Stadtplanung in Moskau Traum von der Fahrradrevolution

Für Radfahrer ist der Moskauer Verkehr die Hölle. Bürgermeister Sobjanin kündigt jetzt mit viel Mediengetöse an, die Metropole zum Radlerparadies zu machen. Alles spricht dafür, dass er damit scheitert.

REUTERS

Von Claudia Thaler und , Moskau


Die Erfolgsaussichten des tollkühnen Projekts dürften nicht viel höher sein als die des nordkoreanischen Diktatoren Kim Jong Un, den Friedensnobelpreis zu bekommen: Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin möchte die russische Hauptstadt zu einem Mekka für Fahrradfahrer machen. Zu so etwas wie zur europäischen Fahrradhauptstadt gar, wie einer seiner Stadtplaner erklärte.

Die Sache hat auf Anhieb einen ziemlich offensichtlichen Haken: Zwar kann Moskau mit schönen und sonnenverwöhnten Sommern aufwarten, der Winter aber beginnt nicht selten schon im Oktober. Dann folgen sieben graue und oft bitterkalte Monate. Viele Wochen versinkt die 11,5-Millionen-Einwohner-Metropole in Schnee und Eis. Wer da nicht Metro oder Auto fährt, ist entweder Masochist oder Selbstmörder.

Das missliche Klima und die gewaltigen Ausmaße Moskaus halten Sobjanins Stadtplaner aber nicht davon ab, von einer Fahrradrevolution zu träumen. Moskau, geplagt von Dauerstaus, soll frischer, lebendiger und auch europäischer werden, zumindest mal versuchsweise und natürlich pünktlich zur Wahl Anfang September. Dann steht der Job von Sobjanin, der im Oktober 2010 den beliebten, aber der Korruption verdächtigten Jurij Luschkow als Bürgermeister der größten Stadt Europas abgelöst hat, zur Disposition.

Mit dem Fahrrad auf Verbrecherjagd

Sergej Sobjanin verspricht, bis 2014 wenigstens 200 Kilometer Fahrradwege zu schaffen. Seit diesem Sommer können die Moskauer an Stationen im Stadtzentrum Fahrräder ausleihen. 100 Stationen für umgerechnet zehn Millionen Euro sind geplant, 30 bereits in Betrieb. In einigen Stadtteilen geht seit neuestem sogar die Polizei mit Fahrrädern auf Verbrecherjagd, einstweilen noch ohne Blaulicht.

Über die Aufklärungsquote der radelnden Gesetzeshüter ist unterdessen nichts bekannt. Ernüchternd aber fällt die Bilanz der Verleihstationen aus. Trotz einer riesigen Werbekampagne loggten sich die Moskauer bisher nur 10.000-mal in das System ein: Wer einen Drahtesel mieten will, muss sich mit der Kreditkarte im Internet anmelden und bekommt dann per SMS einen Code zur Abholung des Fahrrads geschickt.

Radwege im Zentrum sind bisher nur nach langer Suche ausfindig zu machen. Diese werden dann aber schnell von Fußgängern und Straßenhändlern annektiert oder als Parkplatzalternative genutzt. Nur selten ist das Gros der tausend Leihräder im Einsatz, die angekündigten Radfahrerströme in der Innenstadt sind nirgends zu entdecken.

Da half es auch nicht, dass Sobjanin jüngst medienwirksam einige Runden auf einem der knallroten Leihräder drehte, um das neue, hippe Stadtbild und sich selbst zu promoten. Begeistert und interessiert schienen nur die zahlreichen Journalisten und Kamerateams zu sein, die den radelnden Bürgermeister quer durch den riesigen Gorki-Park verfolgten. Die meisten Spaziergänger ignorierten den Medienrummel. Sobjanin aber verkündete: "Das ist der Beginn einer Radbewegung. So etwas hat es vorher noch nie gegeben."

"Radfahrer, seid wachsam!"

Die Stadtplaner hoffen, dass die Moskauer wenigstens im Sommer vom Auto auf das Rad umsteigen, um die Staus zu vermindern. Seit dem Zerfall der Sowjetunion vor zwei Jahrzehnten hat sich die Zahl der Autos in Moskau von 900.000 auf fünf Millionen mehr als verfünffacht.

Obwohl auf individuelle Autofahrer gerade einmal 20 Prozent des Moskauer Verkehrsaufkommens entfallen, verbringen die motorisierten Hauptstädter im Durchschnitt zwei Tage pro Monat im Stau, also 48 Stunden. Das macht im Jahr 24 Tage, mehr als drei Wochen verlorene Lebenszeit. Wer mit 70 stirbt, hat so von der Wiege bis zur Bahre vier Jahre und 220 Tage in Blechlawinen verschwendet.

Eine Alternative bietet heute schon die Metro. Die Untergrundbahn fährt zwischen ihren 185 Stationen im 90-Sekunden-Takt und befördert täglich rund acht Millionen Passagiere. Nun soll das Auto auch zugunsten des Zweirads in der Garage bleiben. Verkehrschaos adé!

Für Sobjanins Idee spricht auch die Geschichte. Immerhin halten die Russen einen der ihren für einen der Erfinder des Fahrrads, auch wenn die Welt eher Karl Drais mit den ersten Zweirädern assoziiert. Der Ingenieur Jefim Artamonow soll 1801 mit seinem neuen Gefährt die knapp 3000 Kilometer von Jekaterinburg in Sibirien zur Zarenkrönung nach Sankt Petersburg geradelt sein. Dort schenkte er dem neuen Zar Alexander I. sein Wunderwerk.

Das ist eine schöne Geschichte. Sie hilft, den durch den Untergang des Sowjetimperiums angeschlagenen Nationalstolz zu beleben. In der Gegenwart aber gilt das Fahrrad der großen Mehrheit der Moskauer schlicht als viel zu gefährlich. Der Verkehr in der russischen Hauptstadt ist chaotisch und brutal. 12.000 Menschen sterben jährlich bei Verkehrsunfällen. Das sind dreimal mehr als in ganz Deutschland, das siebenmal mehr Einwohner hat als Moskau.

Selbst die Bürokraten hinter dem neuen Verleihsystem warnen noch im Internet: "Radfahrer, seid wachsam!" Denn eines ist auf Moskaus Straßen sicher: Die Radfahrer sind es nicht.



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Seite 1
michael.t.graf 12.07.2013
1. Haha
Russland? Moskau? Das Land in dem man staendig eine Kamera an der Frontscheibe braucht? Das Land in dem Panzer quer ueber die Strasse heizen und große Limos mit Blaulicht Fußgänger umnieten? Selten so gelacht...
wwwwalter 12.07.2013
2. Rette sich, wer kann
Radfahren ist in ganz Russland saugefährlich, egal ob Kleinstadt, oder Großstadt. Deshalb sieht man auch kaum Räder auf der Straße. Im Verkehr gilt das Gesetz des Stärkeren - wenn Autos und LKWs schon keine Rücksicht auf Fußgänger nehmen, weshalb sollten sie sich dann Radfahrern gegenüber anständiger verhalten ? Bin schon sechs mal in Russland gewesen. Es ist jedes Mal eine Umstellung. Beim Straßenüberqueren muss man schnell sein - kommt ein Kraftfahrzeug gilt das Motto: Rette sich, wer kann, selbst wenn da ein Zebrastreifen ist. Verglichen mit den Verhältnissen auf deutschen Straßen, sollte man in Russland doppelt so wachsam sein. Bis sich daran etwas ändert, das beinahe eine Generationenfrage. Die Verhältnisse in der gesamten russischen Gesellschaft müssen ziviler und rechtsstaatlicher werden, erst dann wird auch auf der Straße wieder mehr Frieden einkehren.
slummie 12.07.2013
3. Guten Morgen Spiegel...
"12.000 Menschen sterben jährlich bei Verkehrsunfällen" Vielleicht eine Null zu viel???
friedenspfeife 12.07.2013
4. Guter Bericht
Zitat von sysopREUTERSFür Radfahrer ist der Moskauer Verkehr die Hölle. Bürgermeister Sobjanin kündigt jetzt mit viel Mediengetöse an, die Metropole zum Radler-Paradies zu machen. Alles spricht dafür, dass er damit scheitert. http://www.spiegel.de/reise/staedte/moskau-will-fahrradhauptstadt-europas-werden-a-910476.html
Obwohl ich eigentlich kein Russophob bin, eher das Gegenteil, kann man diesen Plan wirklich nur als Totgeburt bezeichnen. Es wird darauf hinauslaufen, das die paar verbliebenen Strassenbaeume den Radwegen geopfert werden - die Radwege werden dann sofort als Parkplatz fuer Autos missbraucht. Sobjanin macht leider den zweiten Schritt vor dem ersten - ein Konzept zur Linderung der Parkplatznot waere sinnvoller - aber da alle noch freien Flaechen im Zentrum mit Einkaufspassagen zugeknallt werden, ist davon auszugehen, dass alles so bleibt wie es ist.
poisonnuke 12.07.2013
5. Masochist?
---Zitat--- Viele Wochen versinkt die 11,5-Millionen-Einwohner-Metropole in Schnee und Eis. Wer da nicht Metro oder Auto fährt, ist entweder Masochist oder Selbstmörder. ---Zitatende--- was ist denn das für ein schwachsinniger Kommentar vom Autor. Waren etwa hier in Deutschland alle Radfahrer im Winter Masochisten oder potentielle Selbstmörder? Der letzte Winter war hier in Deutschland nicht so viel anders. Ich selbst fahre seit 20 Jahren täglich bei jedem Wetter ca. 10km pro Strecke, auch bei -25°C was wir hier schon ab und an hatten. Und ich bin beileibe bei weitem nicht der einzige Radler in der Jahreszeit. Auch wenn der Winter in Moskau regulär etwas länger dauert, so ist es nur eine Frage der persönlichen Einstellung dazu. Jemand der solche Radler als Masochisten bezeichnet sollte dann lieber in die Karibik ziehen, wenn es ihm hier zu kalt ist.
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