Flanieren in Paris Rechtes Seine-Ufer wird Fußgängerpromenade

Chillen an der Seine: Paris sperrt eine Uferstraße für den Autoverkehr und bekommt eine weitere Fußgängerpromenade im Herzen der Stadt. Auch andere Metropolen machen ihre Zentren zum Teil autofrei.

AFP

Das rechte Seine-Ufer im Zentrum von Paris wird künftig alleine Fußgängern und Radfahrern vorbehalten sein. Der Stadtrat der französischen Hauptstadt stimmte am Montag für die dauerhafte Umwandlung der Verkehrsachse in eine Promenade. Seit dem Sommer war die Straße auf der Höhe vom Louvre bis zum Rathaus für Autos und Motorroller bereits provisorisch gesperrt.

Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo erklärte über Twitter, dies sei eine historische Entscheidung. Damit könnten die Bürger das Seine-Ufer zurückerobern, die Zeit der Stadtautobahn am Fluss sei beendet. Das Votum fiel mit der Mehrheit linker Parteien im Stadtrat sowie der Grünen. Dagegen stimmten die Konservativen.

Das Seine-Ufer in Paris mit seinen zahlreichen Sehenswürdigkeiten wie Eiffelturm und Notre Dame zählt seit 1991 zum Weltkulturerbe. Im Jahr 2013 hatte die Stadtverwaltung bereits eine Schnellstraße am linken Fluss-Ufer für den Verkehr geschlossen, dort entstanden unter anderem Bars, kleine Gärten und Picknickplätze. Auf dem rechten Ufer wurden während des Sommers für die Ferienaktion "Paris Plages" Sand aufgeschüttet und Liegestühle aufgestellt.

So sieht es seit 2013 am linken Seine-Ufer aus:

Fotostrecke

8  Bilder
Linkes Seine-Ufer: Flaniermeile seit 2013

Der Entscheidung zur endgültigen Schließung der rund 3,3 Kilometer langen Schnellstraße Georges Pompidou am rechten Ufer gingen monatelange Auseinandersetzungen voraus. Die Kritiker argumentierten, es werde nach Sperrung der Verkehrsachse mit täglich rund 43.000 Autos riesige Staus im Zentrum geben. Eine Petition gegen die Umwandlung der Uferstraße unterzeichneten rund 11.000 Menschen. Ein "Projekt unsäglicher Dummheit", schimpft Pierre Chasseray vom Verband 40 Millionen Autofahrer.

Bürgermeisterin Hidalgo führt dagegen an, die Promenade sei ein Gewinn an Lebensqualität für Einwohner und Touristen. Der Polizeipräfekt von Paris kündigte an, den Verkehrsfluss in der Innenstadt nach Schließung der Uferstraße regelmäßig zu überprüfen. Der Beschluss der Stadtverwaltung sieht vor, dass die Entscheidung rückgängig gemacht werden kann, wenn die Störungen zu groß sind.

5,5 Millionen Euro sollen für die Umgestaltung des Geländes investiert werden. Hidalgo sieht sich mit ihrer Politik, Autos weniger Platz zu geben und stattdessen öffentliche Verkehrsmittel und Fahrräder zu fördern, im Trend: "Alle Städte der Welt gehen in diese Richtung. Und ich möchte nicht, dass Paris hinterherhinkt."

Unter den Metropolen, die versuchen, ihre Zentren fußgängerfreundlicher und attraktiver zu gestalten, sind:

  • Madrid: Hier säumte die Stadtautobahn bis vor wenigen Jahren beiderseits den Fluss Manzanares. In einem aufwendigen Milliardenprojekt verlegte die Stadtverwaltung die Schnellstraßen in Tunnel Inzwischen sind die Uferzonen beidseitig zu dem riesigen Landschaftspark "Madrid Rio" umgestaltet, mit Bäumen, Bänken, Cafés, Spielplätzen, Sportfeldern sowie Dutzenden Brücken, über die Fußgänger, Radfahrer und Inlineskater zwischen beiden Seiten wechseln können.
  • Rom: Der damalige Bürgermeister Ignazio Marino machte jene Straße, die an den Kaiserforen entlang zum Kolosseum führt, komplett zur Fußgängerzone. Zwar hob seine Nachfolgerin Virginia Raggi das Verbot für Taxen und Busse wieder auf, aber ab 2017 soll die bei Touristen beliebte Straße endgültig Fußgängerzone sein. Auch die Via della Conciliazione am Petersdom wurde während des laufenden Heiligen Jahres teilweise für Autos gesperrt.
  • Moskau: Die russische Hauptstadt hat sich in den vergangenen Jahren herausgeputzt. Viele Straßen wurden zu Fußgängerzonen mit Läden und Cafés umgestaltet. Allein umgerechnet rund 300 Millionen Euro hat die Stadt dieses Jahr der Agentur Tass zufolge ausgegeben, um Bürgersteige neu zu pflastern, Radwege zu bauen und Straßen mit Grünflächen zu schmücken. Bequeme Sitzbänke aus Holz laden seit diesem Sommer an pulsierenden Boulevards zum Verweilen ein. Bis zur Fußball-WM 2018 will sich Moskau als modern und lebenswert präsentieren.
  • Oslo: In Norwegen gibt es Pläne, die Fußgängerzone in der Hauptstadt zu vergrößern und weite Teile der Innenstadt für den Autoverkehr zu sperren. Damit will man nicht nur Fußgängern das Einkaufen erleichtern, sondern vor allem das Autofahren im Zentrum unattraktiver machen. Bis 2020 soll der Autoverkehr um 20 Prozent verringert werden. Die Stadt am Fjord ist außerdem seit Jahren dabei, den Verkehr von der Wasserlinie weg zu bekommen und durch Tunnel zu leiten.
  • Thessaloniki: In der griechischen Hafenstadt wurde 2013 eine 3,5 Kilometer lange Hafenpromenade fertiggestellt, die sich vom berühmten "Weißen Turm" bis zum Konzerthaus zieht. Seither lieben die Städter ihre "Nea Paralia" und genießen den größten öffentlichen Raum der Metropole auf Spaziergängen, beim Fahrradfahren oder Inlineskaten.

abl/AFP/dpa



insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
trompetenmann 26.09.2016
1. Sehr gut...
Wird Zeit, dass sich die Menschen die Vorherrschaft in den Innenstädten von den Autos wieder zurück erkämpft!
eugler 26.09.2016
2. Großartig
Mehr Autos führen zu mehr Autos, mehr Fußgänger zu mehr Fußgänger zu mehr Gesundheit zu mehr Lebensqualität - meinen zumindest die Forschungsergebnisse zu diesem Thema. Ich finde es so oder so großartig
moev 26.09.2016
3.
Zitat von trompetenmannWird Zeit, dass sich die Menschen die Vorherrschaft in den Innenstädten von den Autos wieder zurück erkämpft!
Natürlich wäre das umso konsequenter wenn es nicht die Menschen selbst wären, die in diesen Autos sitzen. Letztlich ist es Sache der Anwohner damit glücklich zu werden oder eben nicht. Einige werden es begrüßen, andere ablehnen und man muss abwarten ob es ehemalige Befürworter irgendwann bereuen (wenn sie nicht mehr an ihre Häuser kommen) und es ehemalige Gegner irgendwann begrüßen (wenn alles halb so schlimm war und die Ruhe so herrlich ist)
Stäffelesrutscher 26.09.2016
4.
»Eine Petition gegen die Umwandlung der Uferstraße unterzeichneten rund 11.000 Menschen.« Bei 11 Millionen Einwohner im Großraum Paris ist das natürlich eine überwältigende Zahl.
sonorian 27.09.2016
5. Paris ist schon viel weiter....
...als zum Beispiel das verschnarchte Berlinchen. Wenn ich an die legendären Konzerte auf den Champs Élysées denke (zum Beispiel von Jean-Michel Jarre, der schon 1979 mal locker eine Million Menschen anlockte, umsonst und draußen) - lange vor Love Parade & Co. Sie haben ein Fahrrad-Leihsystem, das eifrig von der halben Welt kopiert wird, und für die relativ neuen Straßenbahnen wurden ganze Straßenzüge radikal verändert. Paris-Plages gibt es seit über 10 Jahren und wird immer größer. Da ist die neue Fußgängerpromenade nur ein weiterer, logischer Schritt, und wird hoffentlich bald verlängert - bis zum Eiffelturm? Alles ist möglich, nur nicht in Deutschland.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.