Neues Terminal in Singapur Brauerei hinter dem Check-in

Wasserfälle rauschen - und frisch gebrautes Bier zischt: Der neue Terminal auf dem Singapurer Flughafen ist eine Welt für sich. Eine Brauerei wirkt im Sicherheitsbereich, unter Palmen surft es sich gut im Internet, und Raucher dürfen sich in Gärtchen zurückziehen.

Von Michael Lenz


Der Lebensmittel-Discounter Aldi verkauft Flugreisen nach Australien. Das hat einiges Stirnrunzeln und Kopfschütteln in Deutschland hervorgerufen. In Singapur hat heute eine ganz Shoppingmall eröffnet, die ihren eigenen Flughafen hat. T 3 heißt das Einkaufsparadies, in dem für jeden Geldbeutel etwas zu haben ist. Ein kleines Souvenir aus Plastik für ein paar Singapur-Dollar? Kein Problem.

Betuchtere zücken die Platinkreditkarte, um beim Luxushersteller Bulgari Juwelen für ein paar zehntausend Dollar zu erstehen. Man gönnt sich ja sonst nichts. Außer vielleicht einen Flug nach Sydney in der Privatsuite des neuen Superairbus A 380. Das wäre vom T 3 aus auch kein Problem. Acht der 28 neuen Flugsteige können den Superairbus A380 abfertigen.

Das Kürzel T 3 steht für die neue Abfertigungshalle Terminal 3 von Singapurs Flughafen Changi, die heute mit Trara und Prominenz eingeweiht wurde. Gleich zwei Minister schüttelten um 12.20 Uhr Ortszeit verdutzten Passagieren des Singapore Airline Fluges SQ 001 aus San Francisco die Hände, eine chinesische Löwentanzgruppe führt zu mächtigen Trommelschlägen einen glücksbringenden Tanz auf.

Hübsche Asiatinnen in engen schwarzen Kleidchen hängen übermüdeten Passagieren Girlanden aus lila Orchideen um, eine Hundertschaft Fotografen und Kameramänner hält den historischen Augenblick im Bild fest. Julia, eine in Singapur studierende Italienerin aus den USA, reagiert auf den Rummel ein wenig genervt. "Das ist alles sehr überraschend. Ich war darauf nicht vorbereitet."

Nie zu dunkel, nie zu hell

Dafür erleben die Passagiere des Fluges SQ 001 als Erste die volle Herrlichkeit des neuen gläsernen Terminals, das so groß ist wie 63 Fußballfelder und 1,75 Milliarden Singapur-Dollar (830 Millionen Euro) gekostet hat. Alles ist weit, großzügig, hell, freundlich und dank der raffinierten Dachkonstruktion der österreichischen Firma Bartenbach LichtLabor von Tageslicht durchflutet. Über 900 bewegliche Paneele passen die Lichtverhältnisse dem Tageslicht an, so dass es nie zu hell, nie zu dunkel, sondern immer gerade richtig ist. Die Gäste des T 3 sollen sich schließlich wohl fühlen. "Flughäfen werden in Zukunft mehr als nur ein Ort sein, an dem man ein Flugzeug nimmt", sagt Frau Lim Peck Hoon von dem Flughafenbetreiberunternehmen Civil Aviation Authority Singapore (CAAS). Der Flughafen selbst wird zu einer Destination.

Schon in Changis Terminals 1 und 2 wurde Wellness großgeschrieben. Das Wohlfühlelement aber wird in T 3 auf eine neue Ebene gehoben. Man sitzt sich in der Abflughalle nicht mehr auf unbequemen Plastikstühlen den Hintern platt, sondern lümmelt in bequemen Sesseln - geradeso wie in der Lobby eines Fünf-Sterne-Hotels. Unter echten Palmen kann man sich mit einem der vielen Computer die Zeit durch kostenloses Surfen im Internet vertreiben. Selbst Raucher werden mit Respekt behandelt: Statt sie in kleine, hässliche, schmucklose Zimmer zu sperren, können sie ihre Zigaretten in hübschen kleinen, zum Teil überdachten Gärtchen genießen.

Zudem ist T 3 ist ein Spiegelbild der vielfältigen Restaurant- und Barkultur Singapurs. Die CAAS hat angesagte gastronomische Einrichtungen der Stadt gebeten, hier Filialen zu eröffnen. Darunter ist das "Brewerkz", Singapurs älteste Gasthausbrauerei. Auf der ersten Etage haben Brewerkz-Chef Devin Otto Kimble und Braumeister Scott Robertson kupferne Brau- und Sudkessel installiert und eine coole moderne Bar eingerichtet, in der das selbst gebraute Bier ausgeschenkt wird. "Wir sind wahrscheinlich die einzige Mikrobrauerei der Welt, die in einem Flughafen innerhalb des Sicherheitsbereichs vor Ort ihr Bier braut", sagt Kimble.

Meister des Wegelagererprinzips

Längst beschränken sich Flughäfen in aller Welt nicht mehr nur auf ihr ursprüngliches Geschäft, Flugzeuge starten und landen zu lassen. Heutzutage winkt dem Flughafen viel Profit, der es nach dem Wegelagererprinzip schafft, möglichst viele Passagiere zu einem möglichst langen Zwischenaufenthalt in seiner Stadt oder seinem Land zu bewegen. Singapur hat es in der Disziplin zu einer Meisterschaft gebracht. Die CAAS verdient bereits 60 Prozent ihres Einkommens mit Geschäften, die mit Aeronautik nichts zu tun haben. "Der Wettbewerb zwischen den Flughäfen wird immer härter", sagt Lim Kim Choon, Generaldirektor der CAAS.

Der lange als Nachtwächterstaat verrufene Stadtstaat selber hat sich in den letzten fünf, sechs Jahren zu einem Hotspot des asiatischen Nachtlebens entwickelt. Im vergangenen Jahr kamen mehr als zehn Millionen Besucher (darunter 152.000 aus Deutschland), mehr als je zuvor. Singapur-Reisende bleiben im Schnitt nur 3,67 Tage und geben umgerechnet 5,9 Milliarden Euro (2006) aus. Bis 2015 strebt Singapur die Zahl von 15 Millionen Besuchern an.

In Ermangelung typischer Touristenattraktionen wie exotische Traumstrände, unberührte Tropenwälder, seltene Tiere oder antike Tempel musste sich Singapur neu erfinden. Im September diesen Jahres werden erstmalig die Formel-1-Boliden zum Großen Preis von Singapur durch die Stadt röhren und ab Ende des Jahrzehnts sollen zwei Megakasinos, etwas verschämt "Integrierte Resorts" genannt, der chinesischen Kasinohochburg Macao Konkurrenz machen.

Gerüstet für harte Konkurrenz

Über mangelnde Kundschaft werden sich die Bierbrauer in T 3 kaum sorgen müssen. Fünf Airlines sind bereits in den neuen Terminal umgezogen und bringen schon jetzt etwa eine Million Menschen pro Monat in den Glaspalast. Darunter ist die Singapore Airlines, die von dem neuen Terminal nach Europa, Australien und in die USA fliegt. Weitere Fluggesellschaften wie die Lufthansa tragen sich noch mit dem Gedanken, umzusiedeln.

Mit der zusätzlichen Kapazität von 22 Millionen Passagieren im dritten Terminal kann Changi nun 70 Millionen Fluggäste pro Jahr abfertigen. Damit ist Luftverkehrskreuz zwischen Europa, Australien und Ostasien für die Zukunft gut gerüstet, um auf dem heiß umkämpften Markt zu bestehen. Mit zweistelligen Zuwachsraten im Flugverkehr ist die asiatisch-pazifische Region eine Goldgrube für Airlines und Airports.



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Seite 1
Hanno, 07.01.2008
1.
Ich reise sehr viel in Europa und Nord- und Mittelamerika. Fliegen ist generell ein Horror geworden. Die Sicherheits-Spinnerei hat in der Tat zu katastrophalen Verhaeltnissen auf fast allen internationalen Flughaefen gefuehrt. Dazu kommt, dass die meisten ganz offensichtlich den gewachsenen Passagierzahlen in keiner Weise gefolgt sind. Frankfurt (war ich gerade gestern) ist seit Jahren eine Baustelle; man weiss nie, wie's morgen aussieht. Eine Frechheit ist besonders, dass man dafuer ja horrende Gebuehren bezahlt! Man stelle sich vor, dass die Bahn fuer die Benutzung der Bahnhoefe zusaetzlich zur Fahrkarte auch noch Gebuehren verlangt! Leider muss man auch den Eindruck haben, dass das Personal auf den Airports weder besonders fleissig, noch besonders kompetent, noch kundenorientiert ist. Wenn man schlechte Laune bekommen will, sollte man fliegen!
Reziprozität 07.01.2008
2.
Zitat von HannoIch reise sehr viel in Europa und Nord- und Mittelamerika. Fliegen ist generell ein Horror geworden. Die Sicherheits-Spinnerei hat in der Tat zu katastrophalen Verhaeltnissen auf fast allen internationalen Flughaefen gefuehrt. Dazu kommt, dass die meisten ganz offensichtlich den gewachsenen Passagierzahlen in keiner Weise gefolgt sind. Frankfurt (war ich gerade gestern) ist seit Jahren eine Baustelle; man weiss nie, wie's morgen aussieht. Eine Frechheit ist besonders, dass man dafuer ja horrende Gebuehren bezahlt! Man stelle sich vor, dass die Bahn fuer die Benutzung der Bahnhoefe zusaetzlich zur Fahrkarte auch noch Gebuehren verlangt! Leider muss man auch den Eindruck haben, dass das Personal auf den Airports weder besonders fleissig, noch besonders kompetent, noch kundenorientiert ist. Wenn man schlechte Laune bekommen will, sollte man fliegen!
Da ist Einiges dran. Wohltuend hebt sich davon meiner (voellig unmassgeblichen) Erfahrung nach der Airport Zürich-Kloten, im Speziellen das Terminal E davon ab. Grosszügiges Platzangebot, entspanntes Warten moeglich, seit Neuestem hat es für "gestresste" Eltern einen Children's Playground im Obergeschoss. Vorbildlich!
kowalim 07.01.2008
3.
Zitat von ReziprozitätDa ist Einiges dran. Wohltuend hebt sich davon meiner (voellig unmassgeblichen) Erfahrung nach der Airport Zürich-Kloten, im Speziellen das Terminal E davon ab. Grosszügiges Platzangebot, entspanntes Warten moeglich, seit Neuestem hat es für "gestresste" Eltern einen Children's Playground im Obergeschoss. Vorbildlich!
Durfte letzte Woche mal wieder Berlin-Tempelhof nutzen: Herrlich. Und eine Schande, dass er wohl bald geschlossen wird. Und am gesamten Brüsseler Airport darf man NIRGENDS rauchen. Das macht längere Aufenthalte wirklich unangenehm. An einem so großen Airport hätte man doch irgendwo eine kleine, abgetrennte Raucherzone einrichten können. Auch sehr angenehm: Berlin-Tegel, der Flughafen der kurzen Wege, und Bilbao, aus demselben Grund plus tolle Architektur.
klausotto 07.01.2008
4. München
Wieso fehlt eigentlich München? Wer diesen Flughafen als Umsteiger benutzen muß, kann ein Lied davon singen. Chaos auf Treppen und Gängen, zu wenig Sitzplätze, zu wenig Toiletten, miserabler Service.
Reziprozität 07.01.2008
5.
Zitat von kowalimDurfte letzte Woche mal wieder Berlin-Tempelhof nutzen: Herrlich. Und eine Schande, dass er wohl bald geschlossen wird. Und am gesamten Brüsseler Airport darf man NIRGENDS rauchen. Das macht längere Aufenthalte wirklich unangenehm. An einem so großen Airport hätte man doch irgendwo eine kleine, abgetrennte Raucherzone einrichten können. Auch sehr angenehm: Berlin-Tegel, der Flughafen der kurzen Wege, und Bilbao, aus demselben Grund plus tolle Architektur.
Sie sagen es! Ein unvergleichliches Gefuehl zur Landung den Leuten in der Leinestrasse beim Kaffeetrinken zuzuschauen... ;-)
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