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Ode an Kiel: Immer Meer

Von Bjørn Erik Sass

Wer Kiel lobt, macht sich unkontrollierter Subjektivität verdächtig. Muss man nicht Kind dieser Stadt sein, um sie zu lieben? Muss nicht der Versuch scheitern, Fremden diese Hingabe zu vermitteln? Kommt darauf an. Wenn es nicht gelingt, kann es auch an einem stinkenden Grill gelegen haben.

Kiel ist ein Ort, wo Touristen manchmal die Autofenster herunter- kurbeln und aufgeregt fragen, wie sie denn zum nächsten Strand gelangen. Wir Einheimischen sagen ihnen dann, dass sie entspannen können, weil sie längst angekommen sind. In Kiel, da leben wir nämlich am Strand, und wenn man das erst geschafft hat, bleibt ohnehin nicht viel zu wünschen übrig.

Das verstehen diese Fremden nicht immer gleich, weil die Nähe zum Strand ja zuallererst eine Frage der inneren Haltung ist. Und mit der wird man nicht geboren, die muss man sich erarbeiten. Das ist natürlich viel schwerer für die Auswärtigen, die nicht dermaßen privilegiert wohnen wie wir Kieler. Ich kenne keine Stadt, die es so rundherum gut getroffen hätte wie Kiel. Das klingt vielleicht ein wenig übertrieben, ist aber wahr.

Erstbesucher haben mir das ausdrücklich bestätigt. Sophie zum Beispiel, die ich im vergangenen Jahr in einem anderen Land kennen lernte. Sophie wohnt in Essen. Damit sie also auch mal etwas Schönes erlebt, bat ich sie, mich in Kiel zu besuchen, das meine Stadt ist, weil hier vor mir schon meine Eltern, Großeltern, Urgroßeltern und niemand weiß, wer noch geboren sind und lebten.

Per Regionalexpress aus Hamburg

Mit Sophies Besuch sind wir gleich bei einem ganz starken Argument für Kiel: der Anreise. Nach Kiel kommt man sehr übersichtlich. Wir haben einen Flughafen, doch der steht auf keinem Linienplan, und einen Fährhafen, doch Fähren und Kreuzfahrtschiffe nützten Sophie auch nicht, aus ihrem grauen Ruhrpott zu kommen. Bleiben Auto und Zug.

Die Autobahn endet an der Stadtgrenze vor einer Ampel, die seit Menschengedenken immer erst eine lange Weile rotes Licht zeigt. Heimkommende Kieler und unsere Gäste müssen also innehalten, sie stehen vor der Stadt und können doch noch nicht gleich hinein, die Aufregung der Fahrt verflüchtigt sich, die Freude, endlich hier zu sein, wird übermächtig.

Sophie nahm den Zug. Mit dem in Kiel anzukommen, hat etwas Magisches. Es gibt wohl auch ICEs, die Kiel anlaufen, doch wie die meisten Reisenden kam Sophie mit einem Regionalexpress aus Hamburg. Hamburg ist eine Stadt im Süden, die wie Kiel auch einmal in der Hanse war und seit jeher glaubt, in jeder Hinsicht die großartigere Siedlung zu sein.

Kiel hat einen Kopfbahnhof, und es gibt keine bessere Art, in dieser Stadt anzukommen. Zu verlockend, sich an einem Durchgangsbahnhof zu fragen, wie die Reise wohl weitergehen könnte. An einem Kopfbahnhof dagegen ist völlig klar, hier ist erst einmal Schluss. In Kiel stimmt das noch ein bisschen mehr. Denn die Zugfahrt endet nur wenige Schritte vorm Meer. Da geht es nun auf keinen Fall weiter.

Die Autobahn und der Kopfbahnhof am Ufer der Förde machen Kiel so unglaublich behaglich. Wer hier ankommt, ist erst einmal da. So wie in Sophies Heimat, mit Autobahnen kreuz und quer und Flughäfen an jeder Straßenecke, wo man nie weiß, ist man noch unterwegs oder schon am Ziel, macht man Halt oder eine kleine Extratour – wer möchte so leben?

Kräftiges, klares Licht statt unentschiedener Pastelltöne

Sophie und ich verlassen den Bahnhof durch das Hauptportal. Was uns Kiel da betont nachlässig bietet, ist für so ein Kohlenreviermädel wahnsinnig spektakulär: Hundert Meter vor uns die Hörn, die Innenförde, flatternde Fahnen in der Spätnachmittagsbrise, ein Stück weiter legt die "Color Fantasy" Richtung Oslo ab, Möwen jagen Wurstzipfel und scheißen direkt vor uns auf den Bahnhofsvorplatz, das Licht ist kräftig und klar, nicht diese unentschiedenen Pastelltöne, die sie woanders bejubeln, weil sie nichts anderes kennen.

Sophie ist natürlich sofort vollkommen hin und weg von dieser Szenerie, aber zum Glück kann Kiel selbst in so schönen Momenten noch einen drauflegen. Wir könnten nun zum Beispiel am Hindenburgufer spazieren gehen. Ich könnte bei Sophie Punkte sammeln und ihr die süßen Seehunde mit ihren Knopfaugen zeigen. Danach würden wir links hochgehen, in den alten Botanischen Garten. Wen das noch nicht weich gekocht hat, der geht ein paar Schritte höher und setzt sich auf das Dach des Pavillons im oberen Gartenteil. Hier auf der Bank Platz nehmen, paarweise aneinander anlehnen und auf die Förde schauen – da kommt Romantik ins Spiel.

Aber Sophie soll das ganze Paket haben, und so fahren wir mit dem Auto nach Norden, immer dicht am Wasser entlang, das jetzt voller Segelboote ist. Von meinem Vater, der viele Jahre auf großen Schiffen zur See fuhr, habe ich eine tiefe Skepsis dem Segeln gegenüber gelernt, weil das Spielkram ist, aber zur Förde gehören Boote einfach dazu.

Kiel ist auch im November schön

Kiel hat viele Strände, aber im Grunde ist die Entscheidung ganz einfach. Das Ostufer der Förde, mit Heikendorf und Laboe etwa, gehört zu Holstein, und das ist einfach nicht mein Land. Kiel gehörte für mich immer zu Schleswig, deshalb bleibe ich auf dem Westufer. Und da kommt nur der Falckensteiner Strand in Frage. Falckenstein liegt etwa auf halber Höhe der Förde, an einer ihrer engsten Stellen. Als wir ankommen, sind die planschenden Familien schon weg.

Ich baue wie viele andere Kerle einen Grill auf, sortiere Decke, Lebensmittel und Bier-Kühler und lasse das alles wortlos auf Sophie wirken. Die untergehende Sonne lässt das Fördewasser weich schimmern, am Ufer gegenüber strahlt weiß der Sand, ganz weit hinten rechts leuchtet blau-rot der HDW-Kran, dazwischen die Segler, ein paar Schnellboote, die wie junge Hunde über die Förde tollen und zur Linken weit und offen das Meer. Ein paar Stunden noch, und der Vollmond wird genau über Heikendorf stehen. Was wäre, sähe ich das zum ersten Mal? Nörgler werden sagen, Kiel an einem Sommerabend ist ein billiger Trick, damit ist natürlich jede zu beeindrucken.

Ich finde Kiel im November fast genau so schön. Aber das glaubt einem keiner. Und Sophie kann ich nicht mehr überzeugen. Die ist nie wiedergekommen. An Kiel kann es nicht gelegen haben.

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