Passagen und Hinterhöfe Die Geheimnisse von Paris

Wer in Paris auf Erkundungstour geht und dabei einen weiten Bogen um Eiffelturm und Louvre macht, der stößt auf überdachte Passagen, auf versteckte Hinterhöfe und schmale Sackgassen mit dem Charme längst vergangener Zeiten. Flanierende Shopper kommen hier ebenso auf ihre Kosten wie Fans großartiger Architektur.


 Wachsfigurenmuseum Grévin in der Passage Jouffroy:  Stilvoll flanieren, in antiquarischen Büchern schmökern und aufgestellte Büsten bewundern
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Wachsfigurenmuseum Grévin in der Passage Jouffroy: Stilvoll flanieren, in antiquarischen Büchern schmökern und aufgestellte Büsten bewundern

Paris - Paris ist eine lärmige Weltstadt. Ungeduldig hupen Autofahrer im Stau vor der Oper oder auf den Champs-Elysées. Dazu die alltägliche Hektik im urbanen Getriebe. Jenen gemütlichen Franzosen, der mit einem Béret auf dem Kopf im Bistro seinen Pastis schlürft, findet man vielleicht noch auf dem Lande - hier nicht. Und doch hat die umtriebige Schöne an der Seine eine Menge Nostalgisches zu bieten.

Was abseits der großen Boulevards auf den interessierten Spaziergänger wartet, sind die früheren Zufluchtsorte all jener, die im Labyrinth der Großstadt nach einem lauschigen Plätzchen suchten, unter sich sein oder in Ruhe ihrem Handwerk nachgehen wollten. Ein paar Dutzend überdachte Passagen, wie sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts groß in Mode kamen, gibt es heute noch in Paris. Die verborgenen Hinterhöfe, oftmals neugierigen Blicken nicht so einfach zugänglich, sind ungezählt.

"Geile Straßen" des Handels, nur angetan, Begierden zu wecken, so nannte Walter Benjamin, ein Intimkenner von Paris, die Vorläufer der Kaufhäuser. Die Passagen seien "Tempel des Warenkapitals". Was später von Paris aus einen Siegeszug antrat in viele Großstädten der Welt, die auf sich hielten, entsprang zunächst einer ganz simplen Idee: das aufkommende Bürgertum vor dem Getöse und dem Dreck der Stadt zu bewahren, auch vor den plötzlichen Regengüssen und den gefährlichen Pferdekutschen. Er sollte in Ruhe Kaffee trinken und dem Luxus der eleganten Passagen-Boutiquen frönen können.

Italienisches Bodenmosaik und halbmondförmige Fenster

Die prächtige Passage du Grand Cerf (Passage des Großen Hirsches) mit ihrer hohen Glaskuppel, dem Marmorfußboden und dem schmiedeeisernen Geländer gehört zu den Zeugen der Vergangenheit, die fast ein Opfer des modernen Städtebaus geworden wären. Längst aus der Mode gekommen, weil der Bürgersteig eingeführt wurde und überall auf dem rechten Seine-Ufer die "Grands Magasins" aus dem Boden schossen, gammelte sie lange vor sich hin und war einsturzgefährdet. Erst vor einem Vierteljahrhundert begannen die Pariser, ihre Passagen wieder zu entdecken und zumindest einen Teil von ihnen zu restaurieren.

Passage Jouffroy: Ein paar Dutzend überdachte Passagen sind von einstmals mehr als 150 noch erhalten
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Passage Jouffroy: Ein paar Dutzend überdachte Passagen sind von einstmals mehr als 150 noch erhalten

Stilvoll flanieren, in antiquarischen Büchern schmökern und aufgestellte Büsten bewundern können Besucher der Passage Jouffroy mit ihrem attraktiven Eingangsportal am Boulevard Montmartre. Dies war die erste beheizte Passage der französischen Hauptstadt. Nach einer äußerst gelungenen Renovierung beherbergt diese Passage heute Orientläden und Boutiquen, die etwa ausgefallene Spazierstöcke oder exotische Muscheln feilbieten. Das Wachsfigurenmuseum Grévin zieht Touristen aus aller Welt an. Und das "Hotel Chopin" in der Passage - oben mit Blick über die Dächer von Paris - ist fast ständig "complet".

Zu den meistbesuchten und schönsten Passagen zählt die Galerie Vivienne nahe der Börse mit ihren uralten Antiquariaten, den kleinen Restaurants und den Teestuben unter einem Glasdach mit Spitzbögen und bemerkenswerter Kuppel. Ähnlich wie die schon von ihrer Fassade her einnehmende Galerie Véro-Dodat unweit vom Palais Royal zeichnet sich die Galerie Vivienne mit ihrem italienischen Bodenmosaik und den halbmondförmigen Fenstern in der Innenarchitektur als einheitliches Ensemble aus: Überbleibsel des Second Empire, knapp 150 Jahre danach weiter mit Leben erfüllt.

Empfindliches historisches Erbe

"In Paris denkt man auch mit den Füßen - so hat Honoré de Balzac das Phänomen beschrieben, dass der Pariser ein "Promeneur", also ein Spaziergänger ist. Kein Wunder also, dass die einstmals mehr als 150 Passagen und Galerien auch ein durchdachtes Netzwerk bildeten. "Mit diesen Passagen haben wir ein außergewöhnliches, aber auch empfindliches historisches Erbe", sagt der Architekt Jean-Claude Delorme: "Keine andere europäische Stadt verfügt über ein derartiges Fußgängernetz." Es zu erhalten, kostet Geld - die Passagen als Bürde.

Paris: Abseits der großen Boulevards gibt es viele stille Hinterhöfe und alte Ladenpassagen zu entdecken
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Paris: Abseits der großen Boulevards gibt es viele stille Hinterhöfe und alte Ladenpassagen zu entdecken

Denn beileibe nicht alle Passagen und Galerien sind in einem guten Zustand. Dafür reicht oft das Geld nicht aus. Viele Passagen sind im gemeinschaftlichen Besitz von privaten Eigentümern, was eine teure Renovierung nicht selten erschwert. Die Stadtväter bemühen sich aber, auch "vergessene" Galerien wie Brady, Prado oder Vendôme zu retten.

Im Gegensatz zu den Passagen sind die Pariser Hinterhöfe nicht denkmalgeschützt, und es wird auch nicht sehr viel Aufhebens um sie gemacht. Umso natürlicher spielen sie ihre Trümpfe aus. Zum Beispiel der verwinkelte, eigentlich aus zwei kleinen Höfen bestehende Cours du Bel-Air in Bastille-Nähe. Wie in etlichen Hinterhöfen am Faubourg Saint-Antoine wuchert hier vor allem der wilde Wein. Eine Siamkatze döst in der Sonne. Die dreistöckigen Häuser, die den Hof einrahmen, dienen auch als Schallschlucker. Die mittägliche Stille unterbricht nur der Aufseher. Er will nicht, dass Fremde einfach eindringen, auch wenn diese nur einen Blick auf seine Insel der Ruhe werfen möchten.

Uriger zeigt sich ein paar Schritte entfernt der Cours du Coq in der Rue Saint-Sabin. Den "Hahnhof", eigentlich eine gepflasterte winzige Sackgasse in einer einstmals ländlichen Umgebung, zieren Tomaten neben Stiefmütterchen und Rosen. Die Ritzen im Pflaster nutzt die Zitronenmelisse, um auch zu ihrem Recht zu kommen. Stolz recken sich die Hortensien, die die steilen Stiegen ins Innere der Häuser flankieren. Während Küchenduft in der Luft liegt und aus einer Wohnung Radiogeplapper dringt, wird nebenan hart gearbeitet. Denn eine Marketinggesellschaft hat sich am Hofende eingerichtet, um dort ungestört Seminare abhalten zu können.

Schuster hinter mächtigen Schuhbergen

Bretterzäune und Mauern verbergen die meisten dieser zahllosen kleinen Gärten und Hinterhöfe in Paris. Oder es ist eine Tür, für die man eine Codenummer wissen muss, und dann führt ein dunkler Gang zum Hof. Oder aber die Concierge, die Hausmeisterin in ihrer Loge, ist im besten Fall mal kein Drachen, sondern so liebenswürdig, Neugierige in den abgelegenen Hinterhof zu lassen.

Montparnasse-Museum:  Wer es nicht weiß, geht einfach vorbei
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Montparnasse-Museum: Wer es nicht weiß, geht einfach vorbei

Das gilt auch für die Impasse des Artisans, die Sackgasse der Handwerker in der Rue Vaneau nicht weit von Montparnasse. Wie in so vielen Fällen wirken hier in aller Stille noch Handwerker. In diesem Fall sitzen Schuster hinter mächtigen Schuhbergen. Fenster und Türen sind weit geöffnet. Und eine neue Klientel nutzt dieses beschauliche Ambiente - Yoga-Schulen haben sich angesiedelt, und in den kleinen Computerbüros scheint fast stressfreie Urlaubsstimmung zu herrschen.

Wer es nicht weiß, geht einfach vorbei. Das gilt sogar für den schmalen Hof des Montparnasse-Museums in der Avenue du Maine, obwohl hier keine wuchtige Tür oder ein Concierge den Weg versperrt. Der Hof ist wegen des Museums ein Treffpunkt der Kulturfreaks und sonst ein lauschiges Plätzchen für spielende Kinder. Mediterrane Gewächse und Fingerhut wachsen mit dem wilden Wein um die Wette.

Keine Buchhandlung und auch keine Modeboutique wie im Bel-Air-Hof finden sich in der einsamen Cité Véron in unmittelbarer Nachbarschaft des Moulin Rouge und der Place Pigalle - also dort, wo der Montmartre am quirligsten ist. In dieser schmalen Sackgasse mit Hinterhofgärten trafen sich auf einer gemeinsamen Terrasse Meister des Surrealismus wie Eugène Ionesco oder Raymond Queneau. Sind sie anschließend den Montmartre hinab gestiegen ins Netz der Passagen, in dem sich andere Protagonisten ihrer so ausgefallenen Literatur immer gerne trafen?

Von Hanns-Jochen Kaffsack, gms



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