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13. Mai 2011, 16:55 Uhr

Partytouristen

Berlin liebt dich, Berlin liebt dich nicht

Rollende Kneipen, Müll, laute Musik bis zum Morgengrauen: In Berlin beschweren sich Anwohner über Gäste aus dem Ausland. Kann es sich die Stadt leisten, Besucher zu vergraulen? Nein, sagt nicht nur der Tourismuschef. Auch die Clubbesitzer haben viel zu verlieren.

Berlin - Sind die vielen Partytouristen ein Segen oder eine Landplage für Berlin? Tourismus-Chef Burkhard Kieker sagt, er sei sogar schon vom "Wall Street Journal" auf das Thema angesprochen worden. Sein Standpunkt: Es wird zu viel über die internationalen Gäste geschimpft.

Eine Grünen-Podiumsdiskussion für entnervte Anwohner in Kreuzberg hatte den Hype entfacht. Das Motto lautete "Hilfe, die Touris kommen". Dann tauchten Aufkleber auf, die den Besuchern vermitteln sollen: "Berlin liebt dich nicht". Das ist ungünstig für eine Stadt, die sich für ihr cooles Nachtleben rühmt.

Nun wurde der Chef der städtischen Marketing-Organisation visitBerlin deutlich. "Einen Ballermann-Tourismus habe ich hier noch nicht entdeckt", sagte Kieker am Freitag, als er zusammen mit Berliner Clubs das Sommerprogramm der Stadt vorstellt. Die Kritik an den Besuchern könne Intoleranz oder vielleicht sogar Fremdenfeindlichkeit vermitteln, warnt er. "Das können wir überhaupt nicht gebrauchen."

"Die Stadt lebt von Touristen"

In Berlin boomt der Tourismus. Seit Jahren folgt ein Rekord dem anderen. Allein von Januar bis März 2011 wurden vier Millionen Übernachtungen registriert. Das Rattern der Rollkoffer gehört zur Stadt wie das Donnern der U-Bahn. Viele Besucher sind jung und kommen aus dem Ausland. Ob auf der Admiralbrücke am Landwehrkanal oder in den Kneipen - überall ist Englisch, Spanisch und Französisch zu hören.

Die Berliner Clubs, die zunehmend mit Behörden und Anwohnerbeschwerden kämpfen, sind auf die Partytouristen angewiesen. Gregor Kraemer vom Club der Visionäre versteht die aufgeheizte Debatte nicht: "Die ganze Stadt lebt von Touristen." Christoph Klenzendorf, der bald mit Kater Holzig den Nachfolger der berühmten Bar 25 öffnet, sieht den Berliner Senat in der Pflicht, neue Orte zu schaffen und dafür die Behörden ins Boot zu holen. "Wo sollen denn die ganzen Touristen hin?"

Tatsache ist jedoch auch, dass viele Kiez-Bewohner unter Lärmbelästigung leiden und mit Müllproblemen zu kämpfen haben. Auch Tourismus-Chef Kieker kann ihre Nöte nachvollziehen und appelliert an Ordnungsamt und Polizei zu helfen. Nicht alles, was der Tourismus mit sich bringt, gefällt ihm: wie unter der Hand vermietete Ferienwohnungen und die "Bier Bikes", die rollenden Kneipen, die durch Berlin kurven.

Runder Tisch in Kreuzberg

Um einen Interessenausgleich zwischen Kreuzbergern und Betreibern von Bars, Clubs oder Hostels herzustellen, hat Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne) ein Mediationsverfahren eingeleitet. "Wir haben bereits in der vergangenen Woche einen Runden Tisch mit Anwohnern des Wrangelkiezes, dem Wirtschaftsstadtrat, einem Vertreter des Quartiersmanagements und mir einberufen", sagte Schulz. Die nächste Sitzung soll im Juni stattfinden.

Den Vorwurf, die Kreuzberger seien touristen- oder gar fremdenfeindlich, wies er zurück. "Die Kreuzberger haben mit ihrer multikulturellen Lebensweise gezeigt, wie tolerant und weltoffen sie sind", sagte er. Gleichwohl müsse man die Sorgen von Anwohnern ernst nehmen und dürfe die Menschen "nicht alleine lassen". Deshalb habe er das Mediationsverfahren organisiert.

Vollgestellte Bürgersteige, zu viele Hotels

In diesem Zusammenhang erhob Schulz Vorwürfe gegen den Senat. "Man hat in der Vergangenheit zu sehr auf die Zahl der Übernachtungen und den Bau von Hotels geschaut, das hat in manchen Wohngegenden zu Konflikten geführt", sagte Schulz.

Vor allem im Wrangelkiez beschwerten sich Anwohner aus allen sozialen Schichten. Kritik gebe es wegen der Lautstärke und weil auf den Bürgersteigen aufgrund zu vieler dort stehender Lokal-Tische mit Kinderwagen kaum noch ein Durchkommen sei. Auch aus dem benachbarten Stadtteil Friedrichshain häuften sich derartige Beschwerden.

"Ich hoffe, dass sich das alles einpendelt", sagt Tourismus-Chef Burkhard Kieker.

Caroline Bock, dpa/dapd

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