Dach aus 18.000 Glasplatten Paris weiht umstrittenen Neubau in Les Halles ein

Les Halles war einst die quirlige Seele von Paris, dann nur noch ein Quartier mit schlechtem Ruf. Ein gewagter Neubau soll jetzt die Gegend wiederbeleben - mit viel Raum, Licht und einem Hip-Hop-Kulturzentrum.

DPA

Lange hat es gezwickt in der Pariser Bauchgegend. Das alte Marktviertel im Zentrum, von Nationalschriftsteller Emile Zola einst als "Bauch von Paris" beschrieben, ist eine Gegend von zweifelhaftem Ruf. Das in den Siebzigerjahren dorthin gedonnerte Einkaufszentrum nahmen die Pariser nie so recht in ihr Herz auf.

Nun soll ein waghalsiger Neubau Les Halles zu einem neuen Wahrzeichen von Paris machen: ein mehr als zwei Fußballfelder großes, lamellenartiges Glasdach, luftig und lichtdurchlässig. Am Dienstag in der kommenden Woche wird der lange umstrittene Neubau eingeweiht.

"Es könnte korrigieren helfen, was einige als die schlimmste Planungsentscheidung sehen, die Paris je getroffen hat", kommentierte das auf Stadtplanung spezialisierte US-Onlineportal "CityLab". Der Autor meint den Abriss der alten Pariser Markthallen ab 1971, die noch unter Napoléon III. errichtet worden waren und die Kulisse für Zolas Roman boten. In der Folge trieben Arbeiter das "Loch von Les Halles" in die Erde, für den laut Betreiber meistfrequentierten Tiefbahnhof der Welt.

Châtelet - Les Halles ist heute bei Paris-Touristen berühmt-berüchtigt für seine Labyrinth-artigen Tunnel. Fünf Metrolinien und drei Vorortzüge kommen dort zusammen, es ist der zentrale Umsteigeort der Stadt, der Magen ist zum Herzen geworden. Was kann man über ein solches unterirdisches Monstrum mit täglich 750.000 Fahrgästen setzen, das noch dazu keinen Tag stillgelegt werden kann?

Architekt Patrick Berger kritzelt eine Ansammlung von Baumkronen auf ein Blatt Papier. "Ich habe mir einen Platz in der Mitte der Stadt vorgestellt, der bewaldet ist", erzählt er. Daraus entstand die Idee der Canopée, des "Blätterdachs", wie die geschwungene Fläche aus 18.000 Glasplatten genannt wird, die wie ein Blätterdach Regen auffangen, aber Wind durchlassen soll.

Wer aus den Tiefen der Station hervorsteigt, blickt künftig ins Licht. Die beige Färbung des Glases soll dafür sorgen, dass der Effekt auch beim für Paris typischen grauen Himmel leidlich funktioniert. Berger und sein Partner Jacques Anziutti sprechen von einem "Aufstieg nach Paris".

Kulturzentrum für Hip-Hop

Unter das Dach sind unter anderem ein Musikkonservatorium, eine Mediathek und das Kulturzentrum La Place geschlüpft, das komplett der Hip-Hop-Kultur gewidmet ist. "Selbst in New York haben sie das nicht", schwärmte Direktor Jean-Marc Mougeot jüngst vor Journalisten.

Die Kultureinrichtungen sollen dem Gelände Leben einhauchen: Der beigeordnete Bürgermeister Bruno Julliard hofft auf die Entstehung einer "echten Gemeinschaft". Die Wahl des Hip-Hop dürfte kein Zufall sein, ist der Ort doch ein wichtiger Anlaufpunkt für Jugendliche aus den Vorstädten, wenn sie nach Paris fahren - ein "Ort der Banlieue in Paris", wie es ein französischer Journalist einmal formulierte.

Die unterirdische Stadt darunter bleibt, wird aber auch renoviert oder hat ihre Rosskur zum Teil bereits hinter sich. Das dreistöckige Einkaufszentrum wird vergrößert, statt zuletzt gut 33 Millionen Besucher im Jahr will der Betreiber künftig bis zu 40 Millionen Menschen anlocken. Das Projekt, von französischen Medien gern mit dem Adjektiv "pharaonisch" versehen, hat länger gedauert und mehr gekostet als geplant, mehr als eine Milliarde Euro werden es am Ende sein.

Bleibt abzuwarten, ob die Hoffnungen der Planer aufgehen. Anwohner hatten den Neubau skeptisch gesehen, hatte doch schon der damalige Pariser Bürgermeister Jacques Chirac mit der Errichtung seines Forum des Halles 1979 versprochen, neues Licht ins Dunkel zu bringen - das Ergebnis ist bekannt.

Die Association Accomplir beäugt denn auch heute noch jeden Schritt der Bauarbeiten kritisch und bemängelt bereits, die als so leicht angekündigte Konstruktion sei am Ende doch recht massiv ausgefallen. Und noch dazu sind die Arbeiten längst nicht vorbei: Die Renovierung des Bahnhofs steht erst am Anfang.

Sebastian Kunigkeit/dpa/abl

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insgesamt 7 Beiträge
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Meskiagkasher 30.03.2016
1. Na endlich.
Die wohl unappetitlichste Stelle in der Innenstadt wurde aufgeräumt. Mal sehen, wie lange es diesmal dauert, bis wieder Tauben und Spatzen die unteren Imbiss-Läden erobern und alles voll sch....
at.engel 30.03.2016
2.
Na ja , "die Hallen", das ist definitv vorbei. Das, was die Hallen ausgemacht hat, waren erst einmal die Menschen... und die gibt es schon lange nicht mehr in Paris. Die sind heute irgendwo in den Vororten, wenn überhaupt. Auch das "Organische" der Hallen kann so ein Dach nicht wiederherstellen. Die "Gassen", die "Winkel", die Geschäfte und Plätze, das war halt etwas anders als so ein Metro-Umschlagplatz. Aber mal ganz abgesehen davon sind diese Computersimulationen meist meilenweit vom Ergebnis entfernt. Und ich habe das jetzt schon mehrmals miterlebt, und jedesmal ist die Realisation im Vergleich zum Projekt eher ernüchternd.
Hamberliner 30.03.2016
3. Was ist denn an Gentrifizierung so toll?
Das riecht nach Gentrifizierung - kein Grund zum Jubeln also. Diesen hätten wir, wenn es gelänge, "Les Halles" wiederherzustellen. Wobei ich zwar Paris nicht so gut kenne, aber um so mehr eine Stadt, die sich stark an Paris orientiert hat: Barcelona. Dort ist der traitionelle Großmarkt, der Borne, seine Funktion auch losgeworden, aber die Markthallen Mercat de la Boqueria sind wirklich eine Perle, um die wahrscheinlich Paris Barcelona beneiden kann.
Tomde Bayonne 30.03.2016
4. Gelegenheit verpasst
Pariser, Franzosen und alle anderen Reisenden haben die Gelegenheit verpasst einen Hauptbahnhof nach Berliner Vorbild zu erhalten, bei dem das lästige Metro-, Bus- oderTaxifahren zwischen zwei Bahnhöfen entfällt.
Meskiagkasher 30.03.2016
5. Gentrifizierung??
Zitat von HamberlinerDas riecht nach Gentrifizierung - kein Grund zum Jubeln also. Diesen hätten wir, wenn es gelänge, "Les Halles" wiederherzustellen. Wobei ich zwar Paris nicht so gut kenne, aber um so mehr eine Stadt, die sich stark an Paris orientiert hat: Barcelona. Dort ist der traitionelle Großmarkt, der Borne, seine Funktion auch losgeworden, aber die Markthallen Mercat de la Boqueria sind wirklich eine Perle, um die wahrscheinlich Paris Barcelona beneiden kann.
Nichts, aber auch rein garnichts, riecht am jetzt fertigen Umbau von Les Halles nach Gentrifizierung. Dagegen spricht auch, was sich drum herum befindet. Da ging es eher darum, diese punktuelle innerstädtische Verwahrlosung in eine halbwegs begehbare Struktur zu verwandeln. Außer Ramschläden gab es da in den letzten 20 Jahren nichts. Ab Mittag hingen da Horden unmotivierter Schüler herum und am Abend zwielichtige Algerier, die einem Drogen andrehen wollten. Es roch überall nach dem Urin der Obdachlosen, die sich dort über Nacht in irgendwelche Ecken einquartierten, und wie gesagt, da zumeist mindestens eine der Türen zum Innehof offen war, fühlten sich Tauben und Spatzen eingeladen, die überall herumliegenden Essensreste zu vertilgen, z.B. heruntergefallene Pommes aus dem ekligen Quick Fastfood-Restaurant.
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