden. Aber immerhin ist ein neuer Bahnhof für das Wembley Stadium geplant - voll technischer Raffinessen, für die man Ersatzteile auch anderswo als auf eBay findet.

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