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Marrakesch: Orient auf dem Silbertablett

Hektisches Treiben in den engen Basarstraßen, üppig dekorierte Kaufmannspaläste, Shows von Gauklern und Zauberern - in Marrakesch wird es nie langweilig. Wem der Trubel zu viel wird flüchtet sich in die Ruhe des Atlas-Gebirges.

Marrakesch - Die Stadt ist wie ein Märchen aus 1001 Nacht, wohl nur wenige andere orientalische Metropolen können es an Schönheit mit ihr aufnehmen. In Marrakesch in Marokko verstecken sich reich dekorierte Paläste und Koranschulen im Labyrinth der rotgestrichenen Gassen. In den bunten Basarstraßen bieten Händler Handwerk und duftende Lebensmittel an, und auf dem zentralen Platz herrscht ein Treiben wie auf einem mittelalterlichen Jahrmarkt.

Am Stadtrand warten Reitkamele auf einen Spazierritt durch die grünen Palmenoasen. Am Horizont stechen die gewaltigen Gipfel des Atlas-Gebirges aus dem Dunst hervor. Marrakesch serviert den Orient auf dem Silbertablett - und die Menschen hier sprechen Französisch, was deutlich mehr deutsche Touristen beherrschen als das Arabische.

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Marrakesch: Farbenfrohes Tor zum Orient

Eine zwölf Kilometer lange Stadtmauer umgibt die Altstadt, die Medina. Den Schutz durch das bis zu zwei Meter dicke und neun Meter hohe Bauwerk hatte der alte Stützpunkt für Handelskarawanen über viele Jahrhunderte auch nötig. Die Gassen sind eng, Autos passen nicht hindurch, nur Fußgänger, Eselskarren und Mofas. Anders als in Europa zeigt die Architektur nicht zur Straße ihr schönes Gesicht. Die meist schmuck- und fensterlosen Mauern wirken abweisend. Pompös verzierte Tore lassen jedoch immer wieder erahnen, welch architektonische Juwele sich hinter den schroffen Fassaden verbergen.

"Riads" heißen die alten Kaufmannspaläste, deren Zimmer sich um grüne Innenhöfe gruppieren. Die Wände tragen bunte Kacheln, die Decken haben Künstler mit geometrischen Figuren bemalt. Viele "Riads" sind heute Hotels oder Restaurants, und sie lassen sich bequem bei einem Tee oder einem Couscous-Gericht in Augenschein nehmen.

Märkte mit Kunsthandwerk und Kitsch

Der um 1900 gebaute, sehr gut erhaltene Bahia-Palast vermittelt wohl am besten den Luxus einstiger orientalischer Herrscher. Vom deutlich älteren El-Badi-Palast sind vor allem die wuchtigen Grundmauern aus Lehm übrig geblieben. Ohne das bunte Treiben in den Gassen wäre Marrakesch aber nur halb so spannend. In einigen Vierteln lassen sich Handwerker bei der Arbeit beobachten. In dampfenden Bottichen seihen Färber Garne, mit Stemmeisen und Feile tüfteln Schreiner an filigranen Einlegearbeiten. Die Händler bieten den Touristen viel Kunsthandwerk und Kitsch an - von Teppichen und Kleidern bis hin zu Schmuck und Lampen. Ohne hartes Feilschen und eine genaue Qualitätsprüfung drohen Enttäuschungen.

 Marrakesch liegt am Fuße des Hohen Atlas
GMS

Marrakesch liegt am Fuße des Hohen Atlas

Das Herz der Stadt schlägt am zentralen Platz, dem Djeema El Fna. Schriftsteller wie Elias Canetti und Bodo Kirchhoff haben diesem unförmigen Loch im Häusermeer faszinierende Geschichten gewidmet. Das allabendliche bunte Treiben bietet viele Reize: Hunderte Menschen amüsieren sich bei den Shows von Gauklern, Zauberern, Boxkämpfern und Schlangenbeschwörern. Bands spielen marokkanische Volksweisen und Rockmusik und stellen jedem Lied dabei ein kleines Schauspiel voran.

An Garküchen füllen sich die Flanierer die Mägen. Manche lassen sich von Quacksalbern beraten, deren bunte Salze und duftende Kräuter ebenso gegen Krankheiten und den bösen Blick helfen sollen wie getrocknete Igel und Leguane. Und die mit leuchtenden Messingnäpfen dekorierten Wasserverkäufer verkaufen sich erfolgreich als Fotomotiv.

Expedition ins eisige Atlas-Gebirge

Mehr Ruhe und Natur verspricht ein Ausflug ins nahe Atlas-Gebirge. Ein bis zwei Autostunden von Marrakesch entfernt liegen Berberdörfer wie Imlil oder Oukaimeden. Sie sind gute Ausgangspunkte für Touren in das Massiv des 4167 Metern hohen Jebel Toubkal. Für eine Expedition bis zum eisigen Gipfel sind allerdings bis zu drei Tage einzuplanen.

Viele Einheimische bieten sich als Führer an und vermieten Zelte, Maultiere, Skier und handgemalte Tourenkarten. Wer kleinere Touren plant, kann auf Führer verzichten, da die Gefahr, sich zu verlaufen, auf den gut ausgetretenen Pfaden gering ist. Die meisten Touren sind technisch nicht anspruchsvoll, jedoch sollte die Höhe bedacht werden. Da nur wenig Regen fällt, wachsen an den Berghängen selten mehr als ein paar Büsche, Disteln und Gräser. Nur entlang der Bäche ist die Vegetation üppig. Je höher es geht, desto mehr schlängeln sich die Pfade durch Fels und Geröll, später kommen Schneefelder hinzu.

Zum Übernachten bieten sich Berghütten an, etwa die von Imlil gut zu erreichende Neltner-Hütte auf 3200 Metern. Von dort sind es bis zum schneebedeckten Gipfel des Jebel Toubkal nur noch etwa drei Stunden. Ganz oben bieten sich weite Blicke auf den Gebirgszug. Der griechischen Mythologie zufolge ist Atlas ein Titan, der als Strafe für seine Teilnahme am Kampf gegen die Götter das Himmelsgewölbe tragen muss. Tatsächlich scheinen Himmel und Erde hier zusammenzustoßen - was auch eine Gefahr für Bergsteiger ist, denn immer ist mit Wetterumschwüngen, plötzlichem Nebel, Schnee und Eiswind zu rechnen.

Von Arno Schütze, gms

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