Marokkanische Königsstadt Fes Heimat der Naschkatzen

Kunst, Küche und Koran - das ist der marokkanische Dreiklang. Besonders harmonisch ertönt er, wenn die Königsstadt Fes Ende Oktober zum Festival der Kochkunst einlädt. Drei Tage lang wird in den schönsten Palästen und Riads gekocht, gebacken und gegessen.

Nicole Quint

Von Nicole Quint


Viele Muezzine verderben den Klang und viele Köche den Brei. Wer das glaubt, der muss nach Marokko, um sich dort eines Besseren belehren zu lassen. Wenn in Fes - einer Stadt mit rund 180 Moscheen - frühmorgens die Rufe zum ersten Gebet des Tages ertönen, liegen Besucher noch in ihren Betten und träumen vom Essen.

"Allahu Akbar" - die Lobpreisungen Gottes schwirren aus allen Richtungen sirrend, summend und brummend ins Zimmer, in dem man sich wie im Zentrum eines Bienenschwarms fühlt. In diese Klangkollage der Muezzine mischt sich der Duft frischen Brotes. Kurz nach dem Morgengebet laufen Frauen und Kinder mit Backblechen durch die Straßen, um den zu Hause zubereiteten Teig in den Gemeinschaftsöfen ihres Viertels backen zu lassen.

Minztee wird in silbernen Kannen zubereitet, und Safran-Duftwolken schweben durch die geöffneten Fenster. Während die Muezzine auch diesen kulinarischen Weckruf begleiten, liest die Nase die Speisekarte der Stadt. Doch der Weg zu riesigen Früchtekörben, süßen Crêpes und mit Mandelmus gefüllten Teigrollen ist weit, denn die Medina von Fes ist die größte Marokkos.

Die Zeit ist den Marokkanern in die Falle gegangen

Wie Glieder einer tausendbeinigen Spinne krauchen die Gassen durch die Altstadt. Mehr als 9000 Sträßchen sollen es sein. Verwirrt, verirrt, verloren - das ist das Schicksal aller, die sich ohne Stadtführer in dieses Labyrinth wagen. Der österreichische Schriftsteller Hugo von Hofmannstahl fühlte sich bei einem Besuch der Medina im Jahr 1925 so "mittendrin, geschlossen, ausgangslos, als wäre man ins Innere eines Granatapfels geraten".

Die wenigen Straßenschilder, die so hoch über den Köpfen hängen, dass nur zufällig ein gen Himmel erhobener Blick auf sie fällt, müssen die Nachfahren eines boshaften Großwesirs dort angebracht haben. Hier werden nicht allein Touristen gefangen, auch die Zeit ist den Marokkanern in der Medina von Fes in die Falle gegangen. Seit der Gründung der Stadt vor 1200 Jahren sitzt sie dort fest und wird wie ein besonders wertvolles Haustier gehalten, gehätschelt und gemästet.

Nach islamischer Zeitrechnung schreiben wir das Jahr 1431, aber kaum etwas deutet darauf hin, dass die Zeit jemals fortgeschritten ist - überall sind lebende Fossilien der Sprache, der Gesten und Riten zu finden: eine Henna geschmückte Hand, die ein Glas honigfarbenen Tees serviert. Das rhythmische Hämmern der Kesselflicker, der Rauch aus den Brennöfen der Töpfer und das Klopfen der Steinmetze, die kalligrafische Schriftzüge in Marmortafeln gravieren.

Fes ist kein marokkanisches Dornröschen

Im Gerberviertel stehen Männer wie vor Jahrhunderten knietief in steinernen Farbbottichen und walken mit nackten Beinen die Tierhäute. Zwischen die Wimpern tabakbrauner Mädchenaugen legt sich der feine Staub der Kohl-Schminke, und in kehligem Arabisch preisen Scherenschleifer ihre Dienste. Es riecht nach Parfums, Gewürzen, Zedernholz und nach den Hinterlassenschaften der Maultiere, die Waren durch die Gassen transportieren. Autos sind in der Medina nicht erlaubt.

In Europa nennen wir das Traditionspflege, hier in der nordwestlichsten Ecke Afrikas ist es schlicht Alltag. Aber Fes ist kein marokkanisches Dornröschen, das den orientalischen Traum der Tausendundeinen Nacht auf ewig träumt. Ab und an schleicht sich die Zeit wie eine freche Haremsdame auf goldbestickten Pantöffelchen hinaus und bringt braune Limonade, Popmusik und Mobiltelefone wieder mit zurück.

Doch das ist keine Gefahr für Marokkos Orientzauber. Die Traditionen des Landes sind wie Klebstoff dazu bestimmt, das Gestern und Heute fest zusammenzuleimen. Eine besonders starke Haftwirkung geht vom Koran und von der Kochkunst aus, und die Küche der Königsstadt Fes gilt als beste Marokkos. Die Spezialitäten der Fassis werden traditionell in der Tajine gegart, einem Tontopf mit Zipfelmützendeckel, unter dem sich ein Aroma entfaltet, das würzig, süß, mild und scharf zugleich ist.

Jedes Körnchen Couscous steht für eine gute Tat

Fes ist mit seinen zahllosen Garküchen und Restaurants das ganze Jahr über ein gigantischer Kochtopf, aber einmal im Jahr wird die Stadt zum Pilgerziel für Köche, Konditoren, Feinschmecker und Kochbuchschreiber. In diesem Jahr wird dort vom 29. bis zum 31. Oktober in einigen der schönsten Paläste und Riads das "Festival der Kochkunst" zelebriert. Wer nicht einkauft, Silberbesteck poliert oder isst, der kocht selber. In alten Wesirpalästen werden Workshops angeboten, in denen verschwenderisch viel Honig, Mandeln, Zimt und Sesam vermengt werden, um "Gazellenhörner" zu backen.

In Erinnerung daran, dass Marokkos Küche durch Muslime, Christen und Juden geprägt wurde, steht das diesjährige Kochkunstfestival unter dem Motto "Die kulinarischen Traditionen des Feierns in den drei monotheistischen Religionen". Drei Tage lang wird gekocht, gebacken, gegessen und dekoriert - und vielleicht haben die Teilnehmer am Ende sogar die geheime Rezeptur der Würzmischung "Ras el-Hanout" herausbekommen, die bis zu 45 Zutaten enthalten kann.

Zufrieden können sie dann kurz nach Sonnenuntergang dabei zuschauen, wie sich ganz Fes in ein riesiges Freiluftrestaurant verwandelt. Gaukler, Schlangenbeschwörer, Handleserinnen, Akrobaten und Trommler machen dann Platz für die eilig aufgebauten Garküchen. Über deren Holzkohlefeuern drehen sich kleine Spieße, die mit Couscous und Gemüse serviert werden. Ein marokkanisches Sprichwort lautet: "Jedes Körnchen Couscous steht für eine gute Tat."

So wird jeder Bissen ein Akt der Barmherzigkeit - eine grandiose Verbindung zwischen Glauben und Schlemmerei, und der Muezzin ruft wieder dazu, diesmal zum letzten Gebet des Tages.



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Peter Sonntag 27.10.2010
1. So geht es auch....
Eine schöne Ergänzung zur ARD-Themenwoche Essen. Wie wohltuend, wenn man auch einmal ohne die Pflichtthemen Umweltangst, Armut, Profitsucht, Tierschutz, Gift, Chemie und Fertigprodukte auskommt. Und ohne den steif erhobenen Zeigfinger gegenüber "falscher Ernährung".
AbdelHalim 27.10.2010
2. Romantische Medina von Fes?
Leider wird die Medina von Fes nur von abendländischen und fernöstlichen Touristen geschätzt. Unter den Marokkanern gilt sie als Platz der Armen, als Slum. Das Einkommen ist sehr gering. Die Menschen größtenteils Analphabeten. Entsprechend ist die soziale Lage. Die Elite ist bereits vor 50 - 70 Jahren nach Rabat oder Casablanca gezogen. Heute ist die Medina verarmt. Es herrscht eine nach wie vor unglaublich hohe Fertilität. Eine normale Fessi der Medina hat mitunter mit 25 Jahren bereits 3 Kinder - ihre Chance auf Bildung und ein selbstbestimmtes leben ist dann natürlich vorbei - arrangierte Ehen und eine weit verbreitete häusliche Gewalt sind die Folge. Die Medina wird insbesondere von der jungen Marokkanern nicht geachtet. Hier ist es trendy in eine der grässlichen Neubauviertel der Neustadt zu ziehen. Lieber dort "neu" in einem 8 Stockwerke Plattenbau wohnen als in einem 400 Jahre altem Haus mit 4 Meter Raumhöhe. Die Tradition und insbesondere die alte marokkanische Handwerkskultur wird wenig geschätzt. Beliebt ist der massentaugliche Kitsch der hauptsächlich aus Ägypten via Kino und Fernsehen herüberschwappt. Das bedeutet gefälschte Markenkleidung, Tonnen von Schminke und vor allem möglichst viel Falschgold und Glasperlen. Produziert wird der ganze Schrott natürlich nicht in Ägypten sonder kommt gut verpackt in Containern aus China an. Nichts desto trotz bleibt die Medina für den geneigten Kulturfreund ein wirklich lohnendes touristisches Ziel. Vielleicht kommt mit den Touristen wieder das Bewusstsein für das Alte in die Köpfe der Menschen.
bismarck_utopia 27.10.2010
3.
Schöner Artikel... Aber es heißt nicht "Moslem", wie es von Straßengangs gesprochen wird, sondern "Muslim" - nicht zuletzt, weil letzteres näher an der arabischen Original-Aussprache ist.
blubbiberlin 27.10.2010
4. so wunderbar es auch klingen mag...
...ich weiß nicht, ob hier irgendein Journalist Werbung betreiben möchte für ein Land, das im Moment andere Probleme hat als kulinarische Genüsse oder Rituelle Handlungen oder die Bewahrung kultureller Schätze. So wunderbar es in dem Artikel klingt, die Tourismusbranche steckt zu recht in einer tiefen Krise. Gerne würde ich auch einmal nach Marokko fahren, die Werbung hier macht es ja gerade zu schmackhaft aber das Auswärtige Amt sagt zu Reisen nach Marokko: "Das Auswärtige Amt rät bei Aufenthalten in Marokko– wie in allen Ländern der Region – zu erhöhter Aufmerksamkeit. Dies gilt insbesondere für Orte, an denen sich Touristen aufhalten, sowie für religiöse Kultstätten. Im wüstenartigen marokkanischen Grenzgebiet zu Algerien könnten Reisende besonderen Gefährdungen ausgesetzt sein. Von Reisen in die Westsahara wird abgeraten." Darüberhinaus sagt es "... Anschlags- und Entführungsrisiken bestehen u.a. für touristische Ziele, an denen regelmäßig westliche Staatsangehörige verkehren. In einigen Gebieten, insbesondere in der Sahel-Sahara-Region, sind Sport- und Kulturveranstaltungen wie Wüsten-Rallyes oder Musikfestivals mit erheblichen Anschlags- und Entführungsrisiken verbunden..." und "Auch in Marokko sind trotz umfangreicher Sicherheitsmaßnahmen der Regierung terroristische Gruppen weiterhin aktiv und planen unverändert Anschläge. Die marokkanischen Innenbehörden gehen weiterhin von einer hohen Gefahr weiterer terroristischer Anschläge im Lande aus. Auch ein Übergreifen der bislang vor allem in Algerien terroristisch aktiven AQM auf marokkanisches Gebiet wird von Sicherheitskreisen nicht ausgeschlossen."
topas 27.10.2010
5.
@blubbiberlin: Also ich würde mir mehr Gedanken machen im heimischen Straßenverkehr zu verunglücken. Sicher gibt es Gebiete die man meiden sollte (Westsahara, algerisches Grenzgebiet). Aber ansonsten dürfte das Risiko, hier in einen Unfall verwickelt zu werden, ungleich höher sein als dort von einem Anschlag oder einer Entführung betroffen zu sein. Innerhalb der Königsstädte ist die Tourismuspolizei sehr stark vertreten, so dass man da auch vor kleinen oder größeren Betrügereien sicher ist. Ich war neulich erst 4 Tage in Barcelona und danach 6 Tage in Marokko - und ich wurde in Barcelona überfallen, während in Marokko alles glatt lief :)
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