Modestadt Antwerpen Entdeckung der kreativen Langsamkeit

Anzüge im Reptilienlook und eine Madonna mit Federboa: Antwerpen ist stolz auf seine kreativen Modedesigner. Am Donnerstag eröffnet die Kunstakademie ihre Fashion Show - doch schon bei einer Shop-Tour stellt sich die Frage: Wer soll das nur tragen?

Toerisme Antwerpen

Von Kerstin Walker


Sie sieht ein bisschen aus wie die belgische Ausgabe von Vivienne Westwood. Die Haare silberblond statt rötlich, und das Äußere in allen erdenklichen Grüntönen durchgestylt. Und bei dem, was Vera Verschooren tut, geht es tatsächlich um Mode. Die Stadtführerin begleitet Besucher auf sogenannten Fashion Walks durch ihre Heimatstadt. Fünf solcher Touren durch charakteristische Viertel hat das Tourismusbüro von Antwerpen zusammen mit dem Flanders Fashion Institute entwickelt.

Ein "Fashion Walk" entspricht sozusagen dem Top-Model unter Antwerpens Sightseeingtouren. Frau Verschoorens Lieblingslaufsteg folgt den Spuren der legendären "Antwerp Six", jener sechs Mode-Designer, die seit Anfang der achtziger Jahre den Ruf der belgischen Kreativität in die Welt tragen. Dries Van Noten, Ann Demeulemeester und Walter van Beirendonck, so die Namen der bekanntesten, präsentierten vor 20 Jahren, nach ihrem Studium in Antwerpen, in London ihre gefeierten Kollektionen. Seitdem sind belgische Designer aus der internationalen Modewelt nicht mehr wegzudenken.

Gleich zu Anfang eines Modespaziergangs lotst Frau Verschooren ihre Besucher in einen gewaltigen Häuserblock aus dem späten 19. Jahrhundert. "Hier, in der ModeNatie, hat alles angefangen," erklärt sie. "Natie ist ein Begriff, der aus der Diamantenhistorie der Stadt stammt", er bezeichne einen Dreh- und Angelpunkt für Waren und hier den international erfolgreichen Umschlagplatz für belgische Mode.

Im fünften Stock befindet sich Belgiens Talentschmiede, die Kunstakademie. Das Flanders Fashion Institute in den beiden Stockwerken darunter vermittelt Jobs, organisiert Ausstellungen und schickt die Absolventen zu den Modenschauen nach New York und Paris. "Eine Fashion-Factory wie es sie in der Form nirgendwo sonst gibt", erklärt die 62-Jährige. Ergänzt wird die Symbiose durch das Modemuseum Momu, das wechselnde internationale Ausstellungen zeigt.

Knallfarbener Anzug des Modepunks

Hinauf zum Museum gelangen Veras Gäste über eine hölzerne Treppe, die sich nach oben hin extrem verjüngt. "Passender könnte man kaum symbolisieren wie hart die Modebranche ist," kommentiert die Stadtführerin, als sie oben angekommen nach Atem ringt. "Nur den Besten gelingt es, ganz nach oben zu kommen."

Einige derjenigen, die es geschafft haben, ließen sich in der Antwerpener Altstadtgegend um die Nationalestraat nieder, einem von Platanen gesäumten Boulevard aus dem 19. Jahrhundert. "Der ideale Runway für die belgische Variante des Shop-Sightseeings", dachten sich wohl auch die Initiatoren des Tourismusbüros von Antwerpen, als sie das Konzept um die Fashion Walks entwickelten. Immerhin entdeckt man im Umkreis von nur wenigen Kilometern nicht bloß Museen, historische Plätze und Design- und Antiquitätenläden, sondern auch etliche Geschäfte der erfolgreichen Ex-Studenten der Akademie.

In einer eher unauffälligen Seitengasse hat zum Beispiel Mode-Punk Walter van Beirendock seinen Laden, mehr Ausstellungsraum als Geschäft, das noch dazu in einer ehemaligen Autowerkstatt mit transparentem Rolltor untergebracht ist. Seine Mode ist wie ein kleines Augenzwinkern und gleichzeitig ein Experiment mit den Extremen. "Wer soll das bloß tragen?", wundert sich ein junger Mann aus Köln angesichts knallfarbener Anzüge aus bedruckten Baumwollstoffen, die an Reptilienhäute erinnern. Sie leuchten neben weiten Hosen im Camouflagelook. Beirendoncks feinstoffliche Persiflage auf den seit Jahren angesagten Trend aus den USA.

Weniger extrem, dafür aber fast schon einschüchternd luxuriös wirkt der Look ein paar Blocks weiter. Frau Verschooren bittet in den riesigen, mit Marmor verkleideten Modetempel "Het Modepalais" von Dries van Noten. Sein Geschäft passt vor allem zu dem alten Teil Antwerpens mit den prächtigen Gemäuern und den Zunfthäusern. Stilvoll und entsprechend teuer ist auch Dries van Notens Kollektion. Er schneidert sie aus edlen, weit gereisten Stoffen, mit besonders exotischen Dessins. Mode made in Belgium, die in dieser Saison von einem unübersehbar afrikanischen Touch geprägt wird.

Charme eines Dorfs, Flair einer Metropole

Eine andere, fast karge Seite zeigt Antwerpen in der Gegend um den alten Frachthafen an der Schelde. Vor der entrückt morbiden Kulisse am Fluss kämen Kleider und Anzüge von Stephan Schneider besonders gut, wollte man an diesem Ort ein Modeshooting inszenieren. Der gebürtige Duisburger ist Vera Verschoorens erste Wahl, wenn es um Stilfragen geht. Schneider, ein Purist im dunklen Pulli und in schmalen Hosen, empfängt die Gruppe in seinem Showroom.

"Antwerpen hat den Charme eines Dorfes, versprüht aber das Flair einer Metropole", sagt der Modemacher über seinen kreativen Wirkungskreis. Bei Mineralwasser und fingerdicken Schokoladenbiskuits erfährt man von ihm, warum so viele Kreative ausgerechnet in dieser Stadt mit nur rund einer halben Million Einwohnern entwerfen wollen. "Hier gelingt, was in vielen Metropolen manchmal fast unmöglich geworden ist. Die Entdeckung einer inspirierenden Langsamkeit," sagt der Gestalter, der im Viertel arbeitet und gleichzeitig auch lebt.

Denn obwohl Abwechslung und neue Trends in der Hafenstadt ganz offensichtlich zu den Must-Haves gehören - in gewissen Dingen bleiben Antwerpener absolut genügsam: "Und altmodisch," sagt Herr Schneider. "Die ganze Stadt tickt langsam - viele Leute gehen zu Fuß oder fahren mit dem Rad." Der Modemacher, der ein paar Tage im Monat als Gastprofessor an der Berliner Modehochschule unterrichtet, sagt: "Antwerpener Mode ist ähnlich. Sie ist alles andere als hektisch. Vor allem aber ist sie ehrlich und tastbar."

Tastbar? Das kann man ja irgendwie gerade noch nachvollziehen. Und anhand der gradlinigen Schnitte und hochwertigen Stoffe, die ein Stephan Schneider verarbeitet, auch nachfühlen. Wie aber kann Mode ehrlich sein? "Belgier wollen Mode machen, und kein Marketing", springt die Stadtführerin ein, und der Designer nickt. Kein belgischer Modemacher gibt seinen Namen für eine Brillenkollektion oder die zur Marke passende Parfumlinie her. Allenfalls einmal, wie zum Beispiel Raf Simons, der heutige kreative Kopf des Modehauses Jil Sander, treten sie in die Fußstapfen berühmter Designer, um deren Lebenswerk weiterzuführen.

Madonna mit Federboa

Nicht zu verhindern aber war, dass belgische Designer mittlerweile selbst zur Marke und zum Aushängeschild der Stadt geworden sind. Und weil man in der alten Rubensstadt ziemlich stolz ist, auf seine "Antwerp Six", zeigt man das auch gerne - auch in einer Kirche. Ann Demeulemeester persönlich entwarf das lange Gewand mit Federkragen für die kleine Madonna im Gotteshaus Sint-Andries aus dem 16. Jahrhundert. Ihr wie eine Galerie inszenierter Kleiderladen in der Nähe ist der Ausdruck eines neuen, fast schon kargen Geschmacks. Mit der barocken Lebenslust Flanderns ist ihr Design verwoben zu einem höchst eigenwilligen Patchwork.

Energiegeladen zeigt Vera Verschooren ihren Gästen immer neue Stile und Stationen. Mal verschwindet sie im Vlaeykensgang, einer winzigen, verwinkelten Hinterhofgasse aus dem 16. Jahrhundert, die ihre kleine Gruppe unweit des Grote Marktes wieder ausspuckt. Dann schickt sie die Truppe auf der berühmten hölzernen Rolltreppe von 1930 in die Tiefe, die zum Scheldetunnel führt.

Ob durch die barocke Altstadt oder die eher kultige Südstadt - Frau Verschooren folgt auf jedem ihrer Modespaziergänge ihrem ganz persönlichen Wege-Schnittmuster.

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