Der perfekte Tag in Luxemburg-Stadt So winzig, so weltoffen, so gefährlich

Tote Gastro-Kritiker und vergiftete Sushi-Köche - in den Krimis von Tom Hillenbrand scheint Luxemburg-Stadt ein gefährliches Pflaster zu sein. Wer einen Besuch dennoch wagt, dem gibt der Autor die besten Tipps für eine der kleinsten Hauptstädte Europas.

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Zum Autor
  • Dirk Guldner
    Tom Hillenbrand, geboren 1972, arbeitet als Schriftsteller. Seine Krimireihe um den Koch Xavier Kieffer spielt im Großherzogtum Luxemburg, weswegen das kleine Land quasi seine zweite Heimat geworden ist.
  • Webseite Tom Hillenbrand
Sie schreiben "kulinarische Krimis", die in Luxemburg spielen, Herr Hillenbrand. Wo gibt es denn das beste Frühstück in der Hauptstadt?

Ein reichhaltiges Sonntagsfrühstück bietet La Table du Pain in der Oberstadt. Wer eher die schnelle Variante bevorzugt, also Kaffee plus Croissant, dem empfehle ich das kleine Café Delicatessen. Es gehört der Starköchin Léa Linster und liegt direkt neben dem Großherzöglichen Palais.

Und wo bringt das Lunchen Gaumenfreude?

In der Oberstadt empfehle ich A la Soupe für eine preiswerte, aber leckere Suppe. Wer etwas mehr Geld ausgeben kann, genehmigt sich im Unterstadtteil Grund das Mittagsmenü (repas d'affaires) im Mosconi. Das kostet 44 Euro. Klingt happig, ist aber für drei Gänge in einem Zwei-Sterne-Tempel sensationell günstig.

In welchem Café kann man sich vom Sightseeing ausruhen?

Wenn man sich mehrere Stunden lang die Hacken wund gelaufen hat, ist das Café Konrad der beste Ort, um auszuspannen. Es liegt am Rand der Oberstadt in einer ruhigen Seitenstraße und hat etwas von einem Wohnzimmer. Außerdem schmeckt der Karottenkuchen großartig.

Mal abgesehen vom Speisen: Was ist das Besondere an der Hauptstadt des Großherzogtums?

So viel internationales Flair auf so kleinem Raum! Die Stadt ist kaum größer als Gütersloh, trotzdem ist sie wegen der EU-Institutionen und der Banken voller Italiener, Spanier, Franzosen und Amerikaner. Und alle scheinen prima miteinander auszukommen, trotz Mentalitätsunterschieden und Sprachengewirr. Für mich ist Luxemburg deshalb der stadtgewordene europäische Traum.

Welches Viertel muss man gesehen haben?

Neben der schnieken Luxemburger Oberstadt gibt es noch die urige Unterstadt, die man nicht verpassen sollte. Vor allem der mittelalterliche Stadtteil Grund mit der Münsterabtei und ihren angrenzenden Kräutergärten ist ein Kleinod.

Von wo sieht Luxemburg-Stadt am schönsten aus?

Da die Stadt von zwei Schluchten durchzogen wird, gibt es viele interessante Perspektiven. Der am leichtesten zugängliche Aussichtspunkt ist die Corniche in der Oberstadt. Leider ist sie ziemlich überlaufen. Deshalb lohnt es sich, auf die andere Seite der Alzetteschlucht zu fahren. Dort liegt hinter dem Musée Dräi Echelen eine Wiese, von der aus man Luxemburg in seiner ganzen Pracht bewundern kann - und zwar meistens allein.

Ist D'Stad, wie die Luxemburger ihre größte Stadt nennen, zum Shoppen geeignet?

Die meisten schicken Geschäfte sind zwar auf der Grand Rue in der Oberstadt. Aber ganz ehrlich: Die meisten Einheimischen fahren zum Shopping nach Trier, weil das Angebot in Luxemburg sehr überschaubar ist.

Dennoch - ein Souvenir muss mit. Welches?

Am besten etwas zu essen. Bei den hervorragenden Konditoreien Oberweis und Kaempff-Kohler gibt es die typisch luxemburgische Rieslingspaschtéit, eine Pastete, die auch eine mehrstündige Reise gut übersteht. Und dazu empfehle ich eine Flasche hiesigen Crémant, das ist Luxemburger Schaumwein. Ein schönes Mitbringsel für Weinfans ist zudem der seltene Auxerrois, den es sortenrein nur an der Luxemburger Mosel gibt.

Auxerrois und Rieslingspaschtéit - wie kann man sich überhaupt verständigen?

Verkehrssprache ist Französisch, aber auch mit Englisch kommt man problemlos über die Runden. Die alteingesessenen Luxemburger sprechen meist fließend Deutsch. Aber bei einem Ausländeranteil von über 50 Prozent kann man nicht unbedingt erwarten, dass jeder Deutsch versteht.

Was schätzen Sie an den Luxemburg-Städtern?

Die Luxemburger sind aufgrund der vielen Ausländer und wegen der EU-Institutionen sehr weltoffen. Das sind Leute in London oder New York vielleicht auch, aber die Luxemburger kombinieren das mit einer besonderen Herzlichkeit, wie man sie in großen Städten nicht findet. Und sie nehmen sich immer gerne Zeit für ein Schwätzchen und ein "Kippchen" - das ist keine Zigarette, sondern Lëtzebuergesch für ein Glas Crémant.

Trotz aller Herzlichkeit muss der Protagonist Ihrer Krimis, Xavier Kieffer, ja doch einige Verbrechen aufklären. Wo geschehen die meisten in L-Stadt?

Der Stadtteil Gare nahe des Hauptbahnhofs ist ziemlich schmuddelig. Laut Eurostat ist Luxemburg die drittgefährlichste Hauptstadt Europas, aber das ist mit Vorsicht zu genießen: Vier Tötungsdelikte pro Jahr ergeben bei knapp 100.000 Einwohnern eben eine bedrohlich klingende Quote. Aber das sind alles Beziehungstaten, für Touristen ist es hier ziemlich ungefährlich.

Und wo können die Touristen zum Abschluss des Tages am besten das Nachtleben genießen?

Der absolute Hotspot sind seit einigen Jahren die Rives de Clausen. Das ist ein zur Partymeile umgebautes Brauereigelände in der Unterstadt, mit Bars, Kneipen und Restaurants. Die Innenstadt ist nachts ziemlich tot, weitere Locations sind über die ganze Stadt verstreut. Für Nachtschwärmer gibt es praktischerweise einen ziemlich coolen ÖPNV-Service, den sogenannten Night Rider. Das ist eine Flotte von 70 Sammelbussen, die man am Wochenende für individuelle Fahrten per Handy buchen kann.

Die Fragen stellte Antje Blinda.


Buchtipp: Der vierte Fall von Xavier Kieffer, dem Protagonisten von Tom Hillenbrands Krimireihe, erscheint am 6. November 2014:
"Tödliche Oliven". KiWi-Taschenbuch; 9,99 Euro.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version wurde Luxemburg als kleinste Hauptstadt Europas beschrieben. Das ist nicht richtig. Den Fehler bitten wir zu entschuldigen.


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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
Moewi 24.09.2014
1.
"Europas kleinste Hauptstadt" ist möglicherweise Vaduz in Liechtenstein, aber bestimmt nicht das 20-mal grössere Luxemburg
1616 24.09.2014
2. Europas kleinste Hauptstadt?
Sind nicht u.a. Andorra la Vella, Città di San Marino und Vaduz kleiner?
Sankari66 24.09.2014
3. Europas kleinste Hauptstadt?
Luxemburg ist mitnichten die kleinste Hauptstadt Europas. Weder bezüglich der Einwohnerzahl noch der Fläche. Luxemburg: 107.247 Einwohner; 51,5 km² Im Vergleich dazu: Vatikanstadt: 842 Einwohner; 0,44 km² Nun gut, die Vatikanstadt als Staat mit Hauptstadt zu bezeichnen mag diskussionswürdig sein. Schauen wir weiter: Città di San Marino: 4.214 Einwohner; 7,09 km² Vielleicht hat der Autor auch den leider oftmals auftretenden Fehler gemacht und Europa und EU synonym gesetzt. Aber auch bei den EU-Staaten gibt es kleinere Hauptstädte: Valletta: 6.295 Einwohner; 0,84 km² Luxemburg ist also die kleinste Hauptstadt eines EU-Staaates auf dem Festland. Respekt!
rulamann 24.09.2014
4.
Vom Bahnhofsviertel würde ich mich auch fernhalten, da hat man ganz leicht ein paar in der Fresse. Wer auf Bergwandern steht kann sich in der Stadt austoben, unten ist fast wie auf dem Dorf, nur daß es dort noch gemütliche Einkehrkneipen gibt in denen die Gastarbeiter auch deutsch verstehen, dort kann man auch durch die Amazonzentrale schleichen und sich deren Prunkpalast mal anschauen. Vom Gang am stinkenden Stadtbach rate ich aber sonst ab, außer man steht auf Mittelalter. Die Oberstadt ist total überlaufen und man muß aufpassen nicht von Kopien der Schleck-Brüder über den Haufen gefahren zu werden, Rad- und Autofahrer sind dort recht rabiat.
troy_mcclure 24.09.2014
5. Auf jeden Fall eine Reise wert
Auch wir fahren regelmäßig nach Luxemburg-Stadt. Ist ein gemütliches kleine s Städtchen mit total viel Flair, wie es der Bericht auch rüber bringt. Kann einen Besuch nur empfehlen Für Leute mit Kindern: ca. 300-400 m von der Innenstadt entfernt ist ein riesiger Spielplatz, der die Kleinen begeistert
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