Mannheimer Spezialität Delikater Dreckhaufen

Wie die Berliner pflegen die Mannheimer eine oft derbe "Schnauze". Für die bekannteste süße Spezialität der Stadt stand gar der alltäglich anfallende Unrat als Namensgeber Pate: Den "Mannemer Dreck" verteidigten die Konditoren beharrlich gegenüber behördlicher Regelwut.


Zwar ist Mannheim weder Rotterdam, noch Wien oder Istanbul - und doch hat es von allen etwas. In der kleinen Metropole, wie ihre Bewohner sie gerne nennen, treffen Barock, Jugendstil und faszinierende moderne Architektur auf grässliche Zweckbauten aus der Nachkriegszeit, ein Hafen stößt an ein Naturschutzgebiet, und eine katholische Kirche steht vis-à-vis einer der größten Moscheen Deutschlands. Urbanität pur.

Auf der Breiten Straße reden zwei streng verhüllte junge Frauen in einer türkisch-deutschen Sprachmelange auf ihre quengelnden Kleinkinder ein. Die Straßenbahn kreischt erbärmlich über die Schienen, das Plätschern des Grupello-Brunnens auf dem Paradeplatz ist dagegen nur in dessen Nähe hörbar.

Mannheim ist ein permanentes Kontrastprogramm. Die Kapitale der Kurpfalz ist keine klassische Schönheit, gewiss nicht, doch dafür auch nie langweilig. Wandel war hier eigentlich immer. Während ihrer gut 400-jährigen Geschichte erlebte die ehemalige kurfürstliche Residenzstadt sowohl Zeiten glorreichen Glanzes wie auch absoluter Zerstörung, und zwar mehrfach.

Der Start eines anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwungs fand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts statt. Nach einer jahrzehntelangen, vor allem durch Kriege bewirkten Phase des Niedergangs begann Mannheim wieder zu wachsen, und gewisse unappetitliche Probleme wuchsen ebenfalls. 1822 - eine Kanalisation gab es noch nicht - verbot der damalige Stadtdirektor Philipp Anton von Jagemann per Polizeiverordnung "den im Haus aufgesammelten Koth mit dem Kehrricht" auf die Straße zu entsorgen.

Verstöße wurden mit einer saftigen Geldbuße geahndet. Ein launiger Mannheimer Zuckerbäcker soll daraufhin erstmals eine verdächtig aussehende, braune Backware auf den Markt gebracht haben, die heute noch unter dem Namen "Mannemer Dreck" bekannt ist. Eine kreative Form des Protests? Gut möglich.

Genießer mit "Schnauze"

Mit der Obrigkeit hatte man hier am Zusammenfluss von Rhein und Neckar schon früh seine Probleme. Als 1605 Kurfürst Friedrich IV. die strategisch günstige Lage für den Bau einer Festung nutzen wollte, stieß er bei den Bewohnern des Dorfes Mannenheim auf empörten Widerstand. Um die Gemüter zu beruhigen, gewährte der Regent der Siedlung städtische Privilegien. Der Protest hatte Wirkung gezeigt, und vielleicht liegt hier der Ursprung der überaus selbstbewussten und streitbaren Mannheimer Mentalität. Es wird gerne mal angeeckt, der ortsübliche Umgangston steht der berühmt-berüchtigten "Berliner Schnauze" in nichts nach.

Gewöhnungsbedürftig ist auch der hiesige Dialekt, der sich unter anderem durch seltsam eintönige Wortendungen auszeichnet. Nichtverstehenden Auswärtigen wäscht man ob ihrer Unfähigkeit schnell den Kopf. Kurpfälzer sehen ihre Region schließlich als Nabel der Welt, und wie kann man dessen Sprache nicht beherrschen?

Wer sie jedoch näher kennenlernt, wird feststellen, dass die meisten Mannheimer sehr liebenswerte Zeitgenossen sind. Und sie wissen das Leben zu genießen. Hans Herrdegen ist einer von ihnen, ein Mann, der stundenlang über Kaffeequalität, Tortenzauber und die Geschichte seiner Heimatstadt erzählen kann. 31 Jahre lang leitete der 1935 geborene Konditormeister den gleichnamigen, 1838 gegründeten Familienbetrieb. Vor zwei Jahren übernahmen seine Töchter Martina und Simone - beide ebenfalls Konditormeisterinnen - das Geschäft an der Straßenecke E2, 4.

Die Herrdegens sind also Zuckerbäcker mit Leib und Seele, und stolze Besitzer des Originalrezepts für "Mannemer Dreck". Zum Beweis legt Hans Herrdegen einen abgewetzten Band auf dem Tisch. Den Umschlag zieren die verfärbten Reste eines Etiketts mit dem Namenszug "C. Herrdegen" in sauberer Frakturschrift, darunter die Jahreszahl 1862. Es ist das Rezeptbuch seines Großonkels Carl, erklärt Herrdegen. Er und sein Bruder Joseph seien mit Friedrich Bechter, dem Erfinder des "Drecks", befreundet gewesen. Der alte Meister habe seinen jüngeren Kollegen die Rezeptur überlassen.

"Geduldsplätzchen" und "Wurmpatronen"

Im Buch findet sich tatsächlich eine Anleitung für die Herstellung von "Dreckhaufen, 12 Stück". Der Rest ist natürlich geheim, und die schräge Handschrift für Normalbürger unserer Zeit sowieso nicht entzifferbar. Auch sonst enthält die Rezeptsammlung einige sonderbare Einträge. In der Kategorie "Kleines Confeckt" gibt es zum Bespiel "Geduldsplätzchen" und "Wurmpatronen". "Früher durfte man eben noch Phantasienamen verwenden", sagt Hans Herrdegen mit wehmütiger Stimme. Der "Dreckhaufen" indes habe sich im Laufe der Zeit zu einem "Mannheimer Haufen" und anschließend zu "Mannemer Dreck" gewandelt. "Der Name ist immer etwas kultivierter geworden", findet der Konditormeister.

Dennoch war er Bürokraten vor wenigen Jahrzehnten ein Dorn im Auge. Dreck, so befanden sie 1984, ist nicht in der deutschen Lebensmittel-Artikelliste eingetragen, der Name gehöre somit verboten. Die Mannheimer Zuckerbäcker wehrten sich - mit Erfolg. Der Streit verlief im Sande. Zehn Jahre später versuchten Paragrafenhüter erneut, die renitente Spezialität zu domestizieren. Diesmal sollte ihr der Namenszusatz "lebkuchenähnliches Gebäck" aufgedrückt werden. Auch diese Aktion endete erfolglos.

"Mannemer Dreck ist doch kein Lebkuchen", empört sich Hans Herrdegen. Letzterer bestehe eigentlich nur aus Mehl, Zucker und Gewürzen, doziert der Fachmann, für Mannheims Spezialität stünden dagegen 14 verschiedene Artikel auf der Zutatenliste. Das delikate Marzipanaroma macht den "Dreck" in der Tat zu etwas Besonderem, und Appetit auf mehr.

Schon immer Einwandererstadt

Zurück auf den schnurgeraden Straßen: Ein paar Häuserblocks vom Herrdegenschen Traditionshaus entfernt stehen im Schaufenster der Konditorei Taksin atemberaubend grelle, surrealistisch wirkende Torten, ganz nach dem Geschmack orientalischstämmiger Kurpfälzer. Um die Ecke duftet es nach frischem Fladenbrot. Neben der Tür einer Helal-Metzgerei hängt ein türkischsprachiges FDP-Wahlplakat, Fatih Özdemir tritt für die Liberalen zur Kommunalwahl an.

Mannheim war schon immer eine Einwanderungsstadt. Bereits im 17. Jahrhundert ließen sich hier zahlreiche Flamen, Niederländer und Franzosen nieder. Viele von ihnen waren Glaubensflüchtlinge. Die Migranten brachten viele neue Ideen und kulturelle Anregungen mit. Das ist bis heute so geblieben. Die Stadt scheint sich so ständig neu erfinden zu können, allen Krisen zum Trotz, oder sie muss es sogar. Manch einer mag dies bedauern, als Charakterverlust abstempeln, doch gleichzeitig birgt diese Dynamik enorme Chancen für die Zukunft. Und dazu gibt es eh keine Alternative.

"Full Metal Mannheim" schreit dem Betrachter ein Graffito vom Mauerwerk eines verwaisten Innenhofs entgegen. Wunsch, Kampfansage oder Hilferuf? Aus dem Pflaster sprießen bunt blühende Löwenmäulchen.



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