Museum für Sowjet-Videospielautomaten Mit 15 Kopeken in die Seeschlacht

Mit 20 hat der Russe Maxim Pinigin begonnen, betagte Arcade-Automaten aus der Sowjetzeit zu sammeln. In seinem Moskauer Museum darf man damit spielen - und bald auch in Berlin.

SPIEGEL ONLINE

Von Sofia Dreisbach, Moskau


"Kalinka, Kalinka, Kalinka moja" - der rote Automat spielt die Melodie des russischen Volkslieds grässlich schief. Zum Glück nur zweimal, am Anfang und am Ende des Spiels. Mit dem roten Knopf am Joystick schleudert der elfjährige Maxim ein Stöckchen auf Holzformationen, die oben am Videobildschirm von links nach rechts wandern.

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Moskauer Museum: Zocken an Arcade-Automaten

Beim Spiel "Gorodki" (Städtchen) muss der Schüler die Formen mit möglichst wenigen Treffern zerschlagen. Das Schwierigste dabei? "Der Automat reagiert so langsam", sagt er. Kein Wunder, die Maschine ist ungefähr 30 Jahre alt.

Im "Museum der sowjetischen Arcade-Maschinen" in Moskau geht es nicht um Tempo, nicht um Präzision und auch nicht unbedingt um das Gewinnen. Die sogenannten Arcade-Automaten, auf denen gegen Münzeinwurf Videospiele gespielt werden können, stammen aus den Siebzigern und Achtzigern, aus der Sowjetzeit, und wurden damals von Rüstungsbetrieben hergestellt.

Die Hebel sind abgegriffen, der Lack zerkratzt, die Münzeinheit oft angerostet, und jede Maschine macht ihren eigenen Lärm. Genau das macht den Charme des Museums auf der Einkaufsstraße Kusnezky Most aus, die eine Viertelstunde Fußweg vom Roten Platz entfernt liegt.

Das Museum war eine Schnapsidee

Der Besitzer Maxim Pinigin sieht nicht gerade aus, wie ein Sowjet-Nostalgiker. Der 35-Jährige trägt ein graues T-Shirt und eine blau getönte Sonnenbrille auf dem wilden Lockenkopf. Pinigin ist studierter Autoingenieur, arbeitete später als Manager. In einer Zeit, in der spielen "zocken" heißt und schmale Elektrogeräte die klobigen Maschinen längst abgelöst haben, sammelt er die alten Spielautomaten - und repariert sie.

Das Museum sei im Jahr 2006 aus einer Schnapsidee heraus mit Freunden entstanden, erzählt Pinigin. "Wir wollten so einen Automaten zu Hause haben, damit wir immer damit spielen konnten." Sie wollten den Klassiker: "Morskoy Boi" (Seeschlacht), hergestellt seit 1974 und eines der beliebtesten Arcade-Spiele in der Sowjetunion. "Das ist das erste Spiel, an das ich mich wirklich erinnere", sagt Pinigin. "Und an die Kopeken, die mir meine Eltern dafür gaben."

Das erste Museum eröffnete Pinigin 2007 in einem Bunker unter einem Studentenwohnheim in Moskau. Seit 2015 ist das Museum nach ein paar Umzügen nun mitten in Moskau zu finden. Ein weiteres gibt es in Sankt Petersburg. Im kommenden Jahr soll auch in Berlin eines Eröffnung feiern.

Den ersten Arcade-Automaten bekamen sie geschenkt - aber er funktionierte nicht mehr. Die Spielautomaten, die in der Sowjetunion in Kinos, an Bahnhöfen, in Kinderferienlagern und in Kneipen standen, lagen später als Altmetall auf dem Schrott. Oder sie rosteten unbeachtet in Kellern und Lagerhallen vor sich hin.

Heute stehen in dem Moskauer Museum etwa 60 Geräte mit 44 verschiedenen Spielen - vom Astronauten im All bis hin zu Autorennen und Flipper. Sie stammen aus Russland, Belarus, Kasachstan und der Ukraine. Und Pinigin hat noch nicht genug: "Ich bin immer auf der Suche nach neuen."

Ein Museum wie ein Großstadtloft

Auf den ersten Blick wirkt das Museum hip: Im Café neben dem Eingang gibt es Latte Macchiato aus Gläsern. Die Location ähnelt einem Großstadtloft - große Fensterfront, offene Galerie im ersten Stock und schwarz gestrichene Wände.

Ein bisschen Nostalgie darf aber trotzdem sein. Mit der Eintrittskarte bekommt der Besucher ein gefaltetes Tütchen mit 15-Kopeken-Münzen. Sie sind mit Hammer und Sichel geprägt - und original sowjetisch.

"Heutzutage gibt es diese Münzen kiloweise", sagt Alina Nukhova, die englische und russische Führungen durch das Museum anbietet. Zum Glück, denn Nachschub sei nötig, da viele Besucher sich ein letztes Spiel verkneifen und dafür eine Kopeke als Andenken mitnehmen.

Am sowjetischen Wasserautomaten am Eingang gibt es Sprudelwasser: pur und mit Orangen- und Waldmeistersirup. Die grasgrüne Brause sprudelt mit viel Schaum aus dem Automaten und ist sehr süß. "Die Leute nennen das Kommunisten-Cola oder Sowjet-Soda", sagt Nukhova.

In der Sowjetunion hätten die Menschen die Kopeken für den Automaten an einer Schnur befestigt und wieder rausgezogen, wenn die Münze über den Kontakt gerutscht sei und das Getränk in den Becher lief. "Der wurde nach dem Trinken immer wieder zurückgestellt", sagt die Museumsführerin. Heute gibt es Plastikbecher, und der Kapitalismus hat Einzug gehalten: Für 150 Rubel, etwas mehr als zwei Euro, bekommen die Besucher eine Drei-Kopeken-Münze für den Automaten.

Trotz aller Nostalgie ist das Museum nicht nur für Leute unterhaltsam, die Arcade-Automaten aus der Kindheit kennen. "Es kommen Russen, Touristen, Geschäftsleute und Familien", sagt Besitzer Pinigin. Ausländer tasten sich am Anfang meist vorsichtig an die kyrillisch beschrifteten Maschinen heran, aber mit der englischen Erklärung sind die simplen Spiele nicht schwer zu verstehen.

Die alten Spielautomaten haben eine verblüffende Wirkung auf die Besucher: Jeder hat Spaß, vom Kind bis zum Alten. In diesem Museum ist ein Lachen der Applaus - oder auch ein Fluchen.


Museum der sowjetischen Spielautomaten , Kusnezky Most 12, Moskau. Geöffnet täglich von 11 Uhr bis 21 Uhr. Eintritt: 450 Rubel, dafür sind 15 Spiele frei.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes haben wir die beiden Museumsgründer Maxim Pinigin und Alexander Stachanow verwechselt. Wir haben den Fehler korrigiert.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
g_bec 28.08.2017
1. Wie cool.
Zitat: "Ausländer tasten sich am Anfang meist vorsichtig an die kyrillisch beschrifteten Maschinen heran, aber mit der englischen Erklärung sind die simplen Spiele nicht schwer zu verstehen." Seltsame Anleitung, gem. Bildunterschrift: "Automat zeitweise außer Betrieb";-) Ganz nebenbei: Es gab in den späteren 80ern in der UdSSR auch diese kleinen Spielcomputer im Taschenformat wie "Der lustige Koch" oder "Hase und Wolf", also die Vorläufer von Gameboy und Co mit nur einem festen Spiel drauf. Damit konnte man damals, wenn man so ein Gerät bei der letzten Klassenreise in die SU ergattert hatte, auch mal gegen die Mitschüler mit der "Westverwandschaft" anstinken;-) War neben den Motocross-Integralhelmen für die Simson auch das Einzige, was man von so 'ner Tour mitbrachte. Gab ja sonst nüscht.
12many 28.08.2017
2.
4/12: Die Automaten stammen aus Russland, Belarus, Kasachstan und der Ukraine. Belarus wäre dann "Weißrussland" auf deutsch ;)
KaroXXL 28.08.2017
3.
Die Dinger durfte ich damals in Moskau im Avtowoksal testen. War irgendwas mit U-Booten und abschießen.. Eher mechanisch als digital. Kann mich noch erinnern dass dort in der Nähe auch Leute waren die für Geld (allerdings nicht wenig) Amigas zum Spielen für eine Stunde vermietet haben - das war natürlich der absolute Hit für jemanden der außer C64 noch nicht viel gesehen hat...
ecthalion 29.08.2017
4. Besserwisser-Alarm!
Zitat von 12many4/12: Die Automaten stammen aus Russland, Belarus, Kasachstan und der Ukraine. Belarus wäre dann "Weißrussland" auf deutsch ;)
Eben nicht. Belarus hieß schon immer und auch auf deutsch Belarus. Nur weil einige nicht richtig Russisch können, glauben sie, traditionell falsch übersetzen zu dürfen. Quelle kannst du dir selber suchen.
Tony 29.08.2017
5. Ralph Baer
Wer war denn der Russische Ralph Baer ? Das hätte mich noch interessiert. Das wohl beides aus der Rünstungsindustrie kommt dürfte wohl kaum Zufall sein. So was wie die sogenannte "Brownbox" sollte wohl in Lenkraketen Verwendung haben. Gerne von Mitforisten ein wenig mehr Info da zu, vielen Dank !!
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