Mythos U-Bahn Abgefahren, unterirdisch, zauberhaft

Abermillionen Menschen gehen täglich in den Untergrund. U-Bahnen sind die Lebensadern der Metropolen - oft geliebt, manchmal gehasst, immer ein Spiegel der Gesellschaft. Eine Reise in die schönsten und spektakulärsten Schattenreiche der Welt.

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Die Gedärme der Metropolen liegen tief unter ihren Fundamenten. In Kurven, Geraden und Windungen schlängeln sie sich durch die Bäuche der Städte. Millionen Menschen verschwinden tagtäglich über Treppen im Untergrund, werden erst viele Kilometer weiter wieder ausgespuckt - U-Bahnen sind faszinierende Lebenssysteme der Großstädte. Ohne die Metros, Subways, Tubes, T-Bana oder schlicht U-Bahnen würden die Metropolen einen Verkehrsinfarkt erleiden. SPIEGEL ONLINE porträtiert sie nun in einer Reportage-Serie.

Schnell und in dichtem Takt können die unterirdischen Stadtbahnen Millionen Pendler befördern. Dabei sind sie umweltfreundlich und von anderen Verkehrssystemen unabhängig. Die Briten sahen als Erste diese Vorteile und setzten die Pläne schon 1863 in die Realität um. Damals schickten sie einen ersten Dampfzug in den Londoner Untergrund - gefolgt 1890 von der wesentlich eleganteren elektrischen Schnellbahn auf der heutigen Strecke Northern Line.

Auch in Budapest, Glasgow und Paris führten bald erste Gleise unter die Erde. 1902 folgte Berlin, erst überirdisch auf einem Viadukt, später unterirdisch: Der Name U-Bahn etablierte sich ab 1929. New York eröffnete seine Subway 1904, Buenos Aires betrieb die erste südamerikanische Metro ab 1913. Moskau nahm seine Untergrund-Bahn 1935 in Betrieb und hält heute mit täglich rund neun Millionen Fahrgästen den Rekord - noch vor Tokio. Die Japaner waren in Asien Vorreiter, ihre Hauptstadt-Metro fuhr ab 1933 auf der jetzigen Ginza-Linie.

Moskaus Metro: Symbol für Stärke des Sowjetsystems

U-Bahnen sind nicht nur funktional und praktisch. Sie spiegeln immer auch die Gesellschaft, die sie schuf und die sie befördert. In Paris ist die alte Pracht der Jahrhundertwende schon an den schmiedeeisernen Jugendstil-Verzierungen vieler Eingänge abzulesen, zum Beispiel an der Haltestelle "Tuileries". Die "Moskowskij Metropoliten", die Moskauer Metro, sollte gleich als Ganzes die Welt von der Überlegenheit des Sowjetsystems überzeugen und die beste U-Bahn der Welt werden. Ihr Bau war ein wahnsinniger Kraftakt nach Stalins Willen: Zwangsarbeiter schufen die "Paläste der Arbeiterklasse", Bahnhöfe mit marmornen Säulen, gewaltigen Kronleuchtern und bunten Fresken wie die Station "Komsomolskaja". Dagegen zischt Tokios U-Bahn in steriler Atmosphäre durch kühl und pragmatisch gestaltete Stationen: Symbol für die japanische Business-Welt.

Heute boomt der U-Bahn-Bau vor allem in Ostasien. Was die U-Bahn-Baulust in der westlichen Welt erlahmen ließ, sind die hohen Kosten der unterirdischen Systeme.

Zuletzt musste Athen schmerzlich erfahren, dass die Ausgaben für jene beiden neuen Linien explodierten, die als Prestigeobjekt zu den Olympischen Spielen 2004 fertig sein sollten. In der Stadt mit jahrtausendealter Geschichte verzögerten archäologische Grabungen die Arbeiten um zwei Jahre. Tunnel mussten neu geführt und der Bau einer geplanten Station schon beim Aushub gestoppt werden. Dafür gleichen heute, sechs Jahre nach der Eröffnung, viele der unterirdischen Stationen Museen. Amphoren, Öllampen, ein Skelett, Reliefs und Skulpturen hinter Glas lassen sogar die Athener im morgendlichen Berufsverkehr stoppen.

In der Schweiz dagegen schleppt sich seit Jahren das ehrgeizige Projekt der Swissmetro hin, einer unterirdischen Magnetschwebebahn unter dem gesamten Alpenland - denn die Kosten sind einfach gigantisch.

New Yorker Subway: Zeitreise in die Dreißiger

Zur Freude von nostalgischen Touristen und zum Leid vieler Pendler sind wegen der hohen Kosten manche der ersten Metros bestens konserviert. Viele Stadtkassen sind überfordert. Wer in der Weltstadt New York in den Untergrund steigt, sich über schmierige Treppen in klapprige Züge tastet und sich von den Stationsschildern in Mosaik leiten lässt, der fühlt sich in die dreißiger Jahre versetzt.

Auch die Londoner haben Schwierigkeiten, ihre Tube instand zu halten. In den gewundenen Tunneln unter der City geht nicht nur jegliche Orientierung verloren, der Untergrund ist außerdem so uneben wie wohl vor 100 Jahren. Einer der Betreiber musste schon bei eBay Ersatzteile für die antiquierten Waggons ersteigern. Zugleich glänzt die britische Hauptstadt aber mit futuristisch anmutenden Stationen der Neuzeit wie "Southwark" oder der vom Stararchitekten Norman Foster entworfenen "Canary Wharf" auf der Jubilee Line.

Wie in London, Moskau und Paris sind viele unterirdische Verkehrssysteme eine eigene Sehenswürdigkeit und seit den achtziger Jahren zum Tummelplatz für Architekten, Designer und Künstler geworden. So gilt die Stockholmer Tunnelbana als längste Galerie der Welt. Skulpturen, Grotten, Mosaike, Wasserlilienbrunnen, Gemälde: An der Gestaltung von 90 der 100 Stationen haben etwa 140 Künstler mitgewirkt. Ob Prag, München, Taschkent, Lissabon, Santiago de Chile oder Montréal, in vielen Städten der Welt lohnt ein Bummel in der Unterwelt.

Kein anderes öffentliches Verkehrsmittel gilt als so sicher wie die unterirdischen Züge - und doch können Unfälle und Anschläge auf das Massentransportmittel verheerende Folgen haben. Erst in der vergangenen Woche kam in Rom eine Frau ums Leben, als zwei U-Bahn-Züge kollidierten. 235 Menschen wurden verletzt. Terrorattentate auf die Untergrundsysteme treffen die Großstädte immer mitten ins Herz: Im Februar 2004 starben in Moskau mindestens 40 Menschen, bei den Selbstmordanschlägen in Londoner U-Bahn-Stationen und Bussen im Juli 2005 kamen 56 Menschen um. Doch schon wenige Tage nach den Bombenexplosionen nutzten die Londoner ihre Tube wie zuvor. Zu der U-Bahn gibt es in den Millionenstädten der Welt keine Alternative.

SPIEGEL-ONLINE-Special "Mind the Gap"

SPIEGEL ONLINE stellt die U-Bahnen großer Weltstädte vor. Die Reihe "Mind the Gap" heißt nach dem berühmten Londoner Hinweis beim Ein- und Aussteigen, der vor der Lücke zwischen Bahn und Bahnsteig warnt: "Achten Sie auf den Spalt!"

Unsere Reporter sind in die Londoner Tube abgetaucht ("Kaum eine U-Bahn der Welt ist mehr geliebt"), die Pariser Métro ("Es kann himmlisch sein, doch manchmal ist es die Hölle"), die Moskauer Metro ("Monument der Stalin-Ära"), die Berliner U-Bahn, die New Yorker Subway ("rattenverseucht, morsch, toll") und die Untergrundbahnen von Tokio ("Sauber ist es. Blitzblank"), Montréal ("ein Segen"), Hongkong und Kairo. Ihnen begegneten U-Bahn-Stopfer, Mikroklima-Messer, orientierungslose Touristen, Prostituierte, Mönche, genervte und genießerische Pendler und Bürgermeister.

Steigen Sie ein - aber: Mind the Gap!

Morgen startet die Tour durch die Metro-Städte mit einer Reportage des SPIEGEL-Korrespondenten Uwe Klußmann über die Moskauer Metro, die meistbenutzte U-Bahn der Welt.

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Seite 1
susa27, 24.10.2006
1. mehr Gleichberechtigung im öffentlichen Raum
U-Bahn fahren ist prinzipiell eine gute Sache. Rein - Raus und schnell ankommen (wenn sie denn fahren. Was hier in Berlin nicht immer der Fall ist ;-)). Allerdings finde ich bleibt beim U-Bahn fahren das Erleben der urbanen Umwelt völlig "auf der Strecke". Auch die Orientierung innerhalb einer Stadt ist für mich nur noch sehr bedingt möglich. Deshalb: Wenn es nur irgendwelche (vergleichbaren) überirdischen ÖPNV-Angebote gibt, ziehe ich diese vor. Hinzu kommen auch ökologisch Aspekte, die sicherlich gegen einen weiteren Ausbau sprechen. Zudem wurde die Verlegung Straßenbahn in den Untergrund ja nur zu Gunsten des Autoverkehr vorgenommen - Ein Aspekt der vom Ansatz her m.E. in die völlig falsche Richtung geht: Wenn die Autos besser fahren können -> gibt es mehr Autos -> müssen weitere Verkehrsteilnehmer verbannt werden.... Darüber lohnt es sich mal nachzudenken ;-)
supernicky2006, 24.10.2006
2.
---Zitat von sysop--- U-Bahnen waren einst Symbol der Moderne und der Mobilität, heute gehören Sie weltweit zum städtischen Leben. Wie erleben Sie die internationale U-Bahnen heute? Haben Sie Lieblingsstrecken? Hatten Sie besondere Erlebnisse im urbanen Untergrund? Der Artikel zum Thema: http://www.spiegel.de/reise/metropolen/0,1518,443035,00.html ---Zitatende--- Ich finde die U-Bahnen in London spaßiger als in Paris - wegen der steilen Rolltreppen. Außerdem haben sich die Londoner offenbar etwas dabei gedacht, die Dinger tiefer im Boden zu versenken, weil dann das Geschirr im Schrank obendrüber nicht immer so klappert. Ich fahre gerne U-Bahn, außer in Mailand, weil die Kontrolleure da sich nicht darauf beschränken, einen wegen Schwarzfahrens vorrübergehend zu verhaften, sondern die werden dann auch noch aufdringlich (würg.). Zu den deutschen Strecken fällt mir jetzt grad weder Positives noch Negatives ein.
wolleweis, 24.10.2006
3. Ist das wirklich so?
---Zitat von susa27--- U-Bahn fahren ist prinzipiell eine gute Sache. ---Zitatende--- Stimmt [/QUOTE] Allerdings finde ich bleibt beim U-Bahn fahren das Erleben der urbanen Umwelt völlig "auf der Strecke". [/QUOTE] U-Bahn ist urbane Umwelt - vieleicht sogar mehr "obenrum" [/QUOTE] Zudem wurde die Verlegung Straßenbahn in den Untergrund ja nur zu Gunsten des Autoverkehr vorgenommen - [/QUOTE] Falsch. Die Londoner Tube hat 1863 begonnen. Das Auto war da noch nicht einmal erfunden. [/QUOTE] Ich selbst hab U-Bahn fahren als praktisch, aber nicht noetigerweise als Erlebnis gefunden. Gerade in London ist U-Bahn zwar ganz nett wegen der verschiedenen Dekorationen in den Stationen, aber bei mir bleibt trotzdem ein grundsaetzlich ungutes Gefuehl, denn die Stationen sind weder sauber, oder uebersichtlich und ich fuehle mich nicht unbedingt sicher. Wenigstens haengen zur Zeit deutlich weniger Penner und Bettler dort rum, als es noch in den 80er Jahren der Fall war.
mfeldt, 24.10.2006
4. Kompomißbereite Kontrolleure
Eines der lustigsten U-Bahnerlebniss war sicherlich in Prag, wo wir wegen "Schwarzfahrens" von Kontrolleuren verhaftet wurden - wir hatten nicht gewußt, daß das Umsteigen zwischen den Linien mit einer Karte verboten war. Nach dieser glaubhaften Versicherung zeigten sich die Kontrolleure konzilliant: "Mach ich Kompromiß: Nur einer zahlt!" [von uns beiden]. Da wir aber keine Lokalwährung besaßen (es war 1989) und sich auch in Begleitung der Kontrolleure keine durch legalen Umtausch erlangen ließ, wurde der Kompromiß dahingehend geändert, daß wir garnicht bezahlen mußten... Schön war es auch früher in Ost-Berlin wie auch in Moskauer Bussen und Straßenbahnen, wo die Fahrkarten auf langen Papierrollen zum selberabreißen verfügbar gehalten wurden, wobei man sein Scherflein in eine danebenstehende Kasse des Vertrauens einwarf. Am allerschönsten war es einmal in einem Moskauer Bus, als die Rolle alle war und ein Fahrgaste kommentarlos ein Klappe über den Fenstern öffnete, hinter der sich ein ganzer Vorrat derartiger Fahrkartenrollen befand... m.
susa27, 24.10.2006
5.
[/QUOTE] Falsch. Die Londoner Tube hat 1863 begonnen. Das Auto war da noch nicht einmal erfunden. [/QUOTE] Das mag ja auf London und weitere Einzelfälle zutreffen. Jedoch scheint mir das bei einigen Planern immer noch die Absicht zu erkennen ist, durch die Verlegung der Schienen unter die Erde mehr Platz für den Autoverkehr zu schaffen zu wollen.
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