Lyon Kaspar aus dem Kneipenviertel

Der freche "Guignol" ist zurück: Der französische Kasper ist wieder in seiner Geburtstadt zu besichtigen. Nach mehr als zehnjähriger Renovierung erlauben die Musées Gadagne Reisen in vergangene Zeiten - auch in jene, in denen Lyon noch Zentrum des Puppentheaters war.

Aus Lyon berichtet


Die Zeitreise beginnt gleich hinter einem schweren Holztor: Im Herzen des "alten Lyon", im Quartier Saint-Paul, ein paar Schritte nur neben der schattigen Uferpromenade und der lärmenden Kneipenszene, liegt das Gadagne-Haus, das Einblick in die Geschichte eines Viertel und - mehr noch - der gesamten Stadt gibt. Von der "Place du Petit Collège" führen ein paar Stufen in den Reichtum urbaner Vergangenheit: in das Museum für Stadtgeschichte und der in Frankreich einmaligen Marionetten-Sammlung.

Die erst im Juni wiedereröffnete Anlage ist überraschend imponierend, trotz der beinahe asketischen Strenge. Der Hof gibt den Blick frei auf drei verschiedene Gebäude, jedes typisch für die handwerkliche Kunst dieser Zeit. Symmetrische Fensterfronten mit unterschiedlichem Dekor rahmen den Innenhof ein, in dem Spring- und Ziehbrunnen plätschern; im Norden wird der Durchgang über vier Stockwerke über offene Galerien begrenzt.

Zugleich akademischer Forschungsschwerpunkt und Ort der Heimatkunde, zählt der außergewöhnliche Gebäudekomplex zu Lyons historischer Altstadt, die größtes Renaissance-Ensemble Frankreichs und Weltkulturerbe der Unesco ist.

Florentiner Bankiers mit Lyoner Wohnsitz

Seinen Namen hat das das Gadagne-Museum wie die angrenzende Gasse von seinen berühmten früheren Bewohnern erhalten, den Guadagni, einflussreichen florentinischen Bankiers, die zwischen 1535 und 1581 hier beheimatet waren. Die Geldverleiher erwiesen sich als geschickte Kreditgeber der französischen Könige und weitsichtige Investoren - so beteiligten sie sich an der Expedition von Jean Verazanne (Giovanni da Verrazano), der 1524 auf Westkurs gen Indien aufbrach und stattdessen als erster Europäer die Bucht von New York entdeckte.

Und so erwiesen sich die Italiener als kunstsinnige Bauherren ihres Lyoner Wohnsitzes: Sie entschieden sich für ein Gelände, das bereits im ersten vorchristlichen Jahrhundert Handwerkern Platz für Werkstätten und Lager bot, bevor das Terrain 500 Jahre später durch einen Erdrutsch verschüttet wurde. Im Mittelalter waren hier reiche Kaufleute sesshaft, auch sie stammten aus Italien.

Erst die Guadagni errichteten auf dieser Parzelle ein wahrhaft luxuriöses Domizil. Eingezwängt zwischen die schmalen Häuserfassaden und die dichte Bebauung zwischen Saône-Quais und der steil ansteigenden Höhe von Fourvière, ließen sie aus der bestehenden Bausubstanz ein prächtiges Stadtschloss ausführen.

Die Prestige-bewussten Finanziers statteten ihre Gemächer mit prächtigen Deckengemälden aus, sorgten für teure Fußböden und große Glasfenster: Der Ehrenaufgang, der die Etagen miteinander verbindet, ist ausgeführt als Wendeltruppe rund um eine kanneliierte Spiral-Säule und zeigt, welcher Aufwand allein bei den Steinmetzarbeiten betrieben wurde. Der große Saal im ersten Stock diente offenbar zugleich als Kontor für den Empfang der Kundschaft wie zur Ausrichtung von abendlichen Festen: Der überbreite Kamin sorgte jedenfalls immer für genügend Wärme.

Zehn Jahre Renovierung für 30 Millionen Euro

Nach den Zeiten des Glanzes verkam das beinah fürstliche Palais. An- und Umbauten zerstörten die einstige Großzügigkeit, im 18. Jahrhundert wird das Gebäude in eine Vielzahl von Wohnungen aufgeteilt. Bevor die Stadt 1902 damit beginnt, das historische Bauwerk Zug um Zug zu erwerben, leben hier zeitweise bis zu 60 Familien - Fenster werden zugemauert, Wände eingezogen.

Bereits 1921 kommt an der "Place du Petit Collège" das Museum für Stadtgeschichte unter, die Marionetten-Sammlung folgt Anfang der fünfziger Jahre. Doch als die Stadt 1988 die Renovierung anschiebt, sind Teile der Gemäuer feucht, Wände schwarz und schimmlig. Die Aufgabe erweist sich als kostspielig und kompliziert, am Anfang stehen archäologischen Ausgrabungen, bevor mit die Sanierungs- und Restaurierungsarbeiten das ehemalige Gebäude deutlich erweitert wird.

Nach zehn Jahren kostspieligen Renovierungsarbeiten (Kostenpunkt: 30 Millionen Euro) verfügen die beiden Museum dafür jetzt mit 6000 Quadratmeter über die doppelte Grundfläche. Dazu gehört ein Theater mit 150 Plätzen, Ateliers für museumspädagogische Arbeiten und ein eigenes Dokumentationszentrum.

Davon profitiert nicht nur die neu konzipierte Ausstellung zur Vergangenheit der Stadt, die dank einer Sammlung von 80.000 Stücken die Entwicklung Lyons darstellt - von der historischen Hauptstadt der Gallier bis zur modernen Rhône-Metropole. Auch das Marionetten-Museum hat durch die Inszenierung gewonnen: Gewiss kein Kinderkram - auch wenn die jugendliche Besucher jeden Alters der Rundgang mit offenen Augen genießen; mehr als 2000 Handpuppen, Stabfigurinen oder Schattenrisse aus Europa, Java oder Japan, dazu Kostüme, und Bühnendekors geraten auch für Erwachsene zum kulturellen Aha-Erlebnis.

Politikkritik per Kasperle-Theater

Immerhin ist Lyon im 19. Jahrhundert Geburtsort der Marionettenfigur "Guignol" und seiner Puppen-Freunde. Es war die Erfindung eines arbeitslosen Webers, der durch das Kasperle-Spiel die Theaterzensur umging, um mit satirischem Biss vom Leben der kleinen Leute und ihrem Kampf gegen die Obrigkeit zu erzählen: Heute sind die Ursprünge in den Café-Theatern vergessen, längst hat sich das Fernsehen des "Guignol" bemächtigt - die Verhohnepieplung der politischen Kaste gehört zu den allabendlichen Höhepunkten des TV-Programms beim Privatsender "Canal+".

Nach so viel historischer Pädagogik (ein Museum sechs Euro, beide Besuche acht Euro ) empfiehlt sich der Aufstieg in den fünften Stock, dort wo die Ausstellungsräume in eine begrünte Terrasse übergehen - wahre hängende Gärten, eine plätschernde Quelle, mitten in Lyon eine Oase der Ruhe, ein Traum. Bis zum Herbst sollten Besucher jedoch noch Baguette, Käse und Getränke mitbringen, das Café mit Restauration wird erst dann den Betrieb aufnehmen.

Für einen Imbiss bleibt sonst noch immer der Weg zu den vielen "bouchons" Lyons, jenen Kneipen, die schon am Vormittag kräftige Handwerkerkost servieren.



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