New Yorks neues Wahrzeichen Auf dem Dach Amerikas

Willkommen im 102. Stock: Die Aussichtsplattform des neuen One World Trade Centers beeindruckt mit Fernblicken. Doch der Besuch auf der Spitze des höchsten US-Wolkenkratzers weckt Erinnerungen an 9/11.

Eine Multimedia-Story von und



DER BLICK

Die Fahrt nach oben ist eine rasante Reise durch Raum und Zeit. Nur 47 Sekunden braucht der schnellste Aufzug des Westens bis in den 102. Stock. Noch beeindruckender ist, was sich auf den LED-Screens in der Kabine abspielt, die Glaswände simulieren - und den Blick nach draußen.

Während der Besucher raketengleich immer höher steigt, sieht er vor und dann unter sich die Entstehung Manhattans - im virtuellen Zeitraffer der vergangenen 515 Jahre: Sumpf, Indianerdorf, Kolonie, Hafen, frühe Industriestadt, moderne Metropole.

Irgendwann erscheint wie ein Schatten der Nordturm des alten World Trade Centers, verschwindet aber ebenso schnell wieder - eine gespenstische Erinnerung an den 11. September 2001: die 31-jährige Lebensspanne der einstigen Twin Towers, auf vier Sekunden reduziert.

"Wir wollen unsere Besucher unterhalten", sagt Dave Kerschner. "Dazu schauen wir lieber in die Zukunft statt in die Vergangenheit."

Unterhaltung ist Kerschners Beruf: Der langjährige Disney-Mann leitet die Abteilung "Attraktionen" beim US-Gastronomiekonzern Legends. Dessen jüngstes, spektakulärstes Projekt: die neue Aussichtsplattform auf der Spitze von One World Trade Center, des höchsten Wolkenkratzers dieser Hemisphäre. Am Freitag wird das One World Observatory offiziell eröffnet - am Standort der untergegangenen WTC-Zwillingstürme.

Im Video: Das ist der Ausblick aus der 100. Etage


Erstmals seit den Anschlägen bietet sich nun also wieder dieser legendäre Blick: Hunderte Meter tief, 80 Kilometer weit, bis nach Connecticut, New Jersey und Pennsylvania. Zugleich aber kann diese Touristenattraktion die Geschichte ihres Standorts nicht ausradieren.

Kurz, fast obligatorisch wird die abgehakt: Auf dem Weg zu den "SkyPods", wie sich die fünf Highspeed-Aufzüge nennen, müssen die Gäste erst einmal durchs "Grundgestein", einen kitschigen Höhlengang aus Kunstfelsen. Auf Bildschirmen kommen Bauarbeiter zu Wort, in patriotischem Kanon: "Wir kamen, wir blieben, wir bauten es fertig."

In der Fotostrecke: Genießen Sie die Aussicht!

One World Trade Center erhebt sich über dem 9/11 Memorial (unten) und Lower Manhattan. Oben rechts der Battery Park.

Die Plattform erstreckt sich über die drei obersten Etagen des höchsten Wolkenkratzers des Westens - 100, 101 und 102.

Aus 386 Metern Höhe wirkt selbst das Empire State Building (die Spitze im Hintergrund) im Wolkenkratzerwald Manhattans vergleichsweise winzig.

Der Blick von der Aussichtsplattform des New Yorker Skyscrapers One World Trade Centers reicht 80 Kilometer weit.

Mit 32 Dollar kostet der Besuch des Observatorys weniger als das Empire State Building - hat aber keine Außenterrasse.

Der Rohbau des spektakulären Transportation Hubs überragt das 9/11 Memorial. Daneben der Turm 3 WTC.

Auf der anderen Seite des Hudson Rivers beginnt der Bundesstaat New Jersey. Hier Büro- und Hotelbauten in Jersey City.

Anders als beim alten WTC sind die Spezialglasfenster breit und zwei Etagen hoch. Hier können viele Besucher gleichzeitig die Aussicht genießen.

Das sogenannte "Sky Portal" täuscht einen Glasboden im 100. Stock vor. In Wahrheit ist es ein digitaler Bildschirm, auf dem Livebilder zu sehen sind.

Bei gutem Wetter reicht der Blick bis in die Nachbarstaaten Connecticut und New Jersey, manchmal sogar bis nach Pennsylvania.

Die Manhattan Bridge, 1909 eröffnet, galt als technisches Wunderwerk. Aus der Höhe wirkt sie wie ein Spielzeugmodell.

Autoren im 100. Stock: SPIEGEL-ONLINE-Reporter Sandra Sperber und Marc Pitzke auf dem One World Observatory.

Für den Rest der Tour haben sich die Betreiber freilich einiges ausgedacht, um 9/11 aus dem Gedächtnis der Besucher zu verdrängen. "Der Blick ist der Star unserer Show", sagt Kerschner, "aber wir haben auch eine Show um den Blick gebaut." Was wohl den Eintrittspreis von 32 Dollar (29 Euro) erklären soll.

Diese Show - darunter ein ebenfalls simulierter "Glasboden" im 100. Stock - ignoriert man besser. Das wahre Erlebnis ist in der Tat die Fernsicht: Manhattan und die vier anderen Stadtteile, Central Park, East River, Hudson, Freiheitsstatue, Verrazano-Narrows Bridge, Atlantik.

Im Video: So sieht der Blick nach unten aus


Das Empire State Building wirkt von hier aus fast winzig. Gerade auch neben dem neuen "Supertower" 432 Park Avenue, dem höchsten Luxuswohnturm der Welt, dessen Dachkante das One World Observatory schon längst wieder um einige Meter überragt.

Kein Höhenrekord währt ewig.

Die Rückfahrt nach unten ist noch mal ein letztes Showelement: Diesmal täuschen die LED-Aufzüge vor, dass sie aus dem Turm herausschießen und wie ein Hubschrauber über Lower Manhattan herabkreisen.

"Wir werden immer daran denken, was für ein besonderer Ort das hier ist", versichert Kerschner. "Doch unsere Mission ist jetzt eine andere."



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.