Von Daniel Sander
Shoreditch hat auch so ein Coolness-Problem, im Verhältnis zu Soho allerdings in entgegengesetzter Richtung. Zu viel. Noch immer ist der Stadtteil im East End das Maß aller Dinge in Sachen Hipness, einst verfallen und verarmt, dann von der Avantgarde zum Kunst- und Designparadies ausgerufen.
Ein Wust an Clubs und Bars ist hier entstanden, für Leute, die sich kreuzbergmäßig Underground fühlen wollten. Heute ist es das Kreuzberg von morgen: durchgentrifiziert. Die Mieten zählen zu den höchsten der Stadt, was bedeutet, dass sie auch zu den höchsten der Welt gehören. Wo andernorts Pop-up-Stores der letzte Schrei sind - Läden die kurz auftauchen, um teure Dinge zu verkaufen -, eröffnete hier vor kurzem das weltweit erste Pop-up-Einkaufszentrum.
Für einen langen, spaßigen Freitagabend braucht man hier viel Geld, aber man zeigt es nicht. Auf den Straßen viele junge Leute in engen T-Shirts, strategisch gelöcherten Leggings, hier und da ein Tweedjackett. In der Commercial Tavern, einem extrem beliebten Pub in einem halbrunden viktorianischen Gebäude ("Wusstest du, dass Tracey Emin um die Ecke wohnt?"), glühen sie für den Abend vor, umgeben von Spiegeln und Hirschgeweihen. Schöne Menschen, die sich sehr anstrengen, gleichzeitig gut gelaunt und cool zu sein.
Dann lieber ins George and Dragon, sehr bunt, eher eine Bar als ein Club, aber die Gäste quetschen sich zum Tanzen in jeden Winkel. Madonna! Dannii Minogue!! Unendliches Glück. Betont geschmacklose Plastik-Deko plus betont geschmackloser Plastik-Pop ergeben, dass sich die eine Hälfte wie Ironie-liebende Hipster fühlen darf und die andere wie ehrliche Spaß-Liebhaber.
Frauen, Männer, alles erlaubt, alle lachen. Eine Wandtafel über dem DJ-Pult gratuliert einem gewissen Omar zur Wahl zum Stricher des Monats. Das Barpersonal ist berühmt für seine Unfähigkeit, und nicht jeder bekommt das, was er bestellt hat. Aber solange es Alkohol ist, beschwert sich niemand. Einfach weitertanzen. Shoreditch vorbei? Hier nicht.
"Traurig, was daraus geworden ist"
Das Joiners Arms ein paar Ecken weiter war bis vor kurzem noch der logische nächste Schritt nach einem Besuch im George and Dragon. Etwas mehr Platz zum Tanzen, Raucherterrasse, gute elektronische Musik und ekstatische Gäste aus der Nachbarschaft. Das war, bevor man angefangen hat, am Wochenende zehn Pfund Eintritt zu verlangen.
"Das haben wir nur gemacht, weil die Schlange draußen zu lang wurde und die Nachbarn dauernd die Polizei gerufen haben", sagt Mitarbeiter Giovanni, aber es glaubt ihm niemand. Der Laden ist immer noch voll, jetzt aber mit Touristen, der Türsteher kann nicht mehr so wählerisch sein, viele stehen eher rum, statt zu tanzen. Yuka aus Tel Aviv findet's trotzdem cool: "Fast wie in Berlin."
"Ja, das Joiners Arms, traurig, was daraus geworden ist", sagt Wayne Shires. "Der totale Ausverkauf. Das merken die Leute sofort." Shires, ein runder Bärentyp mit Jahrzehnten Partyerfahrung, betreibt in der Gegend das East Bloc. Wer sich fragt, wo all die coolen Kinder des Stadtteils geblieben sind: hier. Angelockt von nur fünf Pfund Eintritt, schwarzweißen Wänden im Keith-Haring-Design und den besten DJs der Stadt, zeigen sie hier, wie lange sie tanzen können, oder wenigstens, wie viel Mühe sie sich bei der Auswahl des Party-Outfits gegeben haben.
Glitzerkragen, gekonnt verschmierter blauer Lidschatten, spitze Hüte. Wer sich nicht kostümiert hat, sieht aus wie aus dem Bett gerollt. Zusammen feiern sie selig durch die Nacht. Trotz der Hipness ein gelöstes Beisammensein. Lächeln. Niemand steht stumm in der Ecke und versucht, cool auszusehen. Man weiß, dass man es ist.
"Klar, insgeheim bewundert jeder hier Berlin. Aber ich bezweifle, dass man dort so etwas findet wie uns", sagt Shires. "Die Läden in Shoreditch verstehen sich teilweise als eine Familie. Das George and Dragon ist wie eine Schwester für uns. Und, na ja, das Joiners Arms ist wie der Cousin mit dem Inzuchtproblem."
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