Europas schönste Kaffeehäuser Ein Stück Kuchen mit Kubismus

In Europa gibt es kaum eine Stadt, die nicht ihr berühmtes Kaffeehaus hat. Neben historischem Flair und eigenwilliger Architektur haben sie auch ihre ganz eigenen Leckerbissen - wie die weltbekannte Sachertorte.

SRT/B. Schwertfeger

Wer den halben Tag im Museum war oder stundenlang die Läden nach Souvenirs abgeklappert hat, hat sich eine Pause im Café verdient. Entspannen kann man sich am besten in historischen Kaffeehäusern, die dem Coffee-to-go-Trend mit Gemütlichkeit trotzen. Die Schönsten davon hier im Überblick.

Budapest: Café New York - Sehnsucht nach besseren Zeiten

Café New York: Prunksaal mit Blattgold, Mamorsäulen und Stuckreliefs
SRT/B. Schwertfeger

Café New York: Prunksaal mit Blattgold, Mamorsäulen und Stuckreliefs

Versicherungen sind in der Regel keine Armenhäuser. Wenn sie bauen, dann richtig. So war es auch in der Gründerzeit des 19. Jahrhunderts. Als die New York Life Insurance Company in Budapest ein Gebäude errichtete, musste dies sehr repräsentativ ausfallen. Architekt Alajos Hauszmann entwarf am Budapester Großen Ring einen riesigen Versicherungspalast und gab Prunk und Protz so einen Rahmen.

Das Café New York nahm von Anfang an drei Etagen dieses Hauses ein. Als es am 23. Oktober 1894 eröffnete, staunte ganz Budapest: Prunksäle mit kiloweise Blattgold, aufwendigen Blattornamenten und Reliefs aus Stuck, Marmorsäulen und prächtig geschwungenen Deckenleuchtern waren entstanden.

Das Kaffeehaus avancierte zum Treffpunkt der ungarischen Kunst- und Theaterwelt. Auch ein gewisser Mihály Kertész verkehrte hier, bevor er als Michael Curtiz den weltberühmten Film "Casablanca" drehen sollte. Die Weltwirtschaftskrise in den Dreißigerjahren setzte dem Café New York ein Ende. Für viele Jahre wurde das Gebäude als Lagerhalle genutzt, bis es 1954 als Restaurant Hungària erneut in Betrieb ging. 2006 wurde das einst so bekannte Kaffeehaus unter seinem alten Namen wieder eröffnet.

Erzsébet körút 9-1, täglich geöffnet bis 22 Uhr, www.newyorkcafe.hu.

Florenz: Caffè Rivoire - Schokolade zum Frühstück

Mit Blick auf Michelangelos David: Terrasse des Caffè Rivoire in Florenz
SRT/H.W.Rodrian

Mit Blick auf Michelangelos David: Terrasse des Caffè Rivoire in Florenz

Am bekanntesten Platz der Stadt - an der Piazza della Signoria - befindet sich das Caffè Rivoire. Im Sommer sitzt man auf der großen Terrasse und genießt den Blick auf den schönsten nackten Mann der Stadt: Michelangelos David vor dem Bargello.

Zu den Spezialitäten dieses Cafés mit den selbstbewussten Preisen zählt die heiße Schokolade, die puddingdick in Porzellantassen serviert wird. Schokolade in jeglicher Form und Konsistenz zu servieren, ist die hohe Kunst dieses Cafés. Denn Gründer Enrico Rivoire, der 1872 in Florenz ansässig wurde, kannte das Geheimnis, wie man Kakaobohnen perfekt röstet. Der Hofzuckerbäcker von Italiens König Vittorio Emanuele II. erwarb sich mit seinen feinen Pralinen schnell einen hervorragenden Ruf in der Stadt.

Auch heute noch stammt die Schokolade im Rivoire aus eigener Produktion. Und das obwohl das Café längst die Besitzer gewechselt hat. Genauso wie auch die Einrichtung schon lange nicht mehr die ursprüngliche ist. Die fiel der Renovierungswut der Sechzigerjahre zum Opfer. Und so herrscht im Inneren des Rivoire ein charmant-altmodisches Flair wie aus Omas Zeiten.

Piazza della Signoria, geöffnet Dienstag bis Sonntag 8 Uhr bis Mitternacht, www.rivoire.it.

Paris: Café de la Paix - Eleganz der Gründerzeit

Café de la Paix: Kaffeepause mit Blick auf die Oper
IHG

Café de la Paix: Kaffeepause mit Blick auf die Oper

Kein Land bekommt die Sache mit der Eleganz so gut hin wie unsere französischen Nachbarn. Im Café de la Paix ist das ganz besonders der Fall. Die Eröffnung 1862 mit dem sich anschließenden Grand Hotel stand am Ende einer radikalen Stadterneuerung.

Die hatte Baron Haussmann mit aller Härte ausgeführt. In ihrem Zuge waren rund 20.000 Häuser abgerissen worden. Haussmann schuf jene breiten Boulevards, auf denen die Pariser heutzutage flanieren. Der ganze Block, in dem auch das Café de la Paix untergebracht ist, wurde von Charles Garnier entworfen, der auch die Oper schräg gegenüber baute. Das Grand Hotel (mit damals 800 Zimmern!) und sein Café waren die neuen Aushängeschilder eines aufstrebenden Frankreichs.

Es wurde an nichts gespart. Dennoch geriet das Gold an Säulen und Wänden nicht zu protzig, die Fresken an den Decken waren nicht zu schwülstig und die Ornamente an Türen und Pilastern verliehen den Räumen eine gewisse Leichtigkeit. Erst seit 2003 können Besucher wieder die Eleganz des Café de la Paix erleben. Nach einem langen Niedergang wurden Café und Hotel, das heute von Intercontinental gemanagt wird, restauriert.

5 Place de l'Opéra, geöffnet täglich von 7 bis 0.30 Uhr, www.cafedelapaix.fr.

Prag: Grand Café Orient - Ein Stück Kuchen mit Kubismus, bitte!

Grand Café Orient: Origineller Innenraum im ersten Stock
SRT/S. v. Kamptz

Grand Café Orient: Origineller Innenraum im ersten Stock

Nicht jeder Dornröschenschlaf dauert 100 Jahre. Beim Grand Café Orient waren es nur 80. Dennoch hört sich die Geschichte dieses Kaffeehauses fast unglaublich an: Das Orient entstand 1912 im "Haus zur Schwarzen Muttergottes". Der Name stammt von der schwarzen Barockfigur, die an der Ecke des Gebäudes angebracht ist. Entworfen hat es der Architekt Josef Gocár. Und der war ein Anhänger des Kubismus - so wie ihn einst Pablo Picasso und Georges Braques formuliert hatten.

Prag zählte vor dem Ersten Weltkrieg zu den Trendsetter-Metropolen Europas und scheute kein Experiment. Auch nicht den Versuch, Kubismus in die Architektur zu übersetzen. Entstanden ist so ein äußerst eigenwillig gestaltetes Eckhaus, in dessen Beletage sich das Grand Café Orient befand. Allerdings existierte es nur rund zehn Jahre, dann geriet es in Vergessenheit. Erst 2005 hat es der Unternehmer Rudolf Brinek zu neuem Leben erweckt.

Wer das Café heutzutage besucht, der kommt in den Genuss eines sorgfältig restaurierten Raums, der an Originalität kaum zu übertreffen ist. Angefangen von den grün-gestreiften Polsterbänken, den prächtigen Messingleuchtern mit ihren Stoffschirmen bis hin zu den Tür- und Fensterbeschlägen - hier wurde auf jedes Detail geachtet. Ein Höhepunkt für Architekturfans: das enge spiralförmige Treppenhaus.

Dum U Cerné Matky Boží, ein paar Schritte vom Pulverturm Richtung Altstädter Ring, täglich geöffnet bis 22 Uhr, www.grandcafeorient.cz.

Venedig: Caffè Florian - der Klassiker unter den Cafés

Caffè Florian: stolze Preise, stolze Geschichte
SRT/S. Ehegartner

Caffè Florian: stolze Preise, stolze Geschichte

Viel ist über dieses fast 300 Jahre alte Kaffeehaus geschrieben und noch mehr geschimpft worden - vor allem über dessen stolze Preise. Aber Geschichte hat eben ihren Preis. Und das Florian hat davon jede Menge - nicht nur, weil hier Casanova auf seiner Flucht noch schnell einen Espresso herunterschüttete.

Das Caffè Florian, das bei seiner Gründung 1720 noch ein wenig großspurig "Bottega del caffé" hieß, war der Ort, an dem Italiens erste Zeitung entstand. Und ab 1848 entwickelte sich das Kaffeehaus in ein Zentrum des Widerstands gegen die k.u.k.-Monarchie. Größen wie Marcel Proust, George Sand, aber auch Lord Byron, Balzac und natürlich Goethe kehrten hier ein. Seinen so typischen, immer etwas morbiden Look erhielt das Caffè Florian Mitte des 19. Jahrhunderts. Unübertroffen ist an warmen Tagen der Platz unter den Arkaden. Hier kann man das Freizeitverhalten der gesamten Welt an einem Ort beobachten.

Dennoch sollte man einen Blick ins Café wagen. Das Labyrinth aus verschachtelten Räumen wurde von venezianischen Künstlern gestaltet. In der "Sala degli Uomini Illustri" versammeln sich an den Wänden zum Beispiel Künstler wie der Maler Tizian, der Dichter Goldoni und der Globetrotter Marco Polo. Tipp: Machen Sie es wie die Venezianer und trinken Sie ihren Espresso im Stehen am Tresen - das kostet nur einen Bruchteil und die Räumlichkeiten kann man dennoch genießen.

Piazza San Marco, täglich geöffnet von 10 bis 23 Uhr, www.caffeflorian.com.

Wien: Café Sacher - Torte muss sein

Berühmt für seine wunderbare Torte: Das Café Sacher in Wien
SRT/Jens Schulze

Berühmt für seine wunderbare Torte: Das Café Sacher in Wien

Ohne die berühmte Sachertorte würde es vermutlich kein Hotel Sacher und auch kein Café Sacher geben. So aber hat 1832 Franz Sacher im zarten Alter von 16 Jahren diese wunderbare Schokoladentorte für seinen Dienstherren Fürst Metternich erfunden. Sein Sohn hat dann als Hoflieferant den Reibach mit der Torte gemacht. So konnte er sich 1876 das imposante Maison meublé vis-à-vis der neuen Oper leisten. Das Stadtpalais wurde schnell zu einer der besten Adressen in Wien. Und mit ihm das Café.

Das strahlt auch heute noch eine so gediegene Atmosphäre aus, als würden immer noch Männer in steifen Gehröcken und Zylindern sowie Damen in Korsetts und Hauben das Etablissement frequentieren - auf eine Melange und einen Schwatz. Schwarz, Rot und Eierschalenweiß sind die bestimmenden Farben des Interieurs. Die zwei Räume des Cafés wirken wie ein Wohnzimmer - natürlich ein sehr elegantes. Das Beste daran: eine umlaufende, ebenfalls rotgepolsterte Bank. Die ist nicht nur komfortabel, sondern bietet den besten Blick ins Café.

Philharmonikerstr. 4, täglich geöffnet von 8 bis 24 Uhr, www.sacher.com.

Tinga Horny/srt/beh



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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
vbhfgdl 08.03.2015
1. Wien ...
… das Café Imperial ist um Klassen besser als das Sacher - und die Imperial-Torte schlägt die vielgerühmte Sachertorte um Längen ...
pfzt 08.03.2015
2.
Alles schön und gut aber wie kann man denn bloß das Slavia und das Louvre in Prag vergessen bzw ignorieren?
coulivili 08.03.2015
3. Ein Grund mehr...
... Stillschweigen zu bewahren. Lasst doch die Touris ins Sacher rennen und behaltet die Tipps endlich für Euch, damit sie bleiben, wie sie sind.
nordwestdeutscher 08.03.2015
4.
Welches ist denn das bedeutendste Kaffeehaus Deutschlands?
martinm007 08.03.2015
5. Wie kann man
eines der ältesten (wenn nicht das älteste) Kaffeehaus Europas - The Grand Café - in Oxford vergessen? Leider sehr unvollständig die Liste
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