Von Daniel Sander
"Besser als das East Bloc kriegt es im Moment kaum jemand hin", sagt Jim Warboy, ein Londoner DJ. Er steht aber gerade nicht im East Bloc, sondern im Egg, einem großen Feiertempel im Stadtteil King's Cross. 1000 Leute passen rein, vielleicht 300 sind in dieser Nacht von Freitag auf Samstag um vier Uhr morgens da.
Eine Fabrikhalle, die in eine Tanzerlebniswelt mit vier Räumen umgewandelt wurde, ein schöner Club eigentlich. In Partystimmung kommt man hier aber nur mühsam. Am Eingang steht ein Metalldetektor, und überall warten finster blickende Security-Männer darauf, dass die Besoffensten unter den Gästen aufeinander losgehen. Jungs in Polohemden und Mädchen in engen Paillettenkleidern. "Vorstadtpublikum" nennen das die Londoner unfreundlich, kaum ein East Ender würde sich hier sehen lassen.
Das gleiche Problem hat das Fabric, ein viel gerühmter, labyrinthischer Riesenclub, der von der Architektur und der kompromisslosen Techno-Musik her dem Berghain am nächsten kommt, aber auch vor allem Polohemden anzieht. "Die großen Läden haben es in der Stadt im Moment schwer", sagt Warboy. "Alle wollen es klein und exklusiv, ohne die vielen Sicherheitsleute. Dafür kann man dort dann von lauter obercoolen Angebern umgeben sein." Das Egg renoviert gerade, zum neunten Geburtstag des Clubs im Mai soll alles ein bisschen schicker aussehen. Motto der Geburtstagsparty: "Berlin, Berlin".
Löcher-T-Shirts und Tweed
Samstagnacht im Dalston Superstore, in Spuckweite vom Vogue Fabrics. Tagsüber Café, Galerie und Künstlertreff, abends der begehrteste Club der Stadt. Die Macher haben öffentlich betont, ihr Konzept nach Berliner Vorbildern entworfen zu haben. Das wirkt. Etwa 200 Leute passen rein, drin sind ein paar mehr, noch mal so viele warten vor der Tür. Jeder will hier sein. Oben an der Bar Biertrinken, Drängeln und Outfit-Vergleichen.
Wieder viele Leggings, Löcher-T-Shirts, wieder jemand in Tweed. Im Keller Engtanz zu Elektrobässen. Auf der Raucherterrasse stehen viele Nichtraucher, denn von dort aus kann man triumphierende Blicke auf die Leute werfen, die vom Türsteher abgewiesen werden. Es sind einige von den obercoolen Angebern hier, von denen Jim Warboy am Abend vorher sprach. Warboy ist allerdings auch da und tanzt unten mit ein paar Freunden. "Was soll's, ich liebe es hier", sagt er.
Draußen stehen Polizeiwagen, einem jungen Mann wurde auf der Straße die Brieftasche weggerissen. Die Gegend ist fast so teuer geworden wie Shoreditch nebenan, aber die Kriminalität ist immer noch ein Problem. "Und ich sage den Leuten immer wieder: Ihr müsst euer Geld hier tiiiief in den Taschen verstecken", seufzt Linda. Sie lebt seit 22 Jahren im Viertel, die letzten paar davon draußen neben dem Geldautomaten einer Supermarktfassade. "Die Miete ist mir ein kleines bisschen zu hoch geworden."
"Das hier ist immerhin London"
Und die beste Party? Ist immer da, wo London eben nicht versucht, wie Berlin zu sein. Zum Beispiel bei Duckie, samstags weit weg vom East End in Vauxhall, südlich der Themse. Amy Lamé, eine beschwingte Lesbe mit schwarzer Hochsteckfrisur, einem "FAT!"-Button auf dem gelben Jackett, organisiert die Duckie-Party seit über 16 Jahren in der Royal Vauxhall Tavern. Musik von elektronisch über Achtziger-Jahre-Peinlich bis alternativ. Ständig Morrissey, weil Lamé von ihm besessen ist.
Alle tanzen. Das Publikum rührt sich zu gleichen Teilen aus Homos und Heteros, Löcher-Shirts und Karohemden, aufgetakelt und Mir-doch-Egal zusammen. Etwa 350 Menschen mit der Mission Spaß. Zwischendurch gibt es auf der Bühne "experimentelle Performance-Kunst" zu sehen. "Gelegentlich auch mal eine Drag Queen", sagt Lamé. "Aber nur, wenn sie experimentell genug ist!"
Ja, auch sie sei ein paarmal in Berlin gewesen. "Ist ja auch ganz schön und kreativ und günstig und so", sagt sie. "Aber ich finde es traurig, wie das ganze East End versucht, so wie die zu sein. Meine Güte, das hier ist immerhin London! Wir haben es nicht nötig, jemanden zu imitieren."
Es sei doch gut, dass es beides gebe, Berlin und London, beides auf seine Art fabelhaft. Paris aber, das sei ja wirklich so was von vorbei.
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