Pariser zeigen ihre Stadt Paradies im Großstadtdschungel

Dominique Cotto ist Pariser - und freiwilliger Stadtführer. Wie viele andere "Paris-Greeters" zeigt er den Gästen, was ihm in seiner Stadt am Herzen liegt: Seine Lieblinge sind ein Dorf im Dornröschenschlaf, verwunschene Hinterhöfe und Quartiergärten auf der Butte Bergeyre.


Paris - Wer mit Dominique Cotto auf Entdeckungsreise geht, sollte kein Paris-Novize sein. Denn der 52-jährige Ingenieur zeigt nicht die Seiten der Stadt, die jeder schon von Postkarten oder aus dem Fernsehen kennt. Dominique ist Präsident der Vereinigung "Ein Tag Pariser, immer Pariser", die den ausländischen Touristen "ihr" Paris zeigen will: Eine Stadt voller Gegensätze, in der gleich neben dem Eiffelturm und der Basilika Sacré-Coeur malerische Villen, verwilderte Gärten und gemütliche Kneipen mit schiefen Lampen und abgegriffenen Holzvertäfelungen liegen, ein Paris voller versteckter Schönheiten und ganz eigenem Lebensgefühl.

"Wir sind rund hundert Freiwillige. Jeder kennt sein Viertel in- und auswendig, seine Geschichte und seine Einwohner", sagt Dominique. Und weil der studierte Physiker vor mehr als einem halben Jahrhundert das Licht der Welt im 19. Arrondissement erblickt hat, führt seine Reise auf Schusters Rappen an diesem Tag durch die Straßen und Gassen um den Parc des Buttes Chaumont im Nordosten der Stadt herum.

Ausgangspunkt des Spaziergangs ist der Platz Colonel Fabien, vor 1945 auch Place du Combat, Platz des Kampfes, genannt. Hier fanden zu Beginn des 19. Jahrhunderts Tierkämpfe aller Art statt. Heute ist der Platz vor allem wegen des Ufo-ähnlichen Gebäudes des brasilianischen Architekten Oscar Niemeyer bekannt, in dem sich der Sitz der Kommunistischen Partei Frankreichs befindet.

Paradies mitten im Großstadtdschungel

Von der belebten Avenue Mathurin-Moreau aus führt Cotto seine Gäste in die Rue des Chaufourniers. Der Straßenname leitet sich aus "chaux" (Kalk) und "fourneau" (Ofen) ab und erinnert daran, dass hier einst tonnenweise Kalk abgebaut wurde und ein bedeutender Steinbruch lag.

Aus diesem Grund steigen die Straßen um den Park Buttes Chaumont, die zweithöchste Erhebung der Stadt, fast alle steil an, und die Treppenaufgänge des Viertels verlangen ihren Tribut an Sportlichkeit. Deshalb legt Cotto nach den 80 Stufen der Rue Michel Tagrine auch eine kleine Verschnaufpause ein. Er ist auf der knapp hundert Meter hohen Butte Bergeyre angekommen: ein Paradies mitten im Großstadtdschungel, ein Dorf im Dornröschenschlaf.

Üppig wuchern in der Rue Philippe-Hecht weißer Flieder und blaue Glyzinien über Mauern und Zäune. Manche Häuser sind so sehr mit immergrünem Efeu bewachsen, dass nur noch die Fenster zu sehen sind.

Das Dorf auf dem Hügel besteht aus fünf Straßen, eine pittoresker als die andere. Das Kleinod im Nordwesten von Paris ist keine Utopie, auch wenn der winzige Lebensmittelladen in der Rue Rémy-de-Gourmont, auf Französisch "épicerie", den Namen "Utopicerie" trägt.

Am Fuß des Hügels ragen mehrstöckige Häuserblöcke in die Höhe, deren Innenhöfe an ihm kleben wie Nester an den Klippen. Der Blick von der Rue Barrelet-de-Ricou auf diese tief unten liegenden Hinterhöfe zeigt: In vielen hat die Natur die Oberhand gewonnen. Einige sind völlig mit Gras und Büschen zugewachsen, in anderen dringen riesige Bäume durch den Beton, deren Wipfel die Höhe des Hügels erreichen - und der ist doppelt so hoch wie der Pariser Arc de Triomphe.

Die Pavillons erinnern an die Villa Kunterbunt, das Haus von Pippi Langstrumpf, Astrid Lindgrens sympathischer Heldin mit den roten Haaren. Sie sind ebenso bunt und verwinkelt. Einige Fassaden durchziehen riesige Risse. "Der Untergrund ist durch jahrhundertelangen Kalkabbau durchlöchert und instabil", erklärt Dominique. Deshalb durfte nie höher als zwei Stockwerke gebaut werden. Hier oben fühlt man sich wie in einer Puppenstube: Alles ist klein und gemütlich. So auch der gemeinschaftlich genutzte Quartiergarten.

Grüne Guerrilla unterwegs

In Paris gibt es rund 25 solcher "jardins partagés", geteilter Gärten, die meist in den äußeren Arrondissements liegen. Die Idee stammt aus New York. Dort warf in den siebziger Jahren die "Green Guerilla" Samen auf brachliegende Parzellen im Zentrum der Stadt. In Paris fiel diese Idee erst vor knapp zehn Jahren auf fruchtbaren Boden.

Der "jardin partagé" auf der Butte Bergeyre wurde im September 2004 eröffnet. Er ist öffentlich und der ganze Stolz der Hügel-Bewohner. "Er ist unser Jardin du Luxembourg", sagt einer von ihnen. Mit zwei Ausnahmen: Er ist um ein Vielfaches kleiner, bietet jedoch einen Blick auf die Häuser von Paris, der nur noch vom Eiffelturm aus spektakulärer ist.

In diesem Quartiergarten endet der erste Teil der Entdeckungsreise mit Dominique und seiner vor knapp einem Jahr gegründeten Vereinigung. Teil zwei für Touristen, die "echte" Pariser werden wollen, steht in der Woche darauf auf dem Programm: ein Rundgang durch das Quartier Amérique, wo es herrliche "Villen" gibt, wie die kleinen Gassen mit schicken Häusern heißen, eine russisch-orthodoxe Holzkirche und Brot, das noch aus dem Holzofen kommt.

Von Sabine Glaubitz, dpa



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