Mit MC Gringo in Rio "Favelas sind tolle, lebendige Orte"

Der Deutsche Bernhard Weber führt als Touristenguide durch Favelas und den Dschungel über der Stadt. Wenn er als MC Gringo nicht gerade wieder probiert, ein Star zu werden.

Getty Images

Von Ole Schulz


"Willkommen im Paradies!" Bernhard Weber steht auf einem Felsen und breitet die Arme aus. Unter ihm sucht ein Wasserfall in Kaskaden fallend seinen Weg den Berg hinab. Es ist angenehm schattig und wohltuend ruhig im Parque da Tijuca.

Hier im Regenwald oberhalb der Innenstadt Rio de Janeiros ist Weber in seinem Element. Der kräftige 46-Jährige kraxelt behände den Pfad hinauf - seine Kunden kommen kaum hinterher. Es geht über moosbewachsenen Boden und armdicke Wurzelstränge, die quer über den Weg wachsen.

Auf dem Bergrücken legt er eine Pause ein. "Jedes Mal genieße ich die Ruhe hier oben", sagt er mit breitem, schwäbischem Akzent.

Bis vor Kurzem bewegte sich der gebürtige Stuttgarter mehr im "concrete jungle" Rios als im Tijuca-Nationalpark - als Tourguide ist es heute seine Spezialität, das eine mit dem anderen zu verbinden. Die Armenviertel kennt er gut, denn in den Favelas lebt er, seit er vor über zehn Jahren in die Stadt kam: "Die Miete ist billig, man lebt inmitten der Natur und hat Kontakt zu seinen Nachbarn."

Bis heute wohnt er mit Frau und Tochter Liane in einer Favela oberhalb der Copacabana. "Die Menschen dort akzeptieren mich, weil sie sehen, dass ich zum Überleben kämpfen muss wie sie auch. Wenn ihr wollt, zeige ich euch später, wie ich lebe." Sein Motto als Tourguide sei schließlich: "Man kommt als Kunde und geht als Freund."

Vom C-Promi zum Touristenguide

Tourismus hatte Weber nicht im Sinn, als er nach Brasilien kam. Lange tingelte er von einer der berühmt-berüchtigten Baile-Funk-Partys Rios zur nächsten, um sich als MC einen Namen zu machen.

Der Baile Funk ist ein ratternder Elektro-Beat und die Musik der Favela-Jugend. Seine Texte behandeln alles, was die ärmeren Einwohner im Alltag bewegt - ungewöhnliche Stellungen beim Sex ebenso wie ein Sonntagstor des Lieblingsstürmers von Flamengo. Unter seinem Künstlernamen MC Gringo landete Bernhard mit dem Song "Alemão" sogar einen Hit.

Auch zur Fußballweltmeisterschaft 2014 schrieb er ein Lied und arbeitete als Ortskundiger fürs Fernsehen. TV-Erfahrung hat er, seit er als Auswanderer in der VOX-Sendung "Goodbye Deutschland" vorgestellt und mit seinen damaligen Beziehungsproblemen vorgeführt wurde. Doch weder aus der Musik noch aus den Medienauftritten ergab sich für ihn eine stabile Lebensgrundlage.

Nach der WM kam ihm die Idee, eine Ausbildung zum Touristenguide zu machen. Neun Monate später war Bernhard zertifizierter "Guia do Turismo". Mit Gespartem kaufte er ein Auto und ging eine Partnerschaft mit der Agentur "Discover Rio" ein. Seither läuft seine Einmannfirma auf Hochtouren.

Heute ist Weber mit zwei Deutschen unterwegs. Sie sind Aussteiger wie er - und deutschen TV-Zuschauern ebenfalls aus der Auswanderer-Show von Vox bekannt. Allerdings sind Kathrin Mermi-Schmelz und Thomas Schmelz alte Hasen - sie standen bereits über drei Dutzend Mal vor der Kamera. "Wir gelten als die liebenswerten Chaoten", sagt "Thommy" Schmelz, schüttelt seine Dreadlocks und lacht.

Im Beton-Dschungel

Vom Tijuca-Nationalpark fährt Weber seine Gäste in die Rocinha, die größte Favela in Rios schicker und strandnaher Südzone. Kleine Häuschen aus roten Tonziegeln ziehen sich die Berghänge zwischen Ipanema und São Conrado hinauf.

Über 100.000 Menschen wohnen in den verwinkelten Gässchen des Viertels. Zur Mittagszeit herrscht Hochbetrieb: An Straßenständen gibt es Getränke und Speisen, während sich Motorrad-Taxen hupend ihren Weg bahnen. Es gibt Geschäfte, Friseursalons, Wäschereien, Bankautomaten - und Immobilienbüros. Denn mit der Anbindung Rocinhas an die U-Bahn-Erweiterung, die zu Olympia ihren Betrieb aufnahm, ist die Favela attraktiver geworden.

Ihren schlechten Ruf, meint Weber, hätten die Favelas "zu Unrecht". Sie seien "eigene Stadtviertel" und trotz der Gewalt "tolle, lebendige Orte, an denen überwiegend sehr nette Menschen leben". Auf dem Weg durch die Rocinha bleibt er gelegentlich stehen, um Freunde zu begrüßen. Dass er sich hier auskennt, sei auch die Garantie dafür, dass eine Tour mit ihm sicher sei.

Acorda Capoeira
Ole Schulz

Acorda Capoeira

An einem Betonbolzplatz wartet die Gruppe Acorda Capoeira. Der Capoeira, den einst die Sklaven erfanden, ist ein spielerischer Kampf: Einer täuscht mit ausladenden Bewegungen Tritte an, der andere weicht ihnen akrobatisch aus. Danach wird ein Hut für Spenden herumgereicht. "Man sollte schon was geben. Das hat auch einen guten Nebeneffekt: Die Jungs vom Drogenhandel bekommen mit, dass man Geld auch anders verdienen kann", sagt Weber und nickt mit dem Kopf kurz nach oben.

Dort sitzt ein junger Mann auf einem Stuhl und beobachtet die Szenerie auf dem Sportplatz, während er an einem langen Joint zieht. Bernhard zuckt mit den Achseln. "Die 'Befriedungspolizei' wurde zwar schon vor der Fußball-WM in der Rocinha stationiert. Aber sie kann nicht das ganze Viertel kontrollieren."

Zum Abschluss der Tour lädt Bernhard Weber zu sich nach Hause ein. Dafür müssen unzählige Stufen erklommen werden. "Das hält fit", sagt er, als wir bei seinem Häuschen ankommen - es ist das am höchsten gelegene der Favela Morro das Cabritos. Der Blick von hier oben über die Copacabana bis zum Meer ist atemberaubend. "Darum wird Rio die 'wunderbare Stadt' genannt", sagt Weber - und breitet wieder seine Arme aus.

Dass diese 'cidade maravilhosa' ihre Schattenseiten hat, will er gar nicht bestreiten. "Die Sicherheitslage wird nach Olympia weiter ein großes Problem sein." Statt Milliarden in ein sportliches Großevent zu investieren, bräuchte es Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen in den Favelas, meint er: "Der Staat muss den Menschen Perspektiven bieten, damit sich etwas ändert."

Inzwischen ist es Abend geworden. Bernhard Weber greift zur Gitarre und stimmt vor seinem Haus einen sanften Samba an, während die Sonne als roter Feuerball im Meer untergeht. Wenige Minuten später beginnen die Lichter der Stadt zu leuchten. Von hier oben sieht das aus wie das Funkeln glitzernder Diamanten.

Per Rad von München nach Rio
Mehr zum Thema
Newsletter
Die schönsten Reiseziele: Nah und Fern


insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
aeiou112358 12.08.2016
1. gringo!
Ich habe Gringo vor 10 Jahren in Rio kennengelernt und wir haben einige haarstraeubende Geschichten zusammen erlebt. Gratulation zum Artikel, Bernhard!
Yoroshii 12.08.2016
2. Ey Gringo!
Ich schicke Bruno den Artikel. Er wird sich freuen. Schätze aber, dass er ihn schon vor mir erspäht hat. Du kennst ihn ja! Dieter
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.