Newski Prospekt: Prachtmeile voller Kunst, Kitsch und Kultur

Der Newski Prospekt ist einmalig: Die Prachtstraße Sankt Petersburgs erzählt die Geschichte vom Glanz des Adels im 19. Jahrhundert und von den Hoffnungen des Bürgertums auf ein freiheitliches Russland der Jahrhundertwende. Seit einem Jahr erstrahlt die Straße wieder im alten Glanz.

Maler im Zentrum von St. Petersburg:  Seit der 300-Jahr-Feier strahlt die Stadt im alten Glanz
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Maler im Zentrum von St. Petersburg: Seit der 300-Jahr-Feier strahlt die Stadt im alten Glanz

St. Petersburg - Sankt Petersburgs Prachtstraße ist ein überaus lebendiger Ort: Schwarzer Kaviar wird neben westlicher Haute Couture feilgeboten, Touristen mischen sich mit den Einheimischen. Die viereinhalb Kilometer lange Einkaufsmeile Newski Prospekt ist in den zurückliegenden Jahren aufwendig restauriert worden und lädt Reisende aus aller Welt zum Bummeln und Schlemmen ein - für den großen und den kleinen Geldbeutel gleichermaßen. Ein Spaziergang entlang der Edelboutiquen, durch die U-Bahn-Unterführungen, vorbei an Straßenmusikern und gestrandeten Existenzen verrät dabei auch viel über die russische Gesellschaft des 21. Jahrhunderts.

Der Newski Prospekt ist das schillernde Zentrum von Sankt Petersburg. Sobald die ersten Sonnenstrahlen die teuren Geschäfte, Restaurants und Spielsalons in ihr Licht tauchen, drängen sich die Touristen dicht an dicht. Ein Sprachengewirr aus Finnisch, Deutsch, Englisch und Russisch ist zu hören. Die Verschlüsse von Fotoapparaten klicken, Kameras surren.

Ein Muss auf dem ausladenden Boulevard ist das Kaufhaus Gostinny Dwor an der gleichnamigen Metro-Haltestelle. Das Kaufhaus im klassizistischen Gewand stammt aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Kaufleute aus dem ganzen Land kamen damals, stellten ihre Pferde im Innenhof unter und bezogen in dem zweigeschossigen Haus Quartier, um ihre Waren anzubieten. Heute stehen im Carré im Inneren immer öfter PS-starke Sportwagen, die einfachen Waren haben Luxusartikeln westlicher Mode-Labels, Sportmarken und Souvenirs Platz gemacht.

Mix der Kulturen

Allein im Erdgeschoss reihen sich die Verkaufsstände auf mehr als einem Kilometer Länge. Ein vor allem von ausländischen Besuchern viel gefragter Stand ist der von Olga Smoljakowa. Die zierliche junge Frau verkauft Matrjoschkas. Bis zu 15 der Holzpuppen stecken in unterschiedlichen Größen ineinander. Sie sind längst zu einem Symbol für den größten Flächenstaat der Erde geworden. Die teuerste kostet 10.100 Rubel (etwa 280 Euro) und ist rund einen halben Meter hoch. Die Motive der etwa 500 Exemplare reichen von Landschaften und Denkmälern bis zu Jahreszeiten - alles "Made in Russia".

Matrjoschkas im Kaufhaus Gostinny:  Die teuerste Holzpuppe kostet umgerechnet etwa 280 Euro und ist rund einen halben Meter hoch
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Matrjoschkas im Kaufhaus Gostinny: Die teuerste Holzpuppe kostet umgerechnet etwa 280 Euro und ist rund einen halben Meter hoch

Beim Spaziergang vorbei an schicken Schaufenstern ziehen viele Besucher gerne Parallelen zur Berliner Friedrichstraße, zur Pariser Champs Elysée oder zur Nanjing Road in Schanghai. Doch die russische Flaniermeile mit ihrem Mix der Kulturen ist einmalig. Sie erzählt die Geschichte vom Glanz des Adels im 19. Jahrhundert, von den Hoffnungen des Bürgertums auf ein freiheitliches und bürgerliches Russland der Jahrhundertwende. Nach der Revolution war von dem Glanz allerdings nicht mehr viel zu spüren, erst seit den Feiern zum 300-jährigen Bestehen der Stadt im Jahr 2003 strahlt die Straße wieder.

Das erste Haus am Platz ist das "Kempinski-Grand-Hotel". In der Fünf-Sterne-Herberge kostet die teuerste Suite 2800 US-Dollar (2290 Euro) pro Nacht. "Wir haben alles - vom Juwelier bis zum Friseur und Fitnesstrainer. Es ist wie eine Stadt in der Stadt. Eigentlich müssen unsere Gäste das Haus gar nicht verlassen", sagt Sprecherin Jana Lakizina. Auch das gehört zum Leben im Russland des 21. Jahrhunderts.

Deutsche "Möwe"

Doch die heimliche Hauptstadt Russlands und ihre Umgebung haben zu viel zu bieten, als dass sich Touristen ausruhen könnten: Eremitage, Russisches Museum, das rekonstruierte Bernsteinzimmer oder die einstige Zarenresidenz Peterhof zum Beispiel. Allein ein Bummel über den Newski Prospekt füllt einen Tag und eine Nacht. Nach einem Abstecher in das traditionsreiche Feinkostgeschäft der Brüder Jelissejew mit seiner prächtigen Jugendstileinrichtung ist für viele Deutsche das Restaurant "Tschaika" (Möwe) ein beliebter Anlaufpunkt. Der aus Sachsen stammende Inhaber Peter Wolf betreibt hier seit 15 Jahren Völkerverständigung zwischen Pils und Thüringer Bratwürsten.

Newski Prospekt: Schillerndes Zentrum von Sankt Petersburg
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Newski Prospekt: Schillerndes Zentrum von Sankt Petersburg

"Die Tschaika ist zu einer Institution geworden", sagt Wolf. Jeder Taxifahrer kenne die Adresse am Gribojedow-Kanal. Werbung ist kaum nötig, denn viele Touristen schicken die kostenlosen Postkarten mit der Aufschrift "Mein zweiter Wohnsitz in Leningrad" in alle Herren Länder. Der Schriftzug ist auch eine Reminiszenz an die wirren Jahre vor Perestroika (Umgestaltung) und Glasnost (Offenheit); erst im Juni 1991 erhielt die Stadt ihren alten Namen zurück.

Die Gäste, die sich jeden Abend in der meist gut gefüllten Bar versammeln, achten darauf kaum. "Wenn man lange von zu Hause weg ist, ist die Tschaika wie ein Heimathafen, den man gerne ansteuert", meint ein norddeutscher Geschäftsmann. Das Interieur im hanseatischen Stil, die Bar aus alten Kirchenbänken, und fast alle der 65 Festangestellten sprechen Deutsch.

In den Unterführungen und U-Bahn-Hallen treffen sich derweil Lebenskünstler, Blumenverkäufer und verliebte Pärchen. Kein Wunder, dass schon der Schriftsteller Nikolai Gogol schrieb: "Es gibt nichts Schöneres als den Newski Prospekt, jedenfalls nicht in Petersburg; für Petersburg ist er alles. Womit kann diese Straße, die Zierde unserer Hauptstadt, aber auch nicht glänzen!" Russlands heutige Hauptstadt ist das acht Zugstunden entfernte Moskau. Doch mit einer solch noblen Adresse voller Kunst, Kitsch und Kultur wie den Newski Prospekt kann die Zehn-Millionen-Metropole nicht aufwarten.

Von Tobias D. Höhn, gms

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