Nürnberg Häddn Sie's aa äwegn glenner?

Was juckt den Touristen aus Wümme oder Wisconsin mehr - das Füllhorn Romantik oder der den Einwohnern seit 1945 innewohnende Hang zur Verkleinerung? Ein waschechter Nürnberger präsentiert liebevoll seine Stadt – als Kumpan der Wahrheit und mit fränkischer Lust am Nörgeln

Von Klaus Schamberger


Nur einmal den sehr seltenen Fall angenommen, jemand wäre in Scheeßel an der Wümme oder wo mehr oder weniger beheimatet, also verhältnismäßig weit weg von einer mittelfränkischen Gemütlichkeit, von samtweichen Konsonanten aller Art, von spitzigen Dachgiebeln, von einem vielleicht an das Mittelniedermongolische gemahnenden Dialekt, von gummiartigen, rollbaren Speisebeilagen namens Gniedla, von sogenannten Bratwürsten, zu denen nicht selten statt Messer und Gabel ein Mikroskop gereicht wird, von Gässlein, Erkerlein, Plätzlein, nicht zu vergessen: weit entfernt auch von jenen zu Ehren der Heiligen Kalorie gestanzten Lebküchlein. Würde so jemand eines Tages – womöglich auch noch während der staden Zeit, wo es hierorts richtig laut wird – auf die Idee kommen, sich nach Nürnberg zu begeben? Und wenn ja, warum?

Eine Art Tatsache ist, dass alle Jahre wieder vornehmlich in der Zwetschgermännlazeit Flieger auf unseren Airport im Knoblauchsland herniedersinken, Busse, Bahnen, Bkw (B sagt man hier zum P) in die Weihnachtswelthauptstadt brettern und sich die aus 2,5 Millionen Menschen bestehenden himmlische Heerscharen durch die Gässlein quetschen. Der Tourismus- und Wundverband vermutet: Man sucht in Nürnberg die Romantik, die hier schon mehrfach entdeckt worden ist. Viele Besucher kommen sogar ein zweites Mal.

Dass man diesen Drang zur Romantik bis hinauf nach Scheeßel an der Wümme, bis nach Hamburg, Berlin, Wuppertal, Amerika, Schweiz, Japan, ja sogar bis Fürth massenhaft verspürt – das kann der Nürnberger an sich, falls es den konsumforschungsgerechten Parade-Nürnberger gibt, jedes Jahr beim besten Unwillen überhaupt nicht verstehen. Der Nürnberger an sich hat nämlich in der Regel daheim eine kleine Nebenerwerbs-Tiefstapelei, heißt infolgedessen Bemmerlein, Scheuerlein, Köhnlein, Käferlein, Steinlein, Schönlein, Kleinlein, neuerdings auch Online, und stellt sein Licht gern dahin, wo es Finanzamt und Steuerfahndung nicht sehen, nämlich unter den Scheffel.

So könnte man sich etwa auch die Kleinheit der hiesigen Bratwürste erklären. Und so erschließt sich ebenfalls eine der schönsten örtlichen Redensarten, gern benützt als Schlussbemerkung eines von langatmigen Großansprachen gepeinigten, aber überhaupt nicht beeindruckten Zuhörers: "Häddn Sie’s aa äweng glenner?" (Hätten Sie es auch ein bisschen kleiner?) Kleinheit und Konjunktive schätzt der Nürnberger sehr.

Genauso viel Romantik wie in Wuppertal

Die Frage wäre dann also: Was juckt den von der Wümme oder von Wisconsin anreisenden Gast mehr – das riesengroße Füllhorn Romantik, das das halbwegs städtische Propaganda-Referat auf Schritt und Tritt über dem Besucher ausschüttet, dass er fast keine Luft, geschweige denn eine Lust mehr kriegt, oder der uns Eingeborenen spätestens seit 1945 innewohnende Hang zur Verkleinerung? Er sollte sich für Letzteres interessieren.

Denn die Wahrheit dürfte doch sein: Romantik hammer hier ungefähr in der gleichen Menge, wie sie auch in Wuppertal, Wanne-Eickel, Wolfsburg oder in Scheeßel an der Wümme vorkommt. Aber was die alt-patrizische Großmannssucht anbelangt, da waren wir einzigartig, die ist bei uns sorgsam gepflegt worden. Von 1050, dem amtlichen städtischen Ersterwähnungsdatum, bis 1933, und von da an noch einmal genau 1000 Jahre lang: des Deutschen Reiches Schatzkästlein, des Deutschen Reiches Waffenschmiedlein, die blühendste aller Städte, die freieste aller Reichsstädte, ein steinerner Lobgesang, eine Hochburg in allen möglichen Disziplinen vom Zerzabelshofer Flachpassparadies bis zur Weltspielzeug-Zentrale, die Stadt der Reichsparteitage, ein mindestens weltkugelgroßer, hoch über allen Häuptern schwebender Riesenluftballon, festgeknotet ungefähr zwischen Dürer und Führer.

Am 2. Januar 1945 ist das aufgeblasene Albtraumschiff der mörderisch größenwahnsinnigen Reichsverweser, Hitlers buchstäblich heiß geliebte Spießerburg, innerhalb von 53 Minuten in Flammen aufgegangen. Ein weiterer Englischer Gruß, diesesmal nicht von Veit Stoß, sondern von 521 Bomberpiloten der königlich-britischen Luftwaffe. 1933, am Tag der Machtergreifung, hatten in der Nürnberger Altstadt die Glocken der großen Kirchen geläutet. Nicht von selber, vermutlich. In der Nacht, als die Altstadt starb, war nix zu hören. Jedenfalls kein Glockenläuten.

Der Berliner Autor und Theaterkritiker Alfred Kerr (1867–1948) war nach dem Krieg aus der Emigration zurückgekehrt und hatte nach einem Nürnberg-Besuch in einer Reportage geschrieben, dass "im ersten Augenblick der Gedanke nicht abwegig scheint : dies Trümmertal seinem Zustand zu überlassen – und ein neues Nürnberg nebenan zu erbauen". Da sind die Nürnberger, sofern sie die bizarre Empfehlung überhaupt mitgekriegt haben, schon gscheit erschrocken. Und: Gebranntes Kind scheut eines Tages halt doch das Feuer. Zum Zündeln hat heutzutage kaum mehr jemand Lust. I

m Gegensatz zu einer auch nicht gerade wohlüberlegten, öffentlich geäußerten, dann aber in aller Form zurückgenommenen Bemerkung eines damaligen Oberbürgermeisters ("Es langt jetzt langsam mit dem dauernden Gedenken an die Nazi-Zeit, wir gedenken doch auch nicht jeden zweiten Tag des Dreißigjährigen Krieges") geht das Gros der Nürnberger mit seiner Gesamt-Vergangenheit recht differenziert, geradezu nachdenklich um. Ausnahmen (etwa als man im WM-Jahr 2006 die Verhüllung des Schönen Brunnens mit Stadionsitzen als "entartete Kunst" einstufte und den Künstler Olaf Metzel dringend "ins KZ" wünschte) bestätigen hoffentlich die Regel.

Stölzlein auf die schönste kleine Großstadt der Welt

"Ä bissla" oder "ä weng" (sagen wir hier – also ein bisschen, ein wenig) sind wir schon stölzlein auf unsere schönste kleine Großstadt der Welt, auf die Dürer und Stoß, die Sachs und Kraft, die Vischer und Henlein, die Behaim und Volckamer, auf die Maler, Holzschnitzer, Erzgießer, Tüftler, Entdecker und Erfinder. Und laut sagen wir es meist nicht, aber manchmal denken wir es uns doch : Ob nicht von der ganzen gotischen Großkotzerei, von der jahrhundertelangen Diktatur des Patriziats bei allem Gerede von der Stadtluft, die freimache, ob da nicht doch eine ziemlich direkte Linie hinführt zu jenem Trümmerhaufen des 2. Januar 1945?

Fast acht Jahrhunderte lang haben unsere Altvorderen doch vor lauter Hybris kaum mehr laufen können, später dann offenbar auch nicht mehr denken : das klügste Reichsstadtregiment weit und breit, die reichsten Pfeffersäcke, die dicksten Kaufmannszüge, die höchste Kaiserburg, Hort der Reichskleinodien, Lieblingsstadt aller gekrönten Häupter, aller Waffenhändler und Gschäftlasmacher. Die einzige, aber schmerzliche Störung des Wachstums bis hinauf in den Himmel: 1806 war die einstige Mega-Metropole quasi bankrott, abgewirtschaftet vom patrizischen Rat und dessen Raffgier, auf Napoleons dringliche Empfehlung einverleibt ins bayerische Königreich mit anschließender Runderneuerung. So rund, dass schon bald neue Superlative freudig notiert wurden. Die 1. Eisenbahn Deutschlands, die 1. elektrische Straßenerleuchtung der Welt, 1. Spielzeug-Hauptstadt des Universums, 1. FC Nürnberg.

Und dann hat ein Tapezierer sein Nürnberg entdeckt. Stadt der Reichsparteitage auf die Dauer von mindestens tausend Jahren. Reichsparteitage, Reichspogromnacht, Rassengesetz, Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre – das hatte hierzulande womöglich schon seinen, wortwörtlich sumpfigen Nährboden. Im Überschwemmungsgebiet an der Pegnitz hatten sich zu Beginn des 12. Jahrhunderts Juden angesiedelt. Am 5. Dezember 1349 färbte sich das Brackwasser zwischen den ärmlichen Behausungen blutrot.

Mit ausdrücklicher Billigung des ehrwürdigen patrizischen Rates der Stadt – man darf es auch Anstiftung und Rädelsführung nennen – fallen die Nürnberger über die Juden her, erstechen, erschlagen, erwürgen 562 Männer, Frauen und Kinder, rauben deren bisschen Habe und Geld. Die Überlebenden schleift man vor die Stadt und richtet sie hin. Schon kurze Zeit später entsteht an der Stelle des Judenviertels der Nürnberger Hauptmarkt, am Ort der Synagoge die Frauenkirche.



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