Londoner U-Bahn Spuk in der Tube

Stilvoll, alt und einfach britisch - die Londoner Tube hat viele Fans: Neben Millionen Pendler und Touristen bevölkern sie auch Hunderttausende Mäuse und natürlich einige Spukgestalten. Ein Streifzug durch die wechselvolle Geschichte der ältesten U-Bahn der Welt.

Von Benedikt Mandl


"Mind the gap", ertönt die Ansage und mahnt weiter: "Stand clear of the closing doors!" Dutzende Pendler drängen sich dicht an dicht, unbeeindruckt von dem digitalen Aufruf zur Achtsamkeit. Drückend schwül steht die Luft in den Schächten der Londoner U-Bahn diesen Sommer, dem 146. seit ihrer Eröffnung.

Die "London Underground", oder auch schlicht "the Tube", ist damit die älteste U-Bahn der Welt. Im Eröffnungsjahr 1863 drehten sich die Köpfe der Welt staunend gen London, damals das Herz eines weltumspannenden Imperiums. Wieder einmal hatten die viktorianischen Ingenieure ein Meisterstück vollbracht: Nach fast zehnjährigen Streitereien um Finanzierung, Streckenverlauf und Bauvorschriften nahm erstmals eine Eisenbahn auf unterirdischen Schienen unter Jubel ihren Betrieb auf.

"Berechnungen gehen davon aus, dass über 30.000 Passagiere am Eröffnungstag mit der Tube fuhren", erzählt Louise Lee von London's Transport Museum. Damals zogen zwar noch dampfbetriebene Lokomotiven die Bahn, aber immerhin schon im Zehn-Minuten-Takt. Seither durchlebte die U-Bahn in der britischen Hauptstadt eine wechselhafte Geschichte. Bereits 1880 reisten alljährlich 40 Millionen Londoner unterirdisch. Nach einer Phase der Expansion durch sechs verschiedene Betreibergesellschaften kämpften die Londoner mit einem verworrenen Netzwerk. An manchen Stationen waren Tunnel unterschiedlicher Eigner nicht miteinander verbunden und Passagiere mussten überirdisch zum Anschlusszug laufen. Hohe Tarife sorgten für mehr Ärgernisse, ehe sich mehrere Transportunternehmen zu einem Verbund zusammenschlossen.

U-Bahn-Ersatzteile über eBay

Im London's Transport Museum in Covent Garden verfolgen Touristen und Einheimische gleichermaßen die Geschichte der Tube und erkennen sie kaum wieder. Heute präsentiert sich die Bahn gerne als modernes Unternehmen. Etwa 2,7 Millionen Fahrgäste reisen mit ihr jeden Tag auf einem Schienennetz von insgesamt 408 Kilometern. Bahnhöfe wie Westminster gelten als architektonische Meisterleistungen, zumal der viktorianische Ursprung der Bahn Modernisierungen oft behindert.

Nachdem 1987 eine hölzerne Rolltreppe Feuer fing und 31 Passagiere den Tod fanden, setzte ein Modernisierungsschub ein. "Heute gibt es keine Rolltreppen aus Holz mehr", bestätigt Louise Lee. "Fast alle sind aus Stahl, einige Ausnahmen aus Bronze." Belastungen durch das historische Erbe und die britische Tradition, so wenig öffentliche Gelder wie möglich in das Transportwesen zu investieren, sorgen jedoch immer noch für Probleme. Unlängst berichtete die BBC empört, dass die Betriebsgesellschaft Tube Lines über das Internet-Auktionshaus eBay versucht, Ersatzteile für die teils hoffnungslos veraltete U-Bahn aufzutreiben.

Trotzdem verweist der Verkehrsverbund Transport of London gerne auf hohe Sicherheitsstandards und zufriedene Kunden. Professionell agierte das Unternehmen auch bei den Bombenanschlägen im Juli letzten Jahres, als sich islamistische Terroristen in vier verschiedenen Zügen in die Luft sprengten und 56 Menschen mit in den Tod rissen. Um eine Massenpanik zu vermeiden, vermeldete Transport of London einen Stromausfall, und Hilfskräfte konnten rasch zu den Verletzten vordringen. Das Vertrauen der Londoner in die Sicherheit der U-Bahn nahm nur geringen Schaden, schon unmittelbar nach den Anschlägen nahmen die Züge wieder den Betrieb auf.

Das älteste Unternehmen mit einheitlichem Markenauftritt

Um die dringend notwendige Modernisierung voranzutreiben hat die britische Regierung bis 2030 Investitionen in der Höhe von 16 Milliarden Pfund zugesichert. Neue Züge, besserer Service und die Erweiterung des Netzwerks - bald soll alles besser werden. Dabei ist kaum eine U-Bahn der Welt mehr geliebt als die Londoner Tube mit all ihren Mängeln und Tücken. Sie sei "das älteste Unternehmen mit einheitlichem Markenauftritt" hört man Londoner immer wieder sagen. Die Phrase "Mind the gap" ist längst Kult, prangt auf T-Shirts, Unterhosen und Teetassen. Die Schriftstellerin Anthea Turner widmete sich in mehreren Kinderbüchern den geschätzten 500.000 Mäusen, die in den Schächten leben.

Keine britische Traditionseinrichtung kommt ohne Geister aus, und natürlich kann auch die Tube auf allerlei Spukgestalten verweisen. Von ganzen acht Gespenstern berichtet die BBC, darunter auch ein Import aus Ägypten: Als die Haltestelle "British Museum" 1933 geschlossen wurde, war die Geschichte eines dunkelhäutigen Geistes mit Turban, der nächtens den Bahnhof heimsuchte, fast allen Londonern geläufig. Als eine Zeitung einen Preis für denjenigen auslegte, der eine Nacht auf dem stillgelegten Bahnhof verbringen würde, meldete sich niemand.

Der Film "Bulldog Jack" aus dem Jahr 1935 basierte teilweise auf der Spukgeschichte. "An jenem Abend, an dem der Film in den Kinos anlief, verschwanden zwei Frauen vom Bahnhof Holborn - nur eine Haltestelle vom British Museum entfernt", so die BBC. Später fanden sich unerklärbare Spuren an der Wand des geschlossenen Bahnhofs "British Museum". Ein untoter Schauspieler, ein ermordetes Lehrmädchen aus dem 18. Jahrhundert und eine rätselhafte Nonne – allerlei Gespenster sollen durch die dunklen Tunnel der "Tube" geistern.

Parfüm "Madeleine" sorgt für Übelkeit

An kaum einem Umstand lässt sich das innige Verhältnis zwischen den Londonern und ihrer U-Bahn aber besser ablesen, als an den Bahnhöfen, die nach Pubs benannt wurden: wie "Angel", "Manor House", "Royal Oak" und "Swiss Cottage". Trunkenheit in der U-Bahn ist dennoch unerwünscht. Und um Rowdies vom Randalieren abzuhalten, bewiesen die Betreiber der Tube schon einige Kreativität. Mit klassischer Musik werden Jugendliche an "Krisenbahnhöfen" seit Januar 2005 beschallt, in der Hoffnung, Mozart möge sie friedlich stimmen. Laut Transport of London gingen Vandalismus und Pöbeleien prompt um bis zu einem Drittel zurück.

Weniger erfolgreich war dagegen ein Versuch, den Muff im Untergrund mit eigens kreiertem Parfum zu vertreiben: "Madeleine" wurde 2001 versuchsweise in drei Bahnhöfen versprüht. Allerdings nur für einen einzigen Tag: Der Tunnelduft sorgte bei zahlreichen Passagieren für Übelkeit und Ärger.

Gespannt warten die Londoner nun auf weitere Neuerungen. Denn spätestens bis 2012 wird sich einiges tun im Untergrund. London soll sich auf allen Ebenen von seiner besten Seite zeigen, wenn sich die Augen der Welt wieder auf die Stadt an der Themse richten; diesmal als Gastgeber der Olympischen Spiele. Ob wie vor 150 Jahren ein Gefühl technischer Überlegenheit entsteht, darf bezweifelt werden. Aber immerhin ist ein neuer Bahnhof für das Wembley Stadium geplant - voll technischer Raffinessen, für die man Ersatzteile auch anderswo als auf eBay findet.



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susa27, 24.10.2006
1. mehr Gleichberechtigung im öffentlichen Raum
U-Bahn fahren ist prinzipiell eine gute Sache. Rein - Raus und schnell ankommen (wenn sie denn fahren. Was hier in Berlin nicht immer der Fall ist ;-)). Allerdings finde ich bleibt beim U-Bahn fahren das Erleben der urbanen Umwelt völlig "auf der Strecke". Auch die Orientierung innerhalb einer Stadt ist für mich nur noch sehr bedingt möglich. Deshalb: Wenn es nur irgendwelche (vergleichbaren) überirdischen ÖPNV-Angebote gibt, ziehe ich diese vor. Hinzu kommen auch ökologisch Aspekte, die sicherlich gegen einen weiteren Ausbau sprechen. Zudem wurde die Verlegung Straßenbahn in den Untergrund ja nur zu Gunsten des Autoverkehr vorgenommen - Ein Aspekt der vom Ansatz her m.E. in die völlig falsche Richtung geht: Wenn die Autos besser fahren können -> gibt es mehr Autos -> müssen weitere Verkehrsteilnehmer verbannt werden.... Darüber lohnt es sich mal nachzudenken ;-)
supernicky2006, 24.10.2006
2.
---Zitat von sysop--- U-Bahnen waren einst Symbol der Moderne und der Mobilität, heute gehören Sie weltweit zum städtischen Leben. Wie erleben Sie die internationale U-Bahnen heute? Haben Sie Lieblingsstrecken? Hatten Sie besondere Erlebnisse im urbanen Untergrund? Der Artikel zum Thema: http://www.spiegel.de/reise/metropolen/0,1518,443035,00.html ---Zitatende--- Ich finde die U-Bahnen in London spaßiger als in Paris - wegen der steilen Rolltreppen. Außerdem haben sich die Londoner offenbar etwas dabei gedacht, die Dinger tiefer im Boden zu versenken, weil dann das Geschirr im Schrank obendrüber nicht immer so klappert. Ich fahre gerne U-Bahn, außer in Mailand, weil die Kontrolleure da sich nicht darauf beschränken, einen wegen Schwarzfahrens vorrübergehend zu verhaften, sondern die werden dann auch noch aufdringlich (würg.). Zu den deutschen Strecken fällt mir jetzt grad weder Positives noch Negatives ein.
wolleweis, 24.10.2006
3. Ist das wirklich so?
---Zitat von susa27--- U-Bahn fahren ist prinzipiell eine gute Sache. ---Zitatende--- Stimmt [/QUOTE] Allerdings finde ich bleibt beim U-Bahn fahren das Erleben der urbanen Umwelt völlig "auf der Strecke". [/QUOTE] U-Bahn ist urbane Umwelt - vieleicht sogar mehr "obenrum" [/QUOTE] Zudem wurde die Verlegung Straßenbahn in den Untergrund ja nur zu Gunsten des Autoverkehr vorgenommen - [/QUOTE] Falsch. Die Londoner Tube hat 1863 begonnen. Das Auto war da noch nicht einmal erfunden. [/QUOTE] Ich selbst hab U-Bahn fahren als praktisch, aber nicht noetigerweise als Erlebnis gefunden. Gerade in London ist U-Bahn zwar ganz nett wegen der verschiedenen Dekorationen in den Stationen, aber bei mir bleibt trotzdem ein grundsaetzlich ungutes Gefuehl, denn die Stationen sind weder sauber, oder uebersichtlich und ich fuehle mich nicht unbedingt sicher. Wenigstens haengen zur Zeit deutlich weniger Penner und Bettler dort rum, als es noch in den 80er Jahren der Fall war.
mfeldt, 24.10.2006
4. Kompomißbereite Kontrolleure
Eines der lustigsten U-Bahnerlebniss war sicherlich in Prag, wo wir wegen "Schwarzfahrens" von Kontrolleuren verhaftet wurden - wir hatten nicht gewußt, daß das Umsteigen zwischen den Linien mit einer Karte verboten war. Nach dieser glaubhaften Versicherung zeigten sich die Kontrolleure konzilliant: "Mach ich Kompromiß: Nur einer zahlt!" [von uns beiden]. Da wir aber keine Lokalwährung besaßen (es war 1989) und sich auch in Begleitung der Kontrolleure keine durch legalen Umtausch erlangen ließ, wurde der Kompromiß dahingehend geändert, daß wir garnicht bezahlen mußten... Schön war es auch früher in Ost-Berlin wie auch in Moskauer Bussen und Straßenbahnen, wo die Fahrkarten auf langen Papierrollen zum selberabreißen verfügbar gehalten wurden, wobei man sein Scherflein in eine danebenstehende Kasse des Vertrauens einwarf. Am allerschönsten war es einmal in einem Moskauer Bus, als die Rolle alle war und ein Fahrgaste kommentarlos ein Klappe über den Fenstern öffnete, hinter der sich ein ganzer Vorrat derartiger Fahrkartenrollen befand... m.
susa27, 24.10.2006
5.
[/QUOTE] Falsch. Die Londoner Tube hat 1863 begonnen. Das Auto war da noch nicht einmal erfunden. [/QUOTE] Das mag ja auf London und weitere Einzelfälle zutreffen. Jedoch scheint mir das bei einigen Planern immer noch die Absicht zu erkennen ist, durch die Verlegung der Schienen unter die Erde mehr Platz für den Autoverkehr zu schaffen zu wollen.
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