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28. Mai 2015, 11:53 Uhr

New Yorks neues Wahrzeichen

Auf dem Dach Amerikas

Eine Multimedia-Story von und

Willkommen im 102. Stock: Die Aussichtsplattform des neuen One World Trade Centers beeindruckt mit Fernblicken. Doch der Besuch auf der Spitze des höchsten US-Wolkenkratzers weckt Erinnerungen an 9/11.

DER BLICK

Die Fahrt nach oben ist eine rasante Reise durch Raum und Zeit. Nur 47 Sekunden braucht der schnellste Aufzug des Westens bis in den 102. Stock. Noch beeindruckender ist, was sich auf den LED-Screens in der Kabine abspielt, die Glaswände simulieren - und den Blick nach draußen.

Während der Besucher raketengleich immer höher steigt, sieht er vor und dann unter sich die Entstehung Manhattans - im virtuellen Zeitraffer der vergangenen 515 Jahre: Sumpf, Indianerdorf, Kolonie, Hafen, frühe Industriestadt, moderne Metropole.

Irgendwann erscheint wie ein Schatten der Nordturm des alten World Trade Centers, verschwindet aber ebenso schnell wieder - eine gespenstische Erinnerung an den 11. September 2001: die 31-jährige Lebensspanne der einstigen Twin Towers, auf vier Sekunden reduziert.

"Wir wollen unsere Besucher unterhalten", sagt Dave Kerschner. "Dazu schauen wir lieber in die Zukunft statt in die Vergangenheit."

Unterhaltung ist Kerschners Beruf: Der langjährige Disney-Mann leitet die Abteilung "Attraktionen" beim US-Gastronomiekonzern Legends. Dessen jüngstes, spektakulärstes Projekt: die neue Aussichtsplattform auf der Spitze von One World Trade Center, des höchsten Wolkenkratzers dieser Hemisphäre. Am Freitag wird das One World Observatory offiziell eröffnet - am Standort der untergegangenen WTC-Zwillingstürme.

Im Video: Das ist der Ausblick aus der 100. Etage

Erstmals seit den Anschlägen bietet sich nun also wieder dieser legendäre Blick: Hunderte Meter tief, 80 Kilometer weit, bis nach Connecticut, New Jersey und Pennsylvania. Zugleich aber kann diese Touristenattraktion die Geschichte ihres Standorts nicht ausradieren.

Kurz, fast obligatorisch wird die abgehakt: Auf dem Weg zu den "SkyPods", wie sich die fünf Highspeed-Aufzüge nennen, müssen die Gäste erst einmal durchs "Grundgestein", einen kitschigen Höhlengang aus Kunstfelsen. Auf Bildschirmen kommen Bauarbeiter zu Wort, in patriotischem Kanon: "Wir kamen, wir blieben, wir bauten es fertig."

In der Fotostrecke: Genießen Sie die Aussicht!

Für den Rest der Tour haben sich die Betreiber freilich einiges ausgedacht, um 9/11 aus dem Gedächtnis der Besucher zu verdrängen. "Der Blick ist der Star unserer Show", sagt Kerschner, "aber wir haben auch eine Show um den Blick gebaut." Was wohl den Eintrittspreis von 32 Dollar (29 Euro) erklären soll.

Diese Show - darunter ein ebenfalls simulierter "Glasboden" im 100. Stock - ignoriert man besser. Das wahre Erlebnis ist in der Tat die Fernsicht: Manhattan und die vier anderen Stadtteile, Central Park, East River, Hudson, Freiheitsstatue, Verrazano-Narrows Bridge, Atlantik.

Im Video: So sieht der Blick nach unten aus

Das Empire State Building wirkt von hier aus fast winzig. Gerade auch neben dem neuen "Supertower" 432 Park Avenue, dem höchsten Luxuswohnturm der Welt, dessen Dachkante das One World Observatory schon längst wieder um einige Meter überragt.

Kein Höhenrekord währt ewig.

Die Rückfahrt nach unten ist noch mal ein letztes Showelement: Diesmal täuschen die LED-Aufzüge vor, dass sie aus dem Turm herausschießen und wie ein Hubschrauber über Lower Manhattan herabkreisen.

"Wir werden immer daran denken, was für ein besonderer Ort das hier ist", versichert Kerschner. "Doch unsere Mission ist jetzt eine andere."

DER BAU

Allein die Existenz von 1 WTC offenbart Amerikas Zerrissenheit nach 9/11. Damals gab es keine Zweifel: Hier musste wiederaufgebaut werden. Doch was? Ein Fanal des Trotzes, ein bombensicherer Bunker, eine Geschäftsimmobilie, ein Touristenziel - oder alles in einem?

Freedom Tower hieß er anfangs, es war das Motto eines Kriegsjahrzehnts. Die ersten Entwürfe waren futuristische Spielereien, den Zuschlag bekam Stararchitekt Daniel Libeskind. Doch seine Fantasien fielen schnell dem Kommunalklüngel zum Opfer, gefleddert trotz aller Symbolfracht.

Schließlich übergaben sie das Design an David Childs, einen Rivalen Libeskinds. Trotzdem gab es immer wieder Rückschläge. Bei den Bauarbeiten stießen sie auf Überreste von 9/11-Opfern und ein Schiffswrack aus dem 18. Jahrhundert. Der Hurrikan "Sandy" flutete die offene Baugrube. Und die Kosten explodierten: 3,9 Milliarden Dollar.

In der Fotostrecke: Die Entwürfe für den Tower

Am Ende stand ein Spekulationsobjekt - ein glorifiziertes Bürohaus mit Prestige-Adresse. Die einzige Symbolik, die von Libeskind übrig blieb, ist die amtliche Höhenmessung, erreicht im Mai 2013 durch eine Mega-Antenne auf dem Dach: 1776 Fuß (541 Meter), analog zum Geburtsjahr der USA.

Ende 2014 zogen die ersten Pächter ein - die 3400 Angestellten des Verlags Condé Nast ("Vogue", "Vanity Fair", "New Yorker"). Sie mussten sich am Anfang an vieles gewöhnen - auch an die gelegentlichen Ratten, die über den Flur huschten, und die exorbitanten Sicherheitsvorkehrungen.

In der Fotostrecke: So hat sich die Skyline verändert

Denn Amerikas Terrorziel Nummer eins ist als uneinnehmbare Festung konzipiert. Der Turm steht auf einem 51 Meter hohen, fensterlosen Sockel aus Spezialbeton. Dieser Bunker kann einem Anschlag durch eine Autobombe standhalten und ist mit 2000 Prismen aus Sicherheitsglas verkleidet.

Das Skelett hinter der Turmfassade besteht aus 40.000 Tonnen Baustahl und 150.000 Tonnen Beton. Die verschweißten Träger sind "mehrfach redundant": Versagt einer, fangen andere die Last auf.

Die 70 Aufzüge sind ummantelt von Stahlbeton und Wänden, unter die die Bauarbeiter ihre Insignien gekritzelt haben. Per Elektronik fahren die Lifte immer nur eine vorbestimmte Etage an. In den Lobbys stehen Sicherheitsschleusen, vor der Tür patrouillieren Dutzende Cops.

Die Angst vor dem Terror lauert weiter überall, ob drinnen oder draußen.

Weiter im 3. Teil: Wie an Ground Zero neues Leben entstand (mit Fotos, Karte und Video)

DER ORT

Das 6,5-Hektar-Gelände, an dessen Nordrand 1 WTC nun aufragt, hieß lange Ground Zero. Nullpunkt des Todes, Zone des Nichts: Aus einem lebhaften Geschäftsviertel war ein Heldenfriedhof geworden.

Auch um dessen Wiedergeburt herrschte jahrelang Zank. Ein neuer Stadtteil sollte hier in Lower Manhattan entstehen, mit unmöglicher Doppelfunktion: der Toten gedenken - doch wieder Leben schaffen.

Den Wettbewerb um die Gestaltung der 9/11-Gedenkstätte gewannen die jungen, unbekannten Architekten Martin Arad und Peter Walker. Ihre Idee war so genial wie kontrovers - zwei monumentale Wasserbecken aus Granit innerhalb der früheren Fundamente ("footprints") der Twin Towers.

Jeder Aspekt des Memorials zerrieb sich in der Debatte zwischen Politikern, Designern und 9/11-Hinterbliebenen. So dauerte es Jahre, bis die Anordnung der Opfernamen gefunden war, eingestanzt in die Beckenbrüstungen. "Es war… langwierig", sagte Arad, als die modifizierte Gedenkstätte 2011 eingeweiht wurde.

Rings um das heute von Touristen überrannte Memorial und das 9/11-Museum ragen bald die Kathedralen des Kommerzes auf: drei weitere Büro-Skyscraper mit betont unoriginellen Namen (2 WTC, 3 WTC, 4 WTC) sollen eines Tages die Erinnerungs-Plaza flankieren. In die noch ungebaute Nummer zwei will angeblich Medienmogul Rupert Murdoch mit seiner News Corp. einziehen ("Wall Street Journal", 21st Century Fox).

Und mitten dazwischen: der teuerste U-Bahnhof der Welt.

Den Bahnhof hat der spanische Stararchitekt Santiago Calatrava entworfen. Calatravas extravagante Vision führte dazu, dass der sogenannte Transportation Hub, der den Path-Vorortzug nach New Jersey mit dem New Yorker Subway-System verbindet, so teuer wurde wie 1 WTC - fast vier Milliarden Dollar, davon allein 474 Millionen Dollar für den Stahl.

Wie die Rippen eines Dinosaurierskeletts stechen die weißen Flügel des Hubs inzwischen in den Himmel. "Ein Schrein der Verschwendung", lästerte die "New York Post". Calatrava hingegen klagte, seine städtischen Auftraggeber hätten ihn "wie einen Hund behandelt".

Neben dem architektonischen Fiebertraum des Hubs wirkt 1 WTC wie ein einfallsloser Klotz: groß, stark, plump. So ein Turm könnte überall stehen, schimpfen die Kritiker, aber nicht im einzigartigen New York.

Doch diesen Blick, diese Reise durch Zeit und Raum - das gibt es nur hier.

Im Video: Fliegen Sie mit durch Manhattan

Mitarbeit: Antje Blinda (Textredaktion), Mascha Zuder und Lisa Meinen (Bildredaktion), Sonja Kättner-Neumann (Schlussredaktion), Jule Lutteroth (Redaktion und Koordination)

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