Mobiles Kopenhagen: Stadt auf Rädern

Zweirad, Dreirad oder Rikschas - in Kopenhagen ist ein umweltfreundliches Fortbewegungsmittel niemals weit. Die Stadt hat eine eigene Strategie mit Radler-Autobahnen entwickelt und bietet kostenlose Mieträder an. Ein Eldorado für bewegungsfreudige Touristen.

Kopenhagen mit dem Fahrrad: Per Bycykel zur Meerjungfrau Fotos
SRT/ Marlis Heinz

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Wenn Ole morgens am Stadtrand von Kopenhagen in die Pedale tritt, um zu seinem Arbeitsplatz zu radeln, weiß er nie genau, wo der sich heute befindet. Momentan jedenfalls ist Ole auf der Einkaufsmeile Strøget unterwegs. Hier stellt er sein Rad mitten in den Fußgängerstrom und wirft die gasbetriebene Espressomaschine an. Seine Meinung zum Trumpf der dänischen Metropole: "Wir haben eine einmalige Fahrradkultur."

Dass er davon überzeugt ist, hat er vor einigen Jahren bewiesen, als er sein Geschäft auf drei Reifen stellte. Er sei der Erste gewesen, der so was gewagt hat, meint er. Inzwischen machen das viele, nicht nur rollende Espresso-Shops. An Ole vorbei radeln auch Saftverkäufer und Mineralwasser-Quellen, Crêpe-Bäckereien und Rikschas mit fußlahmen Touristen als Fracht.

Und natürlich die üblichen Zweiräder. Wo auch immer man hinschaut, parken und rollen in Kopenhagen die Räder. Gegenwärtig nutzen 37 Prozent der Bewohner das Rad als Hauptverkehrsmittel für ihren Weg zur Arbeit, Universität oder Schule - bis 2015 soll dieser Anteil auf 50 Prozent steigen. Kein Wunder, dass Kopenhagen schon 2007 von der Internationalen Radsport Union als erste Stadt den Titel "Bike City" zuerkannt bekam.

Die Brücke Dronning Louises Bro unweit der Altstadt überqueren beispielsweise 36.000 Radfahrer am Tag - das haben automatische Fahrradzähler ermittelt. Damit nimmt sie Platz eins der meist befahrenen Fahrradstrecken der Welt ein - und Kopenhagen hofft auf einen Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde.

Fahrrad-Autobahn und "grüne" Radwege

Und was machen Gäste, die ihr Rad nicht im Reisegepäck haben? Sofort eine Antwort haben Valentin, Slatko und Dominik, die gelangweilt auf ihren Rikschas hocken: "Da sind Sie bei uns richtig. Wir gehören zu den 'Flying Tigers' und fahren Sie überall hin." Eine halbe Stunde kostet 150 Kronen (rund 20 Euro). "Wir können auch eine Safari machen. Sie bekommen einen Audioguide, wenn Sie wollen. Oder wir erzählen Ihnen was."

Jedermanns Sache ist es allerdings nicht, als Ladung eines Rikschafahrers durch die Straßen geschaukelt zu werden. Dann schon lieber selber treten. Radwege gibt es reichlich, und es sollen noch mehr werden. Kopenhagen hat eine "Radstrategie", die vor allem den Neubau sogenannter Fahrrad-Autobahnen, "grüner" sowie traditioneller Radwege an wichtigen Straßen vorsieht.

Wem aber auch die komfortablen Pisten zu mühevoll werden, der steigt einfach um. Ihre Fahrräder können Kopenhagen-Besucher den S-Bahnen und Zügen und sogar den meisten Taxen aufbürden, denn die haben fast alle einen Fahrradträger im Kofferraum.

Rent a Bike ohne Miete

Aber auch wer ohne Rad in Kopenhagen angekommen ist, der hat in der überschaubaren Hauptstadt kein Problem, wie Martin und Martin, die beiden Touristen aus Rostock, gerade feststellen: Sie haben einen Stand der Bycykler entdeckt und suchen in ihren Hosentaschen nach 20 Kronen.

Die Münzen bekommen sie am Ende der Tour zurück, denn der Radausleih funktioniert in Kopenhagen wie die Einkaufswagenbenutzung im Supermarkt. Rund 2000 der Zweiräder stehen an 110 Stationen bereit. Zur Ausrüstung gehört auch immer ein Stadtplan auf dem Lenker. Und so lässt sich die Radtour bestens mit ein paar Etappen an Bord der Wasserbusse kombinieren.

All das erzählt Ole, der radelnde Kaffeemann, gern, während seine Gäste bei ihm ihren Espresso schlürfen. "Die meisten fragen mich, wie man zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten kommt, also ins Hafenviertel, zum Vergnügungspark Tivoli, zum Schloss Rosenborg oder zur Kleinen Meerjungfrau." Das würden auch alle ohne ihn finden.

Er erzähle den Besuchern aber auch immer etwas über die weniger bekannten Viertel, wo die Künstler wohnen und die außergewöhnlichen Läden zu finden sind, in der Ravnsborggade im Noerrebro-Viertel zum Beispiel. Und wenn die Fußgänger befürchten, dass da irgendwas zu weit sei - dann sage er: "Nehmt euch doch einfach irgendwo ein Fahrrad."

Marlis Heinz, SRT

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insgesamt 6 Beiträge
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1.
helgman 18.08.2011
Wenn ich das lese (und letztes Jahr durfte ich es in CPH live erleben), kommen mir als Hamburger - wo ich als Radfahrer täglichen unfreiwilligen Selbstmordversuchen ausgesetzt bin - einfach die Tänen. Wann werden die Kommunen hier endlich mal wach?
2. .
Lightbringer 18.08.2011
Zitat von helgmanWenn ich das lese (und letztes Jahr durfte ich es in CPH live erleben), kommen mir als Hamburger - wo ich als Radfahrer täglichen unfreiwilligen Selbstmordversuchen ausgesetzt bin - einfach die Tänen. Wann werden die Kommunen hier endlich mal wach?
Die Kommunen sind nur indirekt Schuld, die Städte bauen (meistens) nur das wonach Nachfrage besteht. Ökonomisch gedacht: wieso soll man für die paar Radfahrer soviel teures Geld ausgeben? In Deutschland ist die "Ich brauche ein Auto"-Mentalität einfach viel fester verankert. Ich wohne in Kopenhagen, kenne aber niemanden, der auch nur ein Auto besitzt; Führerschein haben ein paar, zum Umzug einen Wagen zu mieten kann doch ganz praktisch sein.
3. traurig
freelucky123 18.08.2011
ich komme aus Stuttgart, dort wird noch nach dem Motto "mehr Strasse, mehr Autos, mehr Wirtschaft" gebaut ... Radwege sind dort meist nur als Freizeitweg gedacht. Legendär ist eine Aussage eines älteren Herren der sich in der Fußgängerzone (zurecht?!) über einen Fahrradfahrer aufgeregt hat: "Lumpensäckel! E aständige Mensch lernt e gscheide Beruf und kaan sich au e Auto leischde" ich übersetze: Lumpengesindel! Ein anständiger Mensch lernt einen sinnvollen Beruf und kann sich dann auch ein Auto leisten. Dieses Denken herscht hier leider noch vor. Es ist übrigens auch spannend zu sehen wie das Statussymbol Auto vor allem von Leuten mit Migrationhintergrund missbraucht wird. Wer kennt nicht den weissen BMW mit dem Goldkettchen-Träger hinterm Steuer? Leider gilt auch in diesen Schichten: Fahrradfahren = Armut Dabei ist das Rad die Zukunft ...
4. ..
bicyclerepairmen 18.08.2011
Zitat von LightbringerDie Kommunen sind nur indirekt Schuld, die Städte bauen (meistens) nur das wonach Nachfrage besteht. Ökonomisch gedacht: wieso soll man für die paar Radfahrer soviel teures Geld ausgeben?
Nur ist in HH in Relation zur Menge die Qualität der Radwege katastrophal. Die Regierungszeit der Grünen hat da auch nicht geholfen da diese sich wie jede andere Politkamarilla mit überteuren Bauchpinselungsprojekten verlustiert haben anstatt Basisarbeit zu leisten.
5. Neubau sogenannter Fahrrad-Autobahnen!
Cherubino 18.08.2011
Zitat von helgmanWenn ich das lese (und letztes Jahr durfte ich es in CPH live erleben), kommen mir als Hamburger - wo ich als Radfahrer täglichen unfreiwilligen Selbstmordversuchen ausgesetzt bin - einfach die Tänen. Wann werden die Kommunen hier endlich mal wach?
Naja, abgesehen davon, dass *Fahrrad-Auto*bahn ein Widerspruch in sich ist, kann ich ob der geschilderten Kopenhagener Verhältnisse nur in das oben zitierte Wehklagen einstimmen. Obwohl München noch recht gut mit Radwegen bestückt ist, heißt auch hier die Devise: cars first. Immerhin nimmt man zur Kenntnis, dass die Fahrradbenutzung auf Kosten des Autos in München seit Jahren stetig steigt und vielleicht zieht man daraus irgendwann einmal die richtigen Konsequenzen. Auf einer 'Fahrrad-Autobahn' quer durch München zur Arbeit zu radeln - was für ein Traum! Vielleicht geht er ja eines Tages in Erfüllung. Bis dahin werde mich weiter auf meinem Abenteuer-Parcours zur Arbeit durchkämpfen.
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