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Radfahren in Paris: Die Vélorution geht weiter

Von Stefan Simons, Paris

Express-Schneisen, Radboxen, Förderung für E-Bikes: Paris soll endgültig fahrradfreundlich werden. Bürgermeisterin Hidalgo will mit ihrem "Plan Vélo" eine echte Fahrradmetropole schaffen. Nicht jedem gefällt das.

Verkehrspläne in Paris: Ab aufs Rad Fotos
Stefan Simons

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18.20 Uhr, Rue de Rivoli, Paris. Auf der Ost-West-Achse von der Place de la Bastille bis zur Place de la Concorde geht nichts mehr. Längs des Tuilerien-Gartens drängen sich Taxen, Busse und Pkw. Motorräder, Mopeds und Vespas scheren aus, wechseln auf die markierte Fahrradspur und brettern vorbei an erschreckten Radfahrern.

"In Paris muss man als Radfahrer besonders aufpassen", sagt Eric S., 65, der auf dem Heimweg ins 16. Arrondissement ist. Der Rentner entdeckte das Velo als Fortbewegungsmittel gezwungenermaßen - während der großen Streiks im Nahverkehr 1995. "Seither bin ich, wenn immer möglich, mit dem Rad unterwegs." Nach zwei Stürzen weiß der Ex-Banker aber: "Immer mit Helm und Handschuhen."

Staus, Abgasschwaden, Verkehrsverstöße - das ist ganz alltägliches Chaos in Frankreichs Hauptstadt. Und in der Hackordnung der Verkehrsteilnehmer, die sich die Straßen und Avenuen von Paris teilen, rangieren die Radfahrer an letzter Stelle: Laut der Unfallstatistik für das vergangene Jahr - 3388 Verkehrstote gab es landesweit - stieg der Anteil der Radfahrer um acht Prozent. "Ohne jeden Schutz", kommentiert die Polizeipräfektur von Paris, "sind Radfahrer besonders verwundbar."

Angenehmer, lieblicher, lebhafter

Nach dem Willen von Bürgermeisterin Anne Hidalgo wird sich das drastisch ändern. Mit ihrem "Plan Vélo" soll Paris zum wahren Fahrradparadies werden.

Zwar hat die Zahl der Radler in Paris seit Einführung der Leihräder "Vélib" 2007 stetig zugenommen - rund 400.000 Fahrten werden täglich per Pedalantrieb erledigt, 286.000 Pariser verfügen über ein Jahresabonnement. Doch trotz der deutlichen Erweiterung des Radwegenetzes, Fahrradampeln, gemeinsamen Bus- und Rad-Spuren und der Erlaubnis, Einbahnstraßen in Gegenrichtung zu befahren, bleibt spürbar, dass sich die Stadtplanung über Jahrzehnte am Fortbewegungsmittel Auto orientiert hat.

Sozialistin Hidalgo will daher nicht nur Verkehrslärm verringern und die Luftverschmutzung absenken, die sich kürzlich wieder als giftige Glocke über die Seine gelegt hatte. Rechtzeitig bevor Frankreichs Metropole zum Jahresende Gastgeber des Weltklimagipfels ist (Motto: "Paris für das Klima"), soll der Ballungsraum eine "angenehmere, lieblichere und lebhaftere Stadt" werden.

Das Ziel der sozialistisch-kommunistisch-grünen Koalition: mehr Bürger raus aus Auto, Bus und Metro - und rauf auf das Velo. Dazu verabschiedete der Stadtrat ein Investitionspaket von 150 Millionen Euro.

  • Dafür wird das Radwegnetz auf 1400 Kilometer verdoppelt, mit zwei Rundparcours im Stadtkern und einer Strecke entlang der Boulevards am Rand der Metropole.
  • Parallel dazu werden die innerstädtischen Zonen mit Geschwindigkeitsbeschränkungen auf eine Länge von 30 Kilometern ausgeweitet.
  • Zusätzlich sollen zwei Velo-Express-Schneisen in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung schnelleres Fortkommen erleichtern und dabei das "Zusammenleben und die Sicherheit der Radfahrer garantieren".
  • Ergänzt wird der Ausbau durch 10.000 zusätzliche Parkplätze vornehmlich an den Bahnhöfen, zum Teil als abschließbare Boxen. Zusätzlich wird der Kauf von E-Bikes und Transport-Fahrrädern mit zehn Millionen Euro gefördert.

Dahinter steckt ein bewusster politischer Richtungswechsel: "Wir nehmen den Autos Platz weg, um ihn den Fahrrädern zuzuschlagen", erklärt Christophe Najdovski seine Zukunftsvision. Für den grünen Vizebürgermeister von Paris, zuständig für das Verkehrswesen, geht es um nicht weniger als die "Rückeroberung und die bessere Aufteilung des öffentlichen Raums".

Keine Helmpflicht geplant

Skepsis ist erlaubt, denn Projekte zum Ausbau der Radwege existieren schon seit über 30 Jahren: mal als "Korridore der Höflichkeit", mal als "Generalplan" gepriesen. "Wir werden nicht binnen fünf Jahren die Führung der Fahrradmetropolen übernehmen", sagt Najdovski zur Vision eines Velo-Amsterdams an der Seine. "Aber wir wollen wenigstens in die Spitzengruppe."

Nicht allen Anwohnern der Metropole gefällt der bezuschusste Umstieg. Transportfirmen, Tourismusunternehmen und manche Pendler betrachten den Kurs des Stadtrats ("Alles, nur kein Auto") als ökologisches Diktat. "2020 dürfte das Paris von Hidalgo so aussehen wie das Peking unter Mao während der Sechzigerjahre", schimpfte das Wirtschaftsmagazin "Challenges".

Davon ist das Paris der Bürgermeisterin anno 2015 allerdings weit entfernt. Denn auch ihre "ambitionierte Vorgabe" kommt vergleichsweise bescheiden daher: Binnen der nächsten fünf Jahre soll die Zahl der Fortbewegungen per Rad von derzeit 5 auf 15 Prozent steigen.

"Das Velo liegt im Trend. Es ist schadstofffrei, die Bewegung tut gut, und in Paris ist es meistens auch das schnellste Fortbewegungsmittel", meint der als "Monsieur Vélo" apostrophierte Grüne Najdovski. Und nein, für eine Helmpflicht ist der Vizebürgermeister nicht: "Damit würden wir bloß vermitteln, dass Fahrradfahren gefährlich ist."

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insgesamt 64 Beiträge
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1. Verkehrssünder willkommen
mare56 15.05.2015
In der Hackordnung sind ganz sicher die Fußgänger ganz unten. In der Verkehrssünder-Tabelle nehmen Radfahrer mit großem Abstand den Spitzenplatz ein!
2.
dodgerone 15.05.2015
Wir Deutschen sind doch nicht besser. Aber da immer mehr Wohlhabende in die Innenstädte der Grossstädte ziehen mach ich mir keine Sorge... den Dreck will keiner in der Stadt haben. Hier in Mannheim frag ich mich wie blöd man sein kann eine 4-spurige Strasse mitten durch die Innenstadt zu legen. Aber so sind wir Deutschen... keinen Weitblick.
3. Radfahren i Paris
jonas4711 15.05.2015
ist problemlos möglich und macht Spaß. War schon 2mal in Paris und brauche keine Metro mehr. Ganz andrs ist es in Italien route Mailand -Bologna der reinste Horror. ..es gibt kaum radwege und die angebotenen sind eine Zumutung. man fährt ständig im Dreck und Abgasgestank dazu kommt die lebensfrohe italienische Art knapp an einem vorbei zu fahren. ..Paris und Frankreich sind unbedingt für Radfahrer ein Erlebnis.
4.
claus75019 15.05.2015
Eigentlich ist das Fahrrad in Paris ideal. Die Stadtfläche ist passend. Und Paris ist zu schön um durch dunkle Röhren zu fahren. Geholfen wäre dem Fahrradverkehr wenn nicht nur immer wieder irgendwelche Gesetz erlassen werden sondern auch auf ihre Einhaltung geachtet wird. Und das bei allen Verkehrsteilnehmern Fahrrad eingeschlossen.
5. schoen
ofelas 15.05.2015
als (ehemaliger) Muensteraner freut mich das Paris nachzieht! London ist auch auf dem besten Weg dahin, bitte auch mal darueber berichten
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