Multikulti-Stadt Granada: Tapas für den Emir

Von Helge Sobik

Nordafrikanische Trommelmusik trifft Flamenco-Gitarren: Im Schatten der Alhambra verschmelzen seit jeher die Kulturen. Die Stadt gilt als tolerant, weltoffen - und als märchenhaft schön.

Granada: Prachtvolles Erbe der Mauren Fotos
DPA

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Der Laden mit seinen ockerfarbenen Wänden gleicht einem langen Flur, an dessen Stirnseite ein Sofa steht. Kunden gibt es gerade keine, und statt für arabische Lampen, handgearbeitete Ghaïda-Flöten oder kleine Kelims zu kassieren, hockt der einzige Verkäufer im Schein einer Stehlampe hinten auf dem Sofa und schlägt mit den flachen Händen auf das Ziegenfell eines Tamburins.

Er bemerkt nicht, dass er Zuschauer hat - dass immer mehr Passanten stehenbleiben und an den arabischen Lampen vorbei durch die offene Front des Geschäfts zusehen und zuhören. Er schaut versonnen, wie in Trance. Vielleicht denkt er an das Zuhause seiner Vorfahren, an die Heimat seiner Lieferanten, ist in Gedanken in Nordafrika - oder an Ort und Stelle tief in der Vergangenheit, während er die Musik seiner Väter spielt.

Irgendwann beginnt der junge Mann leise auf Arabisch zu singen, und als am Ende eines Liedes das Tamburin kaum noch schwingt, klatschen ein paar Hände verhaltenen Applaus und wecken ihn aus dem Tagtraum. Der Mann lächelt, ist ein wenig irritiert und murmelt "Gracias". Er trommelt in der Carrera del Darro in Sichtweite der Mauern der Alhambra, jener maurischen Wehr- und Palastanlage hoch über Granada mitten in Andalusien. Araber herrschten hier bis 1492, ehe König Ferdinand von Aragón und Königin Isabella von Kastilien mit ihrem Heer anrückten und den letzten Emir Boabdil von Granada kampflos besiegten. Er gab auf, um die prachtvolle Stadt der Kunst vor Zerstörung zu bewahren.

Trommelklänge und arabische Lampen

Die Gassen des Maurenviertels sind geblieben, das Labyrinth der Pfade durch die Altstadt Albaicín ist noch da. Das Herz von Granada sieht immer noch maurisch aus. Und ganz im Stillen wird es wieder maurischer, ohne dass dafür neue Kriegszüge erforderlich wären. In manche Häuser sind ferne Verwandte der Herrscher von einst eingezogen. Die Tamburinmusik, die vielen arabischen Lampen, die Geschäfte mit Kunsthandwerk von der anderen Seite des Mittelmeers - all das passt hierher. Es gehört dazu. Sie werden mehr.

Und seit 2003 gibt es im Albaicín sogar wieder eine Moschee - die erste seit 500 Jahren. Als sie eröffnet wurde, übertrug der arabische Fernsehsender al-Dschasira das Ereignis live.

In Granada, der Legende nach von einer Tochter Noahs gegründet, verschmelzen seit jeher die Kulturen. Alles wird eins, jede hat ihre Spuren hinterlassen, jede ist gegenwärtig: Juden, Christen, Muslime. Die Stadt gilt seit jeher als tolerant, weltoffen, ist Hochburg von Kunst und Wissenschaft. Und sie gilt als besonders schön.

Der frühere US-Präsident Bill Clinton ist hier gewesen, er war seinerzeit bereits ein bisschen in der Welt herumgekommen und hat am Ende seines Besuchstages auf dem Mirador de San Nicolás mit Blick auf die Alhambra gestanden. Nach ein paar Minuten des stillen Staunens hat er den Reportern in die Blöcke diktiert, nirgendwo auf der Welt sei der Sonnenuntergang schöner. Der Mann wird es beurteilen können.

Geräusche und Gerüche der Altstadt

Diese Stadt lässt niemanden kalt, löst Gefühle aus. Granada packt einen, und selbst wenn die Schuhe längst drücken und der Stadtplan im Gassengewirr kaum noch weiterhilft, treibt es einen voran: Unten im Tal zwischen den Flüssen Darro und Genil, rund um die Kathedrale und in den Fußgängerzonen sind es die Menschenströme, die jeden mitschwemmen, durch die Straßen tragen und wie zufällig über die Innenstadt verteilen.

Oben im Albaicín sind es die Geräusche, die Gerüche, die um die nächste und die übernächste Kurve locken, eine weitere ausgetretene Treppe aus Pflastersteinen hinaufködern. Und irgendwann ist es die Ruhe auf einem menschenleeren Platz inmitten strahlendweißer Fassaden, die einen plötzlich innehalten lässt. Autos passen nicht durch die Gassen, gelangen die Treppen ohnehin nicht hinauf.

Auf manchen dieser Plätze im Albaicín steht die Zeit still. Aus kleinen Cafés riecht es nach Tee und Wasserpfeife. Aus der Tür dringt arabische Musik, und hinter den grünen Rollos übt jemand Flamenco-Gitarre. Es würde ins Bild passen, böge jetzt ein Emir des 15. Jahrhunderts mit Gefolge um die Ecke und schritte mit einer Selbstverständlichkeit vorbei, als hätte ihn fünf Jahrhunderte lang sein Spazierweg jeden Morgen über diese Kreuzung oben im Albaicín geführt.

Auf einem der Hügel gegenüber der Alhambra stand vor ein paar Jahren sogar plötzlich eine Stadt aus Zelten - aus unverkennbar arabischen Zelten, wie Baldachine mit Gestängen, Bordüren, Ornamenten. Prachtvoll sah das aus und teuer - und ein bisschen wie die bevorstehende Rückeroberung Granadas durch die Mauren. Der Eindruck war beabsichtigt. Ein saudischer Prinz feierte dort tage- und nächtelang seinen Geburtstag und investierte Millionen in das Spektakel, auf dessen Kulissen jeder Hollywood-Set-Ausstatter stolz gewesen wäre. Die Bürger Granadas nahmen das alles mit einem Schulterzucken und der ihnen eigenen Toleranz: Soll er feiern. Es wird alles bleiben wie es ist.

Wie ein Märchenschloss aus Pappmaché

Mächtig recken sich die wuchtigen Quadertürme der Alhambra in den andalusischen Himmel, werden überragt von den mehr als 3000 Meter hohen schneebedeckten Gipfeln der kaum 30 Kilometer entfernten Sierra Nevada im Hintergrund. Von außen ist diese Festung eine Trutzburg, von innen filigran - mit ihren Kuppeln, mit Mosaiken, mit feinsten Stukkaturen aus Marmorstaub an Decken und Torbögen. Ihr Inneres ist irgendwie unwirklich, wie eine flüchtige Fantasie, ein Märchenschloss, wie etwas, dass eigentlich aus Pappmaché sein müsste und doch massiv ist und seit Jahrhunderten dort überdauert hat.

Urlauber flanieren mit Kopfhörern durch die Räume und über die Höfe, vorbei an Brunnen und Blumenarrangements, lauschen Schilderungen in ihrer Muttersprache, die ihnen ein kleines Gerät erzählt, das sie am Eingang ausgeliehen haben und am Gürtel tragen.

Eine Japanerin hockt diesen Nachmittag dort in den Palastgärten an der Plaza de los Aljibes und ist unter ihrem Kopfhörer eingeschlafen. Von irgendwoher läuten Kirchenglocken. Ein junger Spanier spielt eine Parkbank weiter Gitarre. Wie gut, dass ihm gerade keiner Applaus klatscht. Es würde die Frau nebenan aus allen Träumen reißen. Vielleicht sieht sie vorm inneren Auge gerade Bilder von Flamenco tanzenden Mauren, von Stierkämpfen unter der Halbmondfahne, von der Verschmelzung aller Traditionen.

Und was wäre, spazierte der Emir von einst noch heute durch Granada? Wahrscheinlich würde er schauen, dass er spätestens gegen sieben Uhr abends in der Tapas-Bar "Bodegas Castañeda" in der Calle Almireceros auftaucht, um gerade noch rechtzeitig einen freien Tisch zu ergattern. Er würde in Sichtweite von Dutzenden Schinken Platz nehmen, die von der Decke hängen und lautstark gegen die allgemeine Geräuschkulisse andiskutieren müssen, damit ihn sein Gegenüber versteht.

Er würde wahrscheinlich im Rhythmus der Pop-Musik aus versteckten Boxen mit dem Fuß wippen, eine große Portion Tapas bestellen - Kroketten, Sardinen, Manchego-Käse. Und er würde sagen: "Aber bitte keinen Schinken." Er hätte es nicht aussprechen müssen, denn Kellner Eusebio Gonzalez kennt seine Gäste und würde ohnehin wissen: "Klar, der Emir isst als Muslim natürlich kein Schweinefleisch." Stattdessen würde er ihm einen Sherry bringen. Den dürfte er offiziell auch nicht trinken - aber ab und zu im "Bodegas Castañeda" würde er ihn sich dennoch schmecken lassen. Weil die Zeiten in Granada tolerant geblieben sind.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
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1. War auch gerade dort
xysvenxy 16.07.2010
Durch den Vorteil, Freunde zu haben die in Granada wohnen, kommen wir öfters in die Stadt - sind gerade am vergangenen Samstag zurückgekommen. Daher einfach schön, diesen Artikel jetzt hier auf SPON zu lesen. ;)
2. Toleranz?
javaan 16.07.2010
---Zitat--- Und seit 2003 gibt es im Albaicín sogar wieder eine Moschee - die erste seit 500 Jahren. Als sie eröffnet wurde, übertrug der arabische Fernsehsender al-Dschasira das Ereignis live. ---Zitatende--- Die Selbstverständlichkeit, mit der die (spanisch-)arabische Minderheit Ihre Rechte im Süden Spaniens einfordert und von den Spanier gegeben wird, ist leider auf der anderen Seite von der Straße von Gibraltar leider nicht gegeben. El Pais berichtete wieder, dass zum erneuten Male Christen des Landes verwiesen wurden, diesmal 140, u.a. auch aus Spanien. Schön wäre es, wenn nicht nur darüber auch mal berichtet werden würde, sondern vor allem die Nutznießer dieser Freiheiten sich auch dort für Toleranz engagieren würden.
3. Schöne Welt
öl für die welt 16.07.2010
Ach wie schön, seht Ihr, es geht doch, das Zusammenleben verschiedener Kulturen. Granada verdankt seine "Weltoffenheit" also der jahrhundertelangen Knechtung durch die Mauren. Diese Stadt könnte also Vorbildcharakter für den ganzen Kontinent innehaben. Wir müssen also nur mehr Moslems in Europa ansiedeln, einen Emir installieren und die Dhimmis zahlen Jizza (Steuern von "Ungläubigen"), dann werfen wir die Moslems wieder raus und ganz Europa wird so schön Mulitkulti wie Granada sein.
4. europa
speedkid18 16.07.2010
Zitat von öl für die weltAch wie schön, seht Ihr, es geht doch, das Zusammenleben verschiedener Kulturen. Granada verdankt seine "Weltoffenheit" also der jahrhundertelangen Knechtung durch die Mauren. Diese Stadt könnte also Vorbildcharakter für den ganzen Kontinent innehaben. Wir müssen also nur mehr Moslems in Europa ansiedeln, einen Emir installieren und die Dhimmis zahlen Jizza (Steuern von "Ungläubigen"), dann werfen wir die Moslems wieder raus und ganz Europa wird so schön Mulitkulti wie Granada sein.
ich glaube das braucht es gar nicht. es reicht, dass die minderheit vorbilder hat, die von der mehrheit akzeptiert und geachtet werden. heutzutage scheinen mir da fussballer mit sogenanntem "migrationshintergrund" am besten geeignet.
5. Fast!
socsss 16.07.2010
Zitat von öl für die weltAch wie schön, seht Ihr, es geht doch, das Zusammenleben verschiedener Kulturen. Granada verdankt seine "Weltoffenheit" also der jahrhundertelangen Knechtung durch die Mauren. Diese Stadt könnte also Vorbildcharakter für den ganzen Kontinent innehaben. Wir müssen also nur mehr Moslems in Europa ansiedeln, einen Emir installieren und die Dhimmis zahlen Jizza (Steuern von "Ungläubigen"), dann werfen wir die Moslems wieder raus und ganz Europa wird so schön Mulitkulti wie Granada sein.
Historisch nur bedingt richtig. So von wegen Knechtung, Verfolgung, Toleranz und Unterdrückung. Zumindest was die Zuordnung zu den Religionen angeht. Ich empfehle einen Blick in ein Geschichtsbuch und keine 1:1-Anwendung heutiger Schemata ;-)... Ansonsten: Eine traumhafte schöne Stadt, in die ich immer und immer wieder gerne reisen werde!
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