Markusplatz in Venedig Ein begehbares Wunder

Für die Venezianer ist er einfach nur Der Platz. La Piazza. Jeder auf der Welt kennt seinen Namen. Nur ein Schritt und schon steht man in einem Gemälde von Carpaccio oder Guardi, nur die Touristen muss man sich wegdenken. Ein Tag auf dem Markusplatz.

Von Petra Reski


Markusplatz: Seine Herrschaft über die Stadt ist absolut
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Markusplatz: Seine Herrschaft über die Stadt ist absolut

Nie ist man mit ihm allein. Selbst nicht in der Dämmerung. Das Pflaster glänzt noch feucht, wie vom Schlaf nass geschwitzt, die Tauben sitzen als schwarze Federkugeln im Gesims der Arkaden und träumen von einem befreiten Leben - einem Leben jenseits des endlosen Kreislaufs aus Körnerpicken, schreckhaftem Aufflattern und kurzen, allzu kurzen Formationsflügen - und schon zerreißt der schnelle Schritt eines Pendlers aus Chioggia die Stille. Ein Mann, der gerade der Fähre an der Riva degli Schiavoni entstiegen ist und nun eilig und mit gesenktem Haupt den Platz auf dem Weg zur Arbeit überquert. Kaum ist er aus dem Blickfeld verschwunden, taucht ein Straßenfeger auf, der mit seinem Reisigbesen über den Marmor kratzt, ein Lastträger, der seinen mit Zeitungsstapeln beladenen Stahlkarren Richtung Arkaden schiebt, ein Pförtner mit rasselndem Schlüsselbund.

Wenn hoch rollende Metallmarkisen scheppernd den Tag ankündigen, hat die Morgensonne den Markusplatz bereits in zwei Lager geteilt. Auf der Sonnenseite: die alten Prokuratien und die Terrassen des Caffè Lavena und des Caffè Quadri. Hier hat der Tag einen kleinen Vorsprung. Während die Kellner beginnen, die Tische abzuwischen und die Stühle zurechtzurücken, liegt die Konkurrenz gegenüber noch schläfrig im Schattenreich: die Fenster des Caffè Florian sind mit verwitterten Holzläden verhängt, die Stühle angekettet und die Wolkenstores in den Bogengängen der neuen Prokuratien noch hochgezogen. Die Juweliere dekorieren ihre Auslagen und legen wachteleiergroße Perlen auf samtene Dekolletés, siebenreihige Goldketten, mit Diamanten besetzte Kruzifixe - ganz so, als solle die Inszenierung in den Schaufenstern beweisen, dass sich der Fortschritt der Kultur messen lasse am Sieg des Überflüssigen über das Notwendige - wie der Schriftsteller Alberto Savinio einst bemerkte: Sieg der Vanitas!

Für die Venezianer ist er einfach nur Der Platz. La Piazza. Jeder auf der Welt kennt seinen Namen. Seine Herrschaft über die Stadt ist absolut. Neben ihm verblassen alle anderen Plätze Venedigs zu Feldern: campi. Wo er ist, ist die Mitte. Denn hier war die in Marmor gefasste Macht der Republik: im Dogenpalast, in den Prokuratien, im Markusdom - der Staatskirche, in der erst der Republik gehuldigt wurde, dann dem lieben Gott. Der Patriarch von Venedig musste sich mit der weit bescheideneren Kirche San Pietro di Castello begnügen. Erst nachdem Napoleon der Republik den letzten Stoß versetzt hatte, durfte der Patriarch in die Markuskirche einziehen: 1837, zu österreichischer Besatzungszeit, wurde an der Piazzetta dei Leoncini das erzbischöfliche Palais erbaut.

Wann kann man schon mal ein Gemälde betreten

Vielleicht ist es die Ahnung, dass dieser Ort seit Jahrhunderten unverändert ist, die ihn so überwältigend macht. Ein begehbares Wunder. Nur ein Schritt und schon steht man in einem Gemälde von Carpaccio oder Guardi, nur die Touristen muss man sich wegdenken. Wann hat man schon die Gelegenheit, ein Gemälde zu betreten? Auf diesem Boden verbrannten die Insignien des letzten Dogen, hier wurde die österreichische Kaiserin Sissi von den Venezianern verschmäht und Mussolini bejubelt. Aber was mag Zeit schon bedeuten auf einem Platz, wo als neu bezeichnet wird, was 400 Jahre alt ist? Nie würde ein Venezianer jene auf Arkaden gestützte Gebäudeflucht, die den Markusplatz links und rechts begrenzt, einfach und verallgemeinernd Prokuratien nennen - stattdessen unterscheidet er sie streng in einen alten und neuen Teil, ganz so, als sei es ihm auch nach 400 Jahren nicht gelungen, sich an den Neubau zu gewöhnen.

Seit dem 12. Jahrhundert wurden die Maße des Markusplatzes nicht mehr verändert. 400 Jahre lang wurde an ihm gebaut, von der Gotik bis zur Renaissance - als der Florentiner Sansovino kam und die Bibliothek gegenüber dem Dogenpalast errichtete, die im ersten Bauabschnitt zusammenbrach, weil Sansovino nie zuvor auf nachgiebigem Boden gebaut hatte. Die Venezianer steckten ihn daraufhin ins Gefängnis. Und hätten sich seine illustren Freunde Tizian und Aretino nicht für ihn verwendet, wäre der Markusplatz vielleicht unvollendet geblieben wie ein nicht zu Ende gesprochener Satz.

Kaum streckt sich der Platz in der Sonnenwärme, nähern sich seine Untermieter und rollen ihre Karren über den Platz: die Taubenfutterverkäufer ihre Körnerwägelchen, die Souvenirhändler ihre Stände mit den Plastikgondeln, die Markusplatzfotografen ihre mobilen Studios. Es folgen die Muranoglasschlepper und die Taschendiebe mit der ihnen eigenen Nonchalance. Für 18 amtlich zugelassene Taubenfutterverkäufer, 32 Souvenirhändler, acht Markusplatzfotografen, 16 Markusplatzmaler, 20 Muranoglasschlepper und unzählige Taschendiebe ist der Markusplatz kein Wunder, sondern ein Arbeitsplatz. Wie in einer Goldmine, in der nur zu bestimmten Zeiten und an vorgeschriebenen Stellen geschürft werden darf, damit die Vorhaben möglichst lange reichen, ist der Platz zentimetergenau aufgeteilt: Die begehrteste Stelle ist die vor der Markuskirche. Damit sich dort nicht alle Händler ballen, arbeiten sie in Schichten und wechseln die Standplätze.

Lizenz zum Taubenfutterverkaufen wird vererbt

Anders als die Markusplatztaube ist der Taubenfutterverkäufer der Weltliteratur gleichgültig geblieben. Obwohl er durchaus taugen würde - als Metapher für die Vergeblichkeit allen Strebens. Einem geheimen Ritual gehorchend, ordnet er die Papiertüten mit dem Taubenfutter, er füllt sie nach, er stapelt sie, er rückt sie zurecht. Seit 34 Jahren steht Giorgio auf dem Markusplatz, klein, verwachsen und bärtig, im Winter in einer verblichenen Daunenjacke, im Sommer unter einem kleinen Sonnenschirm. 34 Jahre inmitten von Stein, Tauben und endlosen Orchestermelodien aus den Cafés.

Tauben auf dem Markusplatz: Ende einer venezianische Taubenfutterverkäuferdynastie
Herman Nilson

Tauben auf dem Markusplatz: Ende einer venezianische Taubenfutterverkäuferdynastie

Was Giorgio tröstet, ist der Gedanke an die Beständigkeit seines Geschäftes. Schon seine Eltern verkauften Taubenfutter auf dem Markusplatz und Giorgio setzte die Familientradition schon als 15-Jähriger fort. Die allerdings wird auch mit ihm sein Ende finden, da er keine Kinder hat, denen er seine Taubenfutterverkäuferlizenz vererben könnte. Mit ihm stirbt eine venezianische Taubenfutterverkäuferdynastie aus. Da es der Stadtverwaltung schon nicht gelang, der Tauben Herr zu werden, versuchte sie, ihre Macht wenigstens über die Taubenfutterverkäufer auszuüben: Sie begrenzte ihre Zahl, indem sie auf die im Vergleich zu den Tauben geringere Fruchtbarkeit der Taubenfutterverkäufer vertraute. Neue Genehmigungen werden nicht mehr ausgestellt, bereits vorhandene Genehmigungen können nur noch vererbt werden.

Millionen Schuhsohlen reiben die Trachytblöcke der Pflastersteine blank, Millionen Hände schmirgeln den Marmor der zwei Löwen auf der Piazzetta dei Leoncini glatt. Was mögen Besucher denken, in jenem magischen Moment, an dem sie zum ersten Mal ihren Fuß auf den Platz setzen? Geht es ihnen wie dem Schriftsteller Julien Green, der befürchtete, den Verstand zu verlieren? Oder versuchen sie sich in Ironie zu retten, so wie viele Schriftsteller? Goethe räsonierte auf dem Campanile über Taschenkrebse, Mark Twain verglich den Dom mit einem spazieren gehenden Käfer, Hemingway mit einem Hollywoodkino.



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