München Flucht der Nackerten stürzt Englischen Garten in die Krise

Der Englische Garten gehört zu den Highlights in München. Doch jetzt fürchten die Behörden um seine Attraktivität. Nicht Chinesischer Turm, Kleinhesseloher See, Monopterus oder Bongotrommeln treiben den Parkdirektor um, sondern die Frage: Wo bleiben die schönen nackten Frauen?


Sonnenbad im Englischen Garten
DDP

Sonnenbad im Englischen Garten

München - Früher waren sie noch ein Reizthema, jetzt sind sie schon fast eine Institution: die "Nackerten" im Englischen Garten. Doch neuerdings bleiben immer mehr von ihnen aus. "Wir haben viele Nackte verloren, die den Englischen Garten zu einem besonderen Platz gemacht haben", sagt Parkdirektor Thomas Köster. Vor allem die gut aussehenden jungen Frauen und Männer, die ihn zu einer Attraktion gemacht hätten, kämen seltener. "Das wird ein echtes Problem."

Mehr als 14.000 Nackte hätten sich in den letzten Jahrzehnten in dem gut 360 Hektar großen Park im Zentrum Münchens getummelt, sagte Köster. Das seien rund zehn Prozent der täglich 140.000 Parkbesucher gewesen. Heute lasse nur noch gut ein Prozent alle Hüllen fallen. Das entspreche rund tausend Nackten am Tag. "Früher konnte man ganze Familien nackt umherlaufen sehen oder junge Leute nackt im Biergarten sitzen sehen", sagte Köster. "Die Gesellschaft ist prüder geworden."

Früher wurde in Reiseführern aus Ländern, in denen es das nackt Umherlaufen praktisch nicht gibt, extra auf den Englischen Garten hingewiesen. Besucher aus Japan, den USA, Großbritannien, Italien, Frankreich oder Spanien ließen sich die Attraktion nicht entgehen. In manchen Hotels konnte man sogar Zimmer mit Aussicht auf die Nackten buchen.

FKK nicht mehr schick?

"Es fühlt sich gut an, hierher zu kommen und ohne Kleidung zu entspannen", sagt Ilona Scholl, die seit 15 Jahren in den Park geht. Sie könne verstehen, warum weniger Menschen sich entblößt zeigen, sagte die nur mit einer Kette bekleidete 32-Jährige. "Was mich wirklich nervt, sind die starrenden Blicke von Männern aus Ländern, in denen es diese Art der Nacktheit nicht gibt." Sie kämen nur zum Spannen. "Da fühlt man sich wie im Zoo."

Ein junger Palästinenser, der in Augsburg lebt, zögert zunächst. Dann erzählt er aber, warum er so gerne in den Englischen Garten geht: "Natürlich bin ich wegen der hübschen Frauen hier."

Für Parkdirektor Köster sind die Gründe für die ausbleibenden Nackten nicht ganz klar. Vielleicht liege es an einem neuen, konservativen Zeitgeist. Früher sei das Ablegen der Kleidung eine populäre Form der Rebellion gewesen. Heute fänden viele junge Leute es schicker, mit teurer Kleidung in feinen Cafés zu sitzen und anzugeben. "Es ist schwierig anzugeben, wenn man nackt ist."



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