Neapel Das Lied der Straße

Neapel ist von jeher eine musikalische Stadt, und die "canzone napoletana" gehört zu ihrer Identität wie die Pizza. Warum gibt es hier so viele gute Sänger und Bands? Einem Lebensgefühl auf der Tonspur.


Neapel, Heimat der Neomelodici: "Unsere Botschaft ist die Liebe"
GMS

Neapel, Heimat der Neomelodici: "Unsere Botschaft ist die Liebe"

"Und jetzt habt ihr lange genug gewartet! Hier ist er!" Die Band spielt einen Tusch, Scheinwerfer lassen die Bühne rot aufglühen, und im Kreischen der Fans tritt ein stämmiger Mann im schwarzen Seidenhemd ans Mikrofon, das schulterlange Haar nach hinten gegelt wie ein Torero: "Nico Desideri!"

"Rette meine Seele!" Ein Mädchen stürzt an mir vorbei und schleudert eine Hand voll weiße Lilienblüten auf die Bühne. "Salvami l'anima! Rette meine Seele!" Blütenregen, Kreischen, ausgestreckte Hände. "Va bene", haucht Nico ins Mikrofon, und schon schwebt seine Stimme über einer sanften Popmelodie: "Salvami, Salvami l'anima".

Jeder hier auf der Piazza von Caserta, einer Kleinstadt 20 Autominuten nördlich von Neapel, scheint dieses Lied zu kennen. Eine Hausfrau in Strickjacke, Einkaufstaschen an den Handgelenken, singt ebenso mit wie die grell geschminkten Mädchen in Schlaghosen und Trägerhemdchen am Bühnenrand oder die Jungs in dunklen Jeansjacken, die neben ihren Motorrollern stehen wie Bodyguards.

Nico Desideri ist der Lokalmatador von Caserta - und Teil eines neapolitanischen Phänomens: "Neomelodici" werden Sänger wie er genannt, seit Anfang der Neunziger ist ihr Stil ein Begriff. Die "neuen Melodischen" sind Helden aus der Nachbarschaft, Stars zum Anfassen. Sie treten bei Hochzeiten, Erstkommunionsfeiern und Piazza-Festen auf, und fast immer singen sie auf Neapolitanisch. Der weiche Dialekt, der eher portugiesisch als italienisch klingt, gilt hier nicht als Mundart, sondern als eigene Sprache.

Manchmal erinnert das leidenschaftliche Tremolo der Sänger aber auch an den Gesang eines Muezzin. "Schließ die Augen, und du glaubst, du bist im Maghreb", beschreibt Nicos Manager Pasquale Morelli die Musik der Neomelodici. Wovon die Bands singen? Der Manager lächelt, wobei die Drähte seiner Zahnspange aufblitzen: "Unsere Botschaft ist die Liebe."

Als Neomelodici zu Geld und Ruhm

Die Neomelodici stehen in einer langen Tradition. Neapel ist von jeher eine musikalische Stadt, und die canzone napoletana, weltberühmt durch "O sole mio", gehört zu ihrer Identität wie die Pizza. Der 90-jährige Altstar Roberto Murolo etwa, der in 70 Karrierejahren 800 Lieder aufnahm, erfährt noch heute höchste Verehrung. 4000 Neomelodici soll es in Neapel mittlerweile geben. Meist sind sie in den ärmsten Stadtteilen zu Hause: den vergammelnden Hochhäusern Secondiglianos, den Gassen von Sanità, den Quartieri Spagnoli.

Vorstadt von Neapel: Viele der neapolitanischen Sänger kommen aus den ärmsten Stadtteilen
AP

Vorstadt von Neapel: Viele der neapolitanischen Sänger kommen aus den ärmsten Stadtteilen

"In den USA hoffen die Schwarzen aus den Gettos auf eine Sportkarriere. Hier versuchen die armen Jungen, als Neomelodico zu Geld und Ruhm zu kommen", sagt Ugo Molinari, Redakteur des Radiosenders Radio Zeta. Er zeigt auf das Foto eines blassen Teenagers, das über seinem Schreibtisch hängt: "Nino D'Angelo, der erste Neomelodico".

D'Angelo (nicht zu verwechseln mit dem Deutsch-Italiener Nino de Angelo) wurde an der neapolitanischen Peripherie geboren. Schon als Kind arbeitete er in einer Bar und sang auf Hochzeiten. Bei seiner ersten Single klebte er selbst die Papieretiketten aufs Vinyl, seine Mutter rührte den Leim an. Das Lied "Lo scippo" (Der Handtaschenraub) konnte in Neapel bald jedes Kind mitsingen. 1986 schließlich trat D'Angelo beim Musikfestival von San Remo auf, das jeder dritte Italiener im Fernsehen verfolgt. Der Junge aus dem Getto hatte den Sprung auf die große Bühne geschafft.

Familie Letizia setzte ihr Geld auf das Gesangstalent ihres Sohnes

Davon träumt Rico Letizia. Er ist 15, hat dunkelblondes Haar und blaue Augen, ein hübscher Junge. Mit seiner Mutter, die bei McDonald's arbeitet, und der zwanzigköpfigen Verwandtschaft lebt er im Stadtteil Borgo. Das Viertel ist in vielen Reiseführern nicht einmal verzeichnet - zu viel Armut, zu wenig Sehenswürdigkeiten. Ein feines Netz aus Straßen und kurzen Gässchen, die sich nach wenigen Metern wieder verzweigen.

Die Letizias wohnen in einem Hinterhofhaus. Drei steile Treppen führen hinauf zu Ricos Kinderzimmer - eine Sieben-Quadratmeter-Kammer, die gleichzeitig als Küche dient. Es riecht nach Spülmittel und Kartoffelwasser. Rico kramt eine CD hervor; auf der abgegriffenen Klarsichthülle steht in windschiefer Kinderschrift: "Carezze napoletane", neapolitanische Zärtlichkeiten. "Meine erste CD."

Enge Gassen und viel Verkehr: "Die neapolitanische Lebensfreude ist nur eine Seite der Medaille"
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Enge Gassen und viel Verkehr: "Die neapolitanische Lebensfreude ist nur eine Seite der Medaille"

Rico war neun, als die Letizias ihr Erspartes, 1000 Euro, auf sein Gesangstalent setzten. 500 CDs ließ die Familie pressen, verteilte sie an Radiosender und Plattenläden. Elf Lieder, "alle handeln von der Liebe" - Rico streicht sich gespielt theatralisch eine Locke aus der Stirn und macht einen Kussmund. Dann wird er ernst: Ein Lied, sagt er, erzähle von seinem Vater. Der hat die Familie verlassen, als Rico noch ein Baby war.

Auch ein Musikvideo von Rico bezahlten die Verwandten, um seine Karriere zu starten. So machen es viele Neomelodici. Die Videos laufen auf lokalen Fernsehsendern, mit einer Telefonnummer, unter der man den Sänger buchen kann. Doch die Sender wollen für diese Werbung mehr Geld als die Letizias haben, und nach wenigen Wochen war Ricos Gesicht wieder vom Bildschirm verschwunden. Heute singt er alle vier, fünf Tage auf Hochzeiten, für 100 Euro pro Abend.

100 Euro - so viel verdient Rico als Verkäufer auf dem Markt von Vomero in einer Woche. Morgens um halb neun ist hier noch nicht viel los. Rico lungert zwischen den Tapeziertischen mit Babykleidung herum, faltet und entfaltet immer wieder das gleiche Paar Strampelhosen. Noch sechs Stunden bis Feierabend. Vielleicht hat ja inzwischen jemand angerufen und ihn für eine Feier gebucht. Das könnte auch ein Fest der Camorra sein, so, wie die Produzenten der Neomelodici manchmal lokale Mafiosi sind - wer die Stadtviertel kennt, aus denen die Musiker kommen, den wundert das nicht. Als von einem der erfolgreichsten Neomelodici, Gigi D'Alessio, ein Foto auftauchte, das ihn auf so einer Feier von camorristi zeigte, war das natürlich trotzdem eine große Geschichte.



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