Marrakesch Herz einer Königsstadt

Einen Platz wie diesen gibt es nur einmal auf der Welt. Wer ihn einen Tag lang erlebt, bekommt so viele Eindrücke wie auf einer mehrwöchigen Orientreise: Die Dschemaa al-Fna, das Herz von Marrakesch, ist Zirkus, Schlaraffenland und Kulturort in einem.


"Der nächste Tag war ein Samstag und ich ging schon früh auf die Dschemaa. Zuschauer, Darsteller, Körbe und Buden drängten sich, es war schwer, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen." - Elias Canetti war bereits 50 Jahre alt, als es ihn 1954 nach Marrakesch verschlug. Doch diese Stadt am Fuße des marokkanischen Atlasgebirges wirkte so gewaltig auf die Sinne des welterfahrenen Schriftstellers, dass er von einer Empfindung in die nächste gewirbelt wurde und seine Reiseaufzeichnungen, die "Stimmen von Marrakesch", auch den Leser in den Bann dieser Stadt ziehen. Im Zentrum - zwischen dem quirligen Basar und der erhabenen Kutubia-Moschee - schlägt ihr Herz: die Dschemaa al-Fna.

Dieses fünf Hektar umspannende und von früh bis spät von Menschen bevölkerte Trapez zählt zu den phantastischsten Attraktionen der islamischen Welt. "Platz der Gehenkten" bedeutet der Name vermutlich, da hier bis Anfang des 20. Jahrhunderts Verbrecher und andere Unliebsame hingerichtet wurden. Wer den im 12. Jahrhundert von den Almohaden angelegten Platz heute besucht, bekommt an einem einzigen Tag so viele Erlebnisse geboten, dass er wochenlang davon zehren kann: Zirkus, Schlaraffenland und mannigfache Einblicke in eine orientalische Stadtkultur.

Die Uhr geht auf neun, langsam verzieht sich die kühle Morgenluft in die überdachten Gassen des Basars und überlässt den Platz der Sonne. Die Orangensaft-Verkäufer bauen ihre Buden auf und zerstampfen die Früchte in großen Schüsseln. Schon ein halbes Glas erfrischt selbst den ärgsten Morgenmuffel. Nusshändler gesellen sich hinzu und preisen Mandeln, Pistazien, Erd- und Cashewnüsse zu saftigen Preisen an. Ihre Geschäfte laufen nicht schlecht, da sich meist auch viele Touristen auf der Dschemaa al-Fna tummeln.

Talismane gegen keifende Ehefrauen

Nach und nach schleichen die Quacksalber an ihren angestammten Platz an der Ostseite des Platzes und arrangieren auf umgestülpten Kisten ihre Heilmittelchen und Talismane gegen unreine Haut, Potenzstörungen, schlechte Träume und keifende Ehefrauen. Nebenan drapieren Wunderheiler Hunderte löchrige Backenzähne vor sich und demonstrieren so ihre Fingerfertigkeit als selbsternannte Zahnärzte. Junge Burschen streunen umher und verkaufen Zigaretten zu einem Dirham das Stück.

Dann steigt die Sonne höher, und während die Ladenbesitzer im Basar sich gähnend zur Mittagsruhe zurückziehen, lockt die Dschemaa al-Fna wie ein Magnet immer neue schillernde Figuren an. Bis sich der Platz im Laufe des Nachmittags in einen Freiluftzirkus verwandelt: Affenbändiger, Artisten und Feuerschlucker überbieten sich mit mehr oder weniger spektakulären Kunststücken. Natürlich fordern sie dafür einen Obolus. Aber wer mit einem Salto rückwärts von den Schultern seines Kollegen springt, hat sich den auch verdient.

Am Boden hocken Wahrsagerinnen, die in Händen und Karten schmökern - ein Ausdruck des lebendigen Volksglaubens in Marokko. Unter den Einheimischen sind die Geschichtenerzähler am beliebtesten. In einer Gesellschaft mit einer Analphabetenrate von rund 50 Prozent erfüllen sie eine wichtige soziale Funktion.

Die Luft ist erfüllt vom Schellengeklapper und rhythmischen Trommeln der Gnaoua, weiß gewandeten Musikern und Tänzern, deren Vorfahren als Sklaven aus Schwarzafrika in den Maghreb verkauft wurden. Im Halbkreis stehen sie zusammen, vom Knaben bis zum Greis, und tanzen nach den Anweisungen ihres Meisters. Übertönen können sie die anderen Geräusche der Dschemaa al-Fna jedoch nicht: die Autohupen, die Trillerpfeifen der Verkehrspolizisten, das Gewirr aus Hunderten von Stimmen, die klatschenden Fausthiebe der Schauboxer und - wenn man genau hinhört - das Zischeln der Kobras zu Füßen der Schlangenbeschwörer.

Ein gigantisches Schauspiel

Rund um den Platz sind die Cafés mit Schaulustigen gefüllt, die bei einem Glas Minztee das Treiben betrachten. Kein Kinofilm könnte spannender sein. Ein Taxifahrer, der zu einer Strafe verdonnert wurde, schmeißt dem Polizisten wütend seinen Führerschein vor die Füße. Sofort bildet sich eine gaffende Menge, die den Fahrer beschwichtigt und den eifrigen Ordnungshüter tadelt. Drumherum hüpfen Kinder und feuern die Kontrahenten an. So wuseln sie jeden Tag zu Tausenden am Rand des Platzes entlang: Mopeds, Fahrräder, Eiswagen, Eselkarren und viele, viele Fußgänger. Mütter schimpfen, Handys klingeln, Streithähne gestikulieren, Jugendliche flirten, Straßenhändler feilschen, Taxifahrer fluchen, Polizisten pfeifen - ein gigantisches Schauspiel. Aufführung: täglich. Darsteller: ein jeder. Je später der Abend, desto bunter das Geschehen.

Ab 17 Uhr bauen Dutzende von weiß gekleideten Köchen ihre mobilen Garküchen auf dem Platz auf, und bald ist dieser vom Duft marokkanischer Gerichte überzogen: Couscous mit Gemüse, Suppe, gegrillter Fisch und Tadschin-Eintöpfe warten auf hungrige Münder. Aus den Grillschalen züngeln meterhohe Flammen empor. Während die Müßiggänger noch überlegen, bei welchem Koch sie sich zum Abendschmaus niederlassen sollen, wird es dunkel und die Szenerie bekommt einen surrealen Zug: Aus den Garküchen steigen weiße Rauchschwaden in den Nachthimmel, durchbrochen vom grellen Licht der Glühlampen. "Hier! Hier! Esst bei mir!" ruft ein Mann mit lockigen Haaren von links. "Willkommen! Ich habe die beste Gemüsesuppe!" kontert ein beleibter Koch gegenüber und schwenkt wie zum Beweis einen Holzlöffel.

Hitzköpfe mit Humor

Einen Ort wie diesen kann es nur in Marrakesch geben, der "roten Stadt", deren anderthalb Millionen Einwohner sich zu einem ganz besonderen Menschenschlag mit berberischen, schwarzafrikanischen und arabischen Einflüssen vermischt haben. Hitzköpfig und aufbrausend seien die M’rakschi, heißt es in Marokko, aber ebenso oft lobt man ihren Humor und bewundert ihre Fähigkeit, sich beim Leben Zeit zu lassen - scheinbar gegensätzliche Charakterzüge, die sich in Marrakesch zu einem einzigartigen Lebensstil verbinden.

Gegen ein Uhr nachts darf das Herz der "roten Stadt" ruhiger pochen. Das bunte Völkchen ist in die Altstadtgassen zurückgeebbt, um auszuruhen, bevor es am nächsten Tag wieder auf den Platz flutet. Wer kein Dach über dem Kopf hat, zieht sich in ein stilles Eck zurück. "Von meinen nächtlichen Spaziergängen durch die Gassen der Stadt pflegte ich über die Dschemaa al-Fna zurückzukehren", schreibt Canetti. "Es war sonderbar, über den Platz zu gehen, der nun beinahe leer dalag. An den Rändern des Platzes legten sich Menschen zum Schlaf nieder. Sie schliefen reglos, nie hätte man vermutet, dass unter den dunklen Kapuzenmänteln etwas atme." Doch sie atmen - das pulsierende Herz von Marrakesch hält sie am Leben.



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