Schlafzelle in New York Knasterfahrung für einen Dollar

Ein Künstler in New York bietet eine Gefängniszelle als Unterkunft an - für einen Dollar pro Nacht. Wer hier unterkommt, wird per Webcam beobachtet und muss sich an strenge Regeln halten. Wer bucht so etwas?

Eva Peigne

Von Eva Peigné, New York


Robert Sidtis trinkt sein Bier auf ex. Er ist nervös. Dann atmet er tief durch, betritt die Gefängniszelle und sagt: "Okay, ich ziehe das jetzt durch." Es ist neun Uhr morgens und das erste Mal, dass Robert sich Mut antrinken muss, bevor er in eine Unterkunft eincheckt.

Die nächsten Tage wird er zumindest teilweise in einer 2,40 Meter langen und 1,80 Meter breiten Zelle verbringen - mit einer Pritsche, einem Stuhl, einem Waschbecken, einem Spiegel und einer Toilette. Das Besondere: Das Ganze hat der aus China stammende Künstler Miao Jiaxin im Dachgeschoss seines Hauses im New Yorker Stadtteil Brooklyn installiert. Es ist ein Käfig in einem Zimmer, mit einem kleinen Badezimmer direkt nebenan. Touristen und alle, die Lust haben, können hier billig übernachten: für einen Dollar pro Nacht. Gebucht wird über Facebook.

Es ist auch das erste Mal für Robert, dass er sich freiwillig einsperren lässt. Dafür hat sich der 27-jährige IT-Spezialist aus New York sogar extra Urlaub genommen. "Natürlich ist der Preis reizvoll", sagt Robert. "Aber mir geht es vor allem um eine Erfahrung, die ich sonst nicht machen kann. Außerdem will ich sehen, wie es ist, wenn man keine Privatsphäre hat."

Nicht reden, nicht lesen, nicht turnen

Jeder Gefängnisinsasse wird nämlich gefilmt, während er in der Zelle sitzt. Das Ganze wird dann live im Internet übertragen. Die Unterkunft ist noch mit weiteren Auflagen verbunden: Gäste müssen die Zelle für mindestens zwei Nächte buchen. Und sie müssen die Regeln des Gastgebers befolgen: Neben dem Übernachten hinter Gittern müssen sie jeden Vormittag von 9 bis 12 Uhr in der Zelle verbringen.

Und zwar ohne Internet, ohne elektronische Geräte, ohne Instrumente oder andere Dinge, die sie ablenken könnten. Außerdem dürfen sie in der Zeit auch nicht sprechen, lesen, Sport oder Yoga machen und auch nicht schlafen. Wer sich nicht an die Regeln hält, muss 100 Dollar Strafe zahlen.

Robert hat sich vorher keine Gedanken darüber gemacht, was er in der Zelle machen wird. Jetzt steht für ihn fest: Hauptsache, nicht nur rumsitzen. Sein Blick fällt aufs Klopapier. Und ein paar Minuten später hat er eine Rolle kreuz und quer durch die Zelle gespannt. Aus der anderen bastelt er Dutzende Papiermännchen. Die stellt er überall in der Zelle auf und schießt sie mit Papierkugeln ab.

Eine Etage unter der Zelle sitzt der Gastgeber in seinem Zimmer und schaut sich das Ganze konzentriert im Internet an. Für ihn ist die Unterkunft zum symbolischen Dumpingpreis Teil seines Kunstprojekts. "New York ist der schnellste Ort, den ich kenne. Deswegen will ich dazu animieren, bewusst Zeit zu verschwenden - und aus dem klassischen Touristenprogramm oder der eigenen Routine auszubrechen", sagt er.

Mit dem Experiment will Jiaxin auch zeigen, dass viele Menschen im Großstadtdschungel oft nebeneinander leben, ohne sich zu kennen - wie in einem Käfig, meint er.

Robert hat mittlerweile aus Bettlaken und Matratze eine Art Fort gebaut, hinter dem er sich etwas verstecken kann. Dann setzt er sich auf den Stuhl und jongliert mit seinen Flipflops. Etwa eine Stunde muss er heute noch absitzen, bevor er auf die Dachterrasse kann. Die gehört zum Unterkunftsangebot dazu. Außerhalb der Sperrzeiten können sich die Gäste hier frei bewegen.

Das Problem Toilette

New York ist weltweiter Spitzenreiter bei Hotelpreisen, im Durchschnitt kostet ein Zimmer laut dem Hotelbuchungsportal HRS 187 Euro. Auch Privatunterkünfte werden immer teurer. Die Studentin Camila Flores, 21, aus Chile hat auch der Dumpingpreis gereizt: "Gerade in New York ist das ja wie geschenkt. Zwischen 9 und 12 Uhr macht man meistens eh nicht viel als Tourist, da kann man sich auch einsperren lassen und ordentlich Geld sparen. Und ich hatte Zeit, mich mit mir selbst auseinanderzusetzen."

Im Gegensatz zu Robert hat Camila in ihren "Sperrzeiten" hauptsächlich herumgesessen und nachgedacht. Unangenehm wurde es an einem Tag, als sie dringend auf Toilette musste, aber dies nicht vor den Kameras tun wollte. "Du weißt ja nicht, wer da gerade zuguckt. Es war hart, aber ich habe abgewartet, bis ich raus konnte, und bin dann sofort auf Toilette gestürmt." Ihr Fazit: "Man zahlt letztlich mit seiner Zeit und der Aufgabe der Privatsphäre." Gelohnt habe sich der Aufenthalt aber.

SPIEGEL ONLINE
Die Resonanz auf die ungewöhnliche Unterkunft ist groß, für die nächsten Wochen ist die Zelle ausgebucht. Ab November gibt es wieder freie Plätze. Nicht nur Touristen aus der ganzen Welt kommen her. Selbst Gäste aus New York hat der Künstler. Trotz des Schnäppchenpreises stellt Jiaxin erstaunt fest: "Die meisten kommen nicht her, weil es so billig ist. Sondern weil sie diese Erfahrung machen wollen."

Nach eigenen Angaben ist Jiaxin der erste Künstler, der Airbnb als Kunstplattform nutzen wollte. Airbnb, dem Branchenriesen für Privatunterkünfte, gefiel das nicht. Zwölf Stunden nachdem Jiaxin sein spezielles Übernachtungsangebot auf die Vermittlungsplattform gestellt hatte, wurde er als Gastgeber von der Seite verbannt. "Die haben mir gesagt, ich würde nur ein Spiel spielen und keine Geschäft damit machen wollen", sagt Jiaxin.

Tief durchatmen nach der Einsperrzeit

Robert hat mittlerweile alle 60 Gitterstäbe rauf und runter gezählt, Grimassen vor dem Spiegel geschnitten und nutzt die letzten Minuten dazu, durch die Zelle zu tanzen. Punkt 12 Uhr darf er raus. Was er jetzt fühlt? "Erleichterung und totale Erfrischung." Schnell läuft er die paar Schritte auf die Terrasse und atmet tief durch.

Schließlich checkt er seine E-Mails und die Kommentare über seine "Performance" auf Facebook. "Viele Freunde finden verrückt, dass ich das hier freiwillig mache. Aber ich habe heute etwas Wichtiges gelernt: dass ich mich nie langweilen werde und mich immer selbst beschäftigen kann." Er überlegt sogar, nach einer Weile wiederzukommen.

Außerdem habe sich seine Wahrnehmung und Wertschätzung für Zeit geändert. "Ich habe plötzlich gemerkt, wie lang und kostbar Stunden sein können. Ich will künftig versuchen, mehr aus meiner Zeit zu machen und öfter aus Routinen auszubrechen." Dass er ständig beobachtet und kommentiert wurde, fand Robert allerdings gewöhnungsbedürftig.

Jetzt packt er schnell seine Sachen zusammen, für ihn geht's jetzt in die Freiheit. Der nächste freiwillige Gefängnisgast wartet schon.

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insgesamt 2 Beiträge
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fatherted98 02.10.2014
1. Total blöd...
...im ersten Moment hab ich gedacht...oh günstig...das würde ich auch machen...ist doch egal wo man schläft...aber dann wieder die Big Brother Masche mit Regelwerk...so ein Mist.
Hamberliner 02.10.2014
2. In Frankreich kein Problem.
Und was soll daran echt sein? Das ist doch gar kein realer Knast. In Frankreich ist das viel einfacher. Wenn man irgendwo ankommt und ad hoc ein freies Hotelzimmer sucht, aber nach ausgiebigem Herumkurven in der ganzen Stadt keines gefunden hat, kann man sich darauf verlassen: Es gibt in jeder Stadt ein Hotel, das noch ein Zimmer frei hat: Das Hôtel de Police.
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