Nachtleben in Zürich Im Westen nur Neues

Von Michèle Roten

2. Teil: "Die Subkultur ist in Zürich so sub gar nicht"


Der Chef des "Happy Beck", Yakup Aydin, arbeitet bis zum Umfallen. Nachts die Clubbewohner, morgens die Quartierbewohner. Er ist in der Schweiz aufgewachsen, ging dann zurück in die Türkei, wo seine Familie eine Bäckerei namens "Zurih" eröffnete, mittlerweile gibt es davon drei Filialen. Aydin kam der Liebe wegen zurück nach Zürich und eröffnete vor eineinhalb Jahren den "Happy Beck".

Beraten wird der Familienbetrieb vom vielleicht berühmtesten Konditor der Schweiz nach DJ Bobo: Alfredo Lardelli, neuerdings Alfredo Borgatte dos Santos, eine schillernde Figur des Milieus. Der wegen dreifachen Mordes Verurteilte hat eine langjährige Haftstrafe abgesessen. Im Gefängnis machte er eine Ausbildung zum Konditor und fungiert so jetzt als Produktmanager der Bäckerei. Im Betrieb nennt man ihn "Papi".

Gleich gegenüber des "Happy Beck" liegt die Pforte zur "Zukunft", so heißt einer der momentan beliebtesten Elektroclubs der Stadt. Anfangs noch ein Geheimtipp der urbanen Avantgarde, wurde er schnell vom Plebs aus den Vorstädten entdeckt, was dazu führte, dass "geheime Parties" eingeführt wurden, von denen nur Auserwählte via SMS erfahren. Man will ja manchmal auch unter sich sein. Zusätzlich gibt es äußerst begehrte gravierte Fingerringe für einige Wenige, sie garantieren Eintritt und Preisnachlass.

Trotzdem oder gerade wegen dieser offenherzigen Arroganz platzt der Laden jedes Wochenende aus allen Nähten, vor allem kommen Mitglieder des mehr geduldeten als erwünschten Publikums – junge Männern mit Gel in den Haaren und engen T-Shirts, darauf Prints von englischen Wörtern mit mindestens einem "x" drin, junge Frauen mit engen weißen Stoffhosen, unter denen sich der String abzeichnet, und superspitzen Schuhen, diesem internationalen Prollausweis.

Durchmischung im Schnupf

Wieder draußen: Eine magere Drogensüchtige ist mit ihrem Kickbike gestürzt, direkt vor dem Longstreet. Ein paar modische Frauen helfen ihr aufzustehen und ernten einen pestigen Zusammenschiss. Sie gehen erschrocken weiter und reden davon, in den "Schnupf" zu gehen, eine Spelunke, in die sich noch vor kurzer Zeit nie jemand reingetraut hätte, der nicht schon seit Jahrzehnten sein erstes Bier am Morgen dort trinkt – jetzt ist es in der Szene cool geworden, die Rückzugsorte sozial Aussortierter zu frequentieren. Durchmischung, auch hier. Durchmischung allüberall.

Nicht weit von hier, an der Eisenbahnlinie im nahen Industriequartier, war der Startpunkt eines ebenfalls sehr durchmischten Umzugs, wie ihn Zürich trotz Street-Parade-Abgebrühtheit noch nie gesehen hatte: Unter dem Motto "Reclaim the Streets" organisierte die alternativkünstlerische Szene 2003 ein Fest in Zürichs Straßen, etwa 3000 Menschen feierten mit und versuchten die gegenläufigen Anstrengungen der Polizei so gut es ging zu ignorieren.

2005 errichteten Initianten aus dem gleichen Umfeld eine Bretterstadt an der Sihl, gleich bei der Börse. Es sollte eine Demonstration sein gegen die Unterdrückung der Subkultur, gegen die Ausgrenzung missliebiger Personen und gegen mangelnde Freiräume für nichtkonsumorientierte Aktivitäten – und es war ein vier Tage dauernder Riesenspaß. Für die ganze Familie, sozusagen.

Hamam im Modeshop

Die Subkultur ist in Zürich so sub gar nicht, und das ist gut so, es rettet die City vor dem Antiseptischen. Seit vielen Jahren schon schaffen es die jungen und schon älteren Wilden immer wieder, die Zwinglistadt in ihren Grundfestungen zu erschüttern und zu persiflieren. Da werden leer stehende Universitätsgebäude besetzt und zu öffentlich zugänglichen Museen, Clubs, Cafés, Künstlerateliers gemacht.

Immer mal wieder geht das Gerücht von neuen "Zwischennutzungen", halblegalen Besetzungen, oft zwischen Räumung und Abriss eines Hauses. Die sind heutzutage meist am Stadtrand, und Interessierte pilgern hin, erzählen danach von den tollsten Parties. Ganz nebenbei werden so neue Gebiete erschlossen, immer, wenn wieder ein Haus besetzt war, tut sich nachher etwas in dem Quartier, es wird lebendiger, urbaner.

Die Bewegung um die alternative Kunstszene zeigt sich auch in der Langstrasse, und zwar in einer avantgardistischen Galerie namens "Perla-Mode", ein paar Schritte von jenem Platz entfernt, von dem aus sich so viele Fäden ins andere Zürich spinnen lassen. Das ist allerdings auch nur eine "Zwischennutzung" – in ein oder zwei Jahren soll dort ein Hamam entstehen, munkelt man. Ein Hamam an der Langstrasse. Das klingt jetzt noch so abwegig wie vor zwei Jahren "echte Louis-Vuitton-Taschen an der Langstrasse".

Aus Merian 06/2008 "Zürich"



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.