Modelleisenbahn Las Vegas liegt an der Elbe

Der Tidenhub beträgt vier Zentimeter, Nonnen baumeln am Rand der Welt mit den Beinen, und Spiderman hangelt sich durch Wolkenkratzer: In der größten Modelleisenbahnanlage der Welt ist fast alles möglich. Das Miniatur Wunderland in Hamburg wächst und wächst.


Hamburg - Die Alpen liegen an der Elbe, Las Vegas ebenso. Sowohl das mitteleuropäische Hochgebirge, als auch das Spielerparadies können in Hamburgs Speicherstadt betrachtet werden - im "Miniatur Wunderland", der größten Modelleisenbahnanlage der Welt. "Im vergangenen Jahr kamen mehr als 800.000 Besucher", sagt Stephan Hertz von der Betreibergesellschaft. Und der Strom der Neugierigen reißt nicht ab. Viele Gäste kommen wieder, weil es bei jeder Visite etwas Neues zu entdecken gibt.

"Das Schöne am Modellbau ist ja, dass man nie fertig wird", sagt Hertz. So wird auch das "Miniatur Wunderland" seit dem Jahr 2000 stetig erweitert. Zuletzt hinzugekommen ist "Skandinavien". Es besteht aus mehreren Szenerien. Den Mittelpunkt im schwedischen Ort Kiruna bildet eine Erzmine, auf deren verschneitem Gelände schwere Baumaschinen zu sehen sind. Durch Plexiglasscheiben können Besucher auch einen Blick unter Tage werfen. Das Erz wird auf Züge verladen und nach Norwegen gebracht.

Dort geht es schon sommerlich zu - abgesehen vom Gletscher, der sich seinen Weg durchs Gipsgebirge bahnt. Im norwegischen Teil liegt auch der Hafen "Bergvik". Von hier aus stechen Fähren und Frachter in die "Nordostsee" - auf echtem Wasser. Insgesamt 30 000 Liter davon befinden sich auf der Anlage. Damit es nicht vor Algen grün wird und unangenehm zu riechen beginnt, wird es gefiltert und gekühlt.

36 Computer sind im Einsatz

Hinter den Kulissen, sprich hinter den Bergen Norwegens, befinden sich große Auffangbecken. Die Detailliebe der Wunderland-Betreiber geht so weit, dass nicht nur Tag und Nacht, sondern auch Ebbe und Flut simuliert werden. "Wir haben einen Tidenhub von vier Zentimetern", erklärt Stephan Hertz. Dazu werden in wenigen Minuten 2500 Liter Wasser aus dem Hafen heraus und wieder hinein gepumpt.

Am Fähranleger von "Bergvik" bewegen sich Autos wie von Geisterhand gesteuert. Das sogenannte Car-System ist ein wichtiger Anziehungspunkt für die Besucher, sagt Hertz. Dahinter steckt wie hinter der gesamten Anlage Hightech: Insgesamt 36 Computer sind im Einsatz, um neben den Autos rund 700 Züge sowie die zahlreichen Lichteffekte zu steuern.

Wie Eisenbahn und Straßenverkehr im "Miniatur Wunderland" zusammenspielen, zeigt sich in "Amerika": Per Autozug transportierte Möbellaster werden in einem Bahnhof abgeladen und setzen ihren Weg auf der Straße fort. Im Amerika-Teil steht auch das Mini-Las-Vegas - komplett mit Piraten-Show vor dem "Treasure Island"-Hotel.

Liebespaare beim Schäferstündchen

Mehr oder weniger versteckt haben die Mitarbeiter der Anlage kleine Gags untergebracht. So schwingt sich vom Dach des MGM-Casinos in Las Vegas ein kleiner Spiderman. Anderswo ertappt man Liebespaare beim Schäferstündchen. "Es ist faszinierend zu sehen, wie die Leute hier auf Entdeckungstour gehen", sagt Hertz.

Für einen Besuch im "Miniatur Wunderland" sollten rund zweieinhalb Stunden angesetzt werden. "Dann hat man zwar noch lange nicht alles gesehen, aber mehr kann man gar nicht aufnehmen." Exklusive Perspektiven eröffnet eine Führung hinter den Kulissen: Da sieht der aufmerksame Besucher etwa zwei Nonnen, die sozusagen am Ende der Welt sitzen und ihre Beine über den Rand der Anlage baumeln lassen. So viel Müßiggang können sich die Mitarbeiter nicht erlauben - 2007 sollen die Alpen samt Deckendurchbruch ausgebaut werden, dann folgen Südfrankreich und ein Großflughafen.

Von Sven Appel, gms



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.